Aktualisiert 07.05.2019 06:44

Artensterben

«Die Schweiz ist am stärksten betroffen»

Nach dem schockierenden UNO-Bericht zum Artensterben fällt der Blick auch auf die Schweiz. In keinem Land sei der Anteil bedrohter Arten höher, so eine Expertin.

von
Sigrid Schatton
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Der Anteil der bedrohten Arten sei in keinem Land der Welt so gross wie bei uns, sagt Corina Gyssler, Mediensprecherin des WWF Schweiz.

Der Anteil der bedrohten Arten sei in keinem Land der Welt so gross wie bei uns, sagt Corina Gyssler, Mediensprecherin des WWF Schweiz.

zvg
Über ein Drittel der Pflanzen, Tiere und Pilzarten gilt laut der Expertin als bedroht. Die Haselmaus gehört auch dazu.

Über ein Drittel der Pflanzen, Tiere und Pilzarten gilt laut der Expertin als bedroht. Die Haselmaus gehört auch dazu.

nic Nature Photography
Nur noch selten am Schweizer Himmel zu sehen: der Bartgeier.

Nur noch selten am Schweizer Himmel zu sehen: der Bartgeier.

Pieroannoni

Corina Gyssler ist Mediensprecherin des WWF Schweiz. Im Gespräch mit 20 Minuten erklärt sie die Hauptursachen für das Artensterben in der Schweiz und was wir dagegen tun können.

Frau Gyssler, wie schlimm steht es um die Schweizer Artenvielfalt?

Schlimm. Der Anteil der bedrohten Arten ist in keinem Land der Welt so gross wie bei uns. Über ein Drittel der Pflanzen, Tiere und Pilzarten gilt als bedroht.

Über welche Arten sprechen wir?

Insekten, wichtige Bestäuber wie Bienen, aber auch Vögel, Reptilien, Fische und grössere Tierarten wie der Luchs oder Wolf, die die Artenpopulationen in unseren Wäldern regulieren sollten.

Und schuld ist der Mensch?

Der Mensch und seine intensive Landwirtschaft, die die Biodiversität zu wenig berücksichtigt. Für die Stromproduktion beispielsweise werden Flüsse und Bäche begradigt. Dadurch gehen natürliche Schutz- und Laichräume aquatischer Lebensarten verloren.

Der Anteil an bedrohten Lebensräumen und Arten in den Gewässern und Feuchtgebieten ist in der Schweiz besonders hoch. Nur noch 20 Prozent unserer Fliessgewässer entsprechen den Zielen der Gewässerschutzverordnung. Und diese 20 Prozent sind auch nicht ideal.

An an den in der Landwirtschaft eingesetzten Pflanzenschutzmitteln gehen viele Lebewesen einschliesslich Pflanzen zugrunde. Die Gifte sickern auch mit dem Regenwasser in unsere Gewässer.

Weitere Ursachen?

Die Siedlungspolitik, für die der Boden zubetoniert wird. Hier verschwindet wertvoller Lebensraum für Insekten, die die Grundlage für eine funktionierende Biodiversität darstellen. Diese Insekten sollten eigentlich Abfallstoffe abbauen, Pflanzenteile und Holz zersetzen, damit neuer Humus entsteht. Die ökologischen Ausgleichsflächen, die im Gegenzug angelegt werden, sind viel zu klein.

Und schliesslich die Klimaerwärmung, an der sich auch die Schweiz beteiligt.

Was müssen wir ändern?

Wir müssen mehr Naturschutzgebiete und Lebensräume für Arten schaffen und weniger Pestizide einsetzen. Hier ist eine bessere Siedlungs- und Verkehrspolitik erforderlich. Ausserdem müssen wir Fehlanreize wie etwa Subventionen für eine Landwirtschaft mit schädlichen Auswirkungen vermeiden.

Was kann ich als Einzelner tun?

Als Konsument kann ich auf biologische Nahrungsmittel zurückgreifen und den ÖV gegenüber dem Auto bevorzugen. Die Schweiz muss ihre CO2-Emissionen senken und damit auch einen Beitrag zur Reduktion der weltweiten CO2-Emissionen leisten.

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