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Stadt-Land-Graben«Die Schweiz ist tief gespalten»

Hätten nur Städter gewählt, wäre nicht die SVP, sondern die SP die grosse Siegerin. Stadt und Land sind sich zunehmend fremd.

von
daw

Wenn in der Schweiz die Bevölkerung in den grösseren Städten das Sagen hätte, wäre bei den Wahlen eine andere Geschichte geschrieben worden: Die Schlagzeilen vom Rechtsrutsch wären ausgeblieben. Stattdessen hätte SP-Präsident Christian Levrat ausgelassen feiern dürfen.

Denn die Sozialdemokraten legten in den fünf grössten Schweizer Städten teils stark zu. In Zürich, Bern und Basel kommen sie auf über 30 Prozent und sind die mit Abstand stärkste Kraft. Der Wähleranteil der SVP dümpelt dagegen zwischen 12,3 (Bern) und 17,9 Prozent (Zürich), während sie schweizweit historische 29,4 Prozent erreichte. Die Zahlen zeigen: Die Bevölkerung in den Städten denkt anders als jene in den Agglomerationen und ländlichen Gebieten. Und der Graben ist am Sonntag noch tiefer geworden.

«Die Schweiz ist tief gespalten»

«Wir sind froh, dass wir in den Städten so gut abgeschnitten haben. Das hat dazu beigetragen, dass wir trotz des Trends nach rechts ein respektables Ergebnis erzielt haben», sagt SP-Co-Generalsekretärin Flavia Wasserfallen. Das Auseinanderdriften von Stadt und Land bereitet ihr aber auch Sorgen: «Es besteht die Gefahr, dass wir ganz andere Realitäten haben zwischen Stadt und Land – ähnlich wie in den USA.»

Auch die Basler SP-Ständerätin Anita Fetz sagt: «Die Schweiz ist tief gespalten.» Viele Städter fühlten sich in Bundesbern schlecht vertreten – obwohl der Wohlstand vor allem in den Städten geschaffen werde.

Dass man heute mehr über den Stadt-Land-Graben als den Rösti-Graben spricht, führt Fetz unter anderem auf die Zuwanderungs- und Asyldebatte zurück: «In den Städten haben die Leute seit Jahrzehnten direkt mit Migranten zu tun – deshalb ist man viel offener und weiss, dass man auch eine Flüchtlingskrise bewältigen kann.» Auf dem Land regiere dagegen eine «Phantomangst» von bösen Ausländern, die einem den Job wegnehmen. «Diese Ängste bewirtschaftet die SVP systematisch.»

«Links-grüner Filz in den Städten»

Der Zürcher SVP-Nationalrat Alfred Heer weist dies zurück: «In der Agglomeration legt die SVP zu. Dort ist der Migrationsdruck mindestens so gross wie in den Städten.» Die Städte seien traditionell Hochburgen von Links-grün, die nur schwer zu erobern seien.

Dies habe auch damit zu tun, dass die linken Regierungen die eigene Klientel anlockten, etwa mit dem Bau von Sozialwohnungen. Auch wohnten in der Stadt viele Kulturschaffende und Sozialarbeiter, die vom Staat lebten. «In diesem Filz zu punkten, ist schwierig.» Die SVP müsse sich aber auch an der eigenen Nase nehmen und in den Städten wieder besser mobilisieren.

Blockaden drohen

Gemäss Politologe Lukas Golder ist das Auseinanderdriften von Stadt und Land in der Deutschschweiz seit längerer Zeit zu beobachten – selbst in mittelgrossen Städten wie Thun oder Solothurn. Er sieht es als Folge eines neuen urbanen Lifestyles: «Es ist wieder angesagt, in den Städten zu leben – gerade bei Kreativen, Marketingfachleuten oder Selbständigen.» Diese sähen die internationale Öffnung als Chance, seien gut situiert und wählten eher links. «In dieser Welt herrschen andere Wertvorstellungen vor als in den Agglomerationen, wo die SVP stärker punktet.»

Entfremden sich Städte und Umland, birgt dies laut Golder Konfliktpotenzial: Wenn etwa die Bevölkerung der Städte bei Abstimmungen immer als Verliererin dasteht, könne sie dies frustrieren. «Das kann zu einer politischen Blockade führen.»

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