Kosovo-Präsident Fatmir Sejdiu: «Die Schweiz ist für viele eine zweite Heimat»
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Kosovo-Präsident Fatmir Sejdiu«Die Schweiz ist für viele eine zweite Heimat»

Für ein Dankeschön an die Schweiz: Deswegen ist der kosovarische Staatspräsident Fatmir Sejdiu in die Schweiz gekommen. 20 Minuten Online sprach mit ihm über die Rolle der Schweiz und die Spannungen mit Serbien.

von
Lukas Mäder

Hoher Besuch heute Mittwoch in Zürich: Die Kosovaren in der Schweiz und die Regierung des Kosovo haben sich bei der Schweizer Bevölkerung für ihre Hilfe während des Kosovo-Kriegs 1999 bedankt. Bundesrätin Micheline Calmy-Rey und der kosovarische Staatspräsident Fatmir Sejdiu enthüllten deshalb am Zürcher Fraumünster eine Gedenktafel. Sejdiu sprach mit 20 Minuten Online über die Beziehungen zur Schweiz und über die Spannungen mit Serbien.

Herr Sejdiu, Sie sind nach Zürich gekommen, um der Schweiz Danke zu sagen. Wofür?

Fatmir Sejdiu: Es gibt viele Dinge, für die wir der Schweiz zu danken haben. Die Schweiz ist seit langem für viele Kosovaren eine zweite Heimat und hat gleichzeitig den Kampf Kosovos für Freiheit und Unabhängigkeit unterstützt. Ein spezieller Dank geht an Frau Calmy-Rey, die sich für einen unabhängigen Kosovo ausgesprochen hat, als kaum jemand sonst daran dachte. Die Schweiz war zudem unter den ersten Ländern, die den unabhängigen Staat Kosovo anerkannt haben. Wir werden das nie vergessen.

Wie eng sind die Beziehungen zur Schweiz?

Sejdiu: Ich denke, dass die Anerkennung des Kosovo durch die Schweiz die Beziehungen verbessert hat. Aber wir müssen die Beziehungen zwischen unseren Ländern auch in anderen Bereichen wie Kultur und Wirtschaft verstärken. Wichtig ist, dass die Kosovaren direkt mit ihrem jeweiligen Gegenüber in der Schweiz kommunizieren. Dabei helfen uns natürlich die guten politischen Beziehungen.

In welchen Bereichen wünschen Sie sich eine vertiefte Zusammenarbeit mit der Schweiz oder gar ein Abkommen?

Sejdiu: Es gibt viele Bereiche, in denen wir zusammenarbeiten können. Die Schweiz hat eine grosse Erfahrung als demokratischer Staat, der seinen Bewohnern unabhängig von ethnischer oder religiöser Zugehörigkeit die gleichen Chancen bietet. Das Land ist auch ein gutes Modell für wirtschaftliche Stabilität und Entwicklung. Wir glauben, dass die Schweiz ein grossartiger Partner wäre, mit dem wir unseren wirtschaftlichen Rückstand aufholen können. Über konkrete Kooperationen oder Verträge müssen sich aber die Regierungen einigen.

Welche Rolle spielt die Schweiz bei der wirtschaftlichen Entwicklung des Kosovo?

Sejdiu: Ich kann Ihnen keine exakten Zahlen zu den Investitionen geben. Aber von Seiten der Schweiz besteht ein grosses Interesse an Infrastrukturprojekten wie Strassen oder Energie. Vor wenigen Tagen haben wir ein wichtiges Projekt der Wasserversorgung abgeschlossen.

Wünschen Sie auch, dass Kosovaren aus dem Ausland in ihre Heimat zurückkehren, um mit ihrem Geld und Know-how der Wirtschaft des Kosovo zu helfen?

Sejdiu: Wir haben rechtliche Rahmenbedinugen geschaffen, die sehr zukunftsträchtig sind und eine solche Rückkehr ermöglichen sollen. Wichtig für die Wirtschaft ist Stabilität. Ich glaube, dass die derzeitigen Spannungen nur kurzfristig sind und wir die Probleme mit einem Teil der serbischen Minderheit lösen können. Zwar haben wir noch grosse Herausforderungen vor uns, aber ich sehe eine Perspektive. Also sind Kosovaren aus dem Ausland willkommen. Wie Schweizer auch.

Aber kommen Kosovaren auch zurück?

Sejdiu: Es stimmt, dass wir eine sehr hohe Arbeitslosigkeit haben, schätzungsweise 40 Prozent. Das ist umso schlimmer, als über die Hälfte unserer Bevölkerung unter 30 Jahre alt ist. Aber der Kosovo braucht Experten. Und wir haben eine grosse Zahl von gut ausgebildeten Leuten, die in Europa oder den USA studiert haben. Nach der Nato-Intervention im Kosovo haben wir ein interessantes Phänomen beobachtet. Die grosse Mehrheit der über eine Million Personen, die während des Kosovo-Kriegs die Heimat verlassen mussten, ist zurückgekommen. Sie haben eine Perspektive gesehen. Sie hatten einen Anreiz zurückzukehren trotz der schwierigen Bedingungen.

Wie wichtig sind die Schweizer Soldaten in der Kfor?

Sejdiu: Die Schweiz leistet einen wichtigen Beitrag, um den Frieden und die Stabilität im Kosovo zu unterstützen. Wir schätzen die Rolle, die die Kfor im Kosovo gespielt hat, weil sie sich nicht nur für die physische Sicherheit engagieret. Sie ist eine wichtige Botschaft für Frieden und Stabilität in der Region. Gleichzeitig bauen wir auch unsere eigenen Truppen gemäss Nato-Standard auf. Unsere Armee soll ein guter internationaler Partner sein.

Kann die Kfor-Präsenz in den nächsten Jahren beendet werden?

Sejdiu: Die Kfor bleibt so lange, wie ihre Präsenz nötig ist. Wir wissen, dass der Einsatz eine Belastung für die Steurerzahler der Schweiz und der anderen Ländern ist. Aber ich weiss auch, dass die Schweiz den Einsatz mit Freuden leistet, weil es ein Teil ihrer Mission ist. Die Stabilität im Kosovo liegt im Interesse Europas. Von unserer Seite kann ich sagen: Die Bevölkerung des Kosovo will keinen Konflikt.

Aber die Spannungen mit Serbien sind mit der Unabhängigkeit nicht verschwunden.

Sejdiu: Wir wollen gute Beziehungen zu unseren Nachbarländern. Bei Mazedonien, Albanien und Montenegro, die unsere Unabhängigkeit anerkannt haben, funktioniert das. Aber mit Serbien haben wir immer noch Probleme. Serbien kann nicht zusammen mit Russland eine hegemonistische Haltung vertreten und gleichzeitig EU-Mitglied werden wollen. Diese zwei Dinge gehen nicht zusammen. Serbien kann nicht europäisch sein und gleichzeitig Kriegsverbrecher verstecken, von denen die Regierung genau weiss, wo sie sich aufhalten. Und mit ihrer Haltung gegenübern dem Kosovo können sie ebenfall nicht Europäer werden. Unabhängig davon werden wir die serbischen Einwohner des Kosovo als gleichwertige Bürger behandeln.

Grafik: Ethnien im Kosovo:

Fatmir Sejdiu wurde im Februar 2006 zum Präsidenten des damals noch unter Uno-Verwaltung stehenden Kosovo gewählt. Mit der Unabhängigkeitserklärung Kosovos im Februar dieses Jahres wurde der 57-jährige Sejdiu Präsident des jüngsten Staates Europas. Der Jurist Sejdiu gründete 1989 zusammen mit seinem Vorgänger als Präsident Kosovos, Ibrahim Rugova, die Demokratische Liga des Kosovo, LDK. Vor seiner Wahl war er Rechtsprofessor an der Unversität Pristina.

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