Neonazi-Treffen: «Die Schweiz ist ein Rückzugsort für Rechtsextreme aus Deutschland»
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Neonazi-Treffen«Die Schweiz ist ein Rückzugsort für Rechtsextreme aus Deutschland»

In einer Pfadihütte in Rüti ZH fand am Wochenende ein Neonazi-Treffen statt. Unter den Anwesenden waren auch Rechtsextreme aus Deutschland. Ein Experte ordnet den Vorfall ein. 

von
Monira Djurdjevic
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Die Kantonspolizei Zürich hat am Samstagabend ein Treffen von Neonazis in Rüti aufgelöst.

Die Kantonspolizei Zürich hat am Samstagabend ein Treffen von Neonazis in Rüti aufgelöst.

Privat
In einem Pfadiheim hatten sich über 50 Personen versammelt.

In einem Pfadiheim hatten sich über 50 Personen versammelt.

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Zwei Dutzend Personen wurden weggewiesen.

Zwei Dutzend Personen wurden weggewiesen.

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In einem Pfadiheim in Rüti ZH hatten sich am Samstag über 50 Neonazis versammelt. Dafür waren auch Personen aus Deutschland eingereist. Einen Tag danach stürmten Rechtsradikale zum Abschluss der Zurich Pride einen Gottesdienst. Ebenfalls am Wochenende verhinderte die Kantonspolizei St. Gallen ein Treffen von Rechtsextremen in Kaltbrunn. Dirk Baier, Leiter des Instituts für Delinquenz und Kriminalprävention der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW), ordnet die Vorfälle für 20 Minuten ein.

Herr Baier, was sagen Sie zu den Ereignissen?

Die rechte Szene ist in der Schweiz zunehmend aktiv. Gerade jüngere Rechtsextreme vernetzen sich und planen Aktionen. Es geht um Aktionen, die Aufmerksamkeit erhalten, wie die Störung der Zurich Pride. Zugleich möchte man auch ungestört unter sich sein, wie die beiden Treffen zeigen. Generell belegen die Vorkommnisse, dass wir den Rechtsextremismus in der Schweiz nicht unterschätzen dürfen. 

Bereitet Ihnen die Entwicklung Sorge? 

Die Szene wird jünger und sichtbarer. Beides hängt sicher miteinander zusammen, weil junge Menschen ungeduldiger und eher bereit sind, Ideen in die Tat umzusetzen. Von daher besteht durchaus ein Grund zur Sorge. Gerade im Vergleich zu Deutschland, wo der Rechtsextremismus immer wieder auch die Schwelle zur tödlichen Gewalt in den letzten Jahren überschritten hat, ist die Szene in der Schweiz aber noch weniger extrem und gewalttätig.

Es gab gleich mehrere Vorfälle am Wochenende. Ein Zufall? 

Ich denke, dass es eher ein Zufall ist. Letztlich würde sich die rechte Szene ja schaden, wenn sie gezielt solche Vorfälle an einem Wochenende plant, weil dies jetzt eine zusätzliche Aufmerksamkeit von Polizei und Nachrichtendienst auf sich ziehen wird. Dass es zugleich Verbindungen zwischen den Personen gibt, die an den verschiedenen Vorfällen beteiligt waren, denke ich schon; die zentralen Personen der Szene sind gut vernetzt.

Unter den Teilnehmenden waren auch Personen aus Deutschland. Was sagen Sie dazu? 

Leider ist die Schweiz immer wieder Treffpunkt und Rückzugsort für Rechtsextreme aus Deutschland. Generell wissen wir, dass der Rechtsextremismus international gut verbunden ist und daher Treffen auch über Ländergrenzen hinweg organisiert werden. Die Vernetzung erfolgt über einzelne Personen, beispielsweise über junge Rechtsextreme, die aus Deutschland in die Schweiz ausgewandert sind. Zudem findet Vernetzung auch immer wieder auf Treffen statt, wie wir sie an diesem Wochenende sehen konnten. Gut ist, dass die Schweizer Polizei informiert wurde. In anderen, meist osteuropäischen Ländern, können die Rechtsextremen ungestörter unter sich bleiben. 

In der Schweiz ist die Rassismus-Strafnorm im Vergleich zum Ausland liberaler. Zieht es Rechtsradikale deswegen in die Schweiz? 

Die gesetzlichen Vorgaben können sicher eine Rolle spielen dafür, dass man sich hier trifft. Denn neben der Verwendung eines Nazi-Symbols ist auch das Waffenrecht in der Schweiz liberaler als in Deutschland. Im Umkehrschluss bedeutet dies aber nicht, dass eine Verschärfung der Gesetze, die ohnehin schwierig ist, dazu führen würde, dass sich weniger Rechtsextreme hier treffen. In Deutschland bestehen schärfere Gesetze und die Rechtsextremen sind in einigen Regionen sehr aktiv. Mir scheint am wichtigsten, die rechtsextremen Aktivitäten in der Schweiz immer wieder sichtbar zu machen, damit es generell unattraktiv wird, hier in der Schweiz solche Aktivitäten zu entfalten.  

Bist du oder ist jemand, den du kennst, von Rassismus betroffen?

Hier findest du Hilfe:

Beratungsnetz für Rassismusopfer

GRA, Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

Bist du oder ist jemand, den du kennst, von Antisemitismus betroffen?

Hier findest du Hilfe:

GRA, Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus

Jüdische Fürsorge, info@vsjf.ch

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

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