Gotthard-Gegner: «Die Schweiz kann nun von der EU erpresst werden»

Aktualisiert

Gotthard-Gegner«Die Schweiz kann nun von der EU erpresst werden»

Das Ja zur zweiten Gotthardröhre versetzt die Gegner in Aufruhr. Sie wollen nun verhindern, dass die Schweiz zur «Transithölle» verkommt.

von
B. Zanni

Schwarz wie ein unbeleuchteter Tunnel war der Abstimmungssonntag für die Gegner der zweiten Gotthardröhre. Mit 57 Prozent Ja-Stimmen zu 43 Prozent Nein-Stimmen hat das Volk dem Bau eines zweiten Tunnels klar zugestimmt. Bei den Initiativgegnern herrscht grosse Enttäuschung.

Evi Allemann, SP-Nationalrätin und Zentralpräsidentin des Verkehrs-Clubs der Schweiz (VCS): «Wir sind enttäuscht, dass wir unser Engagement gegen die Initiative nicht zum Erfolg führen konnten.» Jon Pult, Präsident der Alpeninitiative, vermutet: «Unsere Kampagne ist vielleicht in der grossen Mobilisierung gegen die Durchsetzungsinitiative untergegangen.»

«Gegen die Sicherheit kann man nicht kämpfen»

Für die Gegner ist der Grund für ihr Scheitern klar. In den Abstimmungskampagnen sei stark damit argumentiert worden, dass die zweite Röhre die Sicherheit im Gotthard erhöhe, stellt Konrad Graber, CVP-Ständerat und Präsident des bürgerlichen Komitees gegen die zweite Röhre, fest. Evi Allemann folgert: «Es ist immer schwierig, gegen Sicherheitsbedenken, die mit vielen Emotionen verbunden sind, anzukämpfen.»

Die Verlierer nehmen die Befürworter beim Wort. «Wir werden die Politik in den nächsten Jahren daran erinnern, dass die zweite Röhre eine Sicherheitsröhre ist und für keinen Mehrverkehr sorgen darf», sagt Pult. Allemann doppelt nach: «Wir setzen uns mit allen politischen Mitteln dafür ein, dass der Vierspurbetrieb nicht durchgezwängt wird.» Regula Rytz, Co-Präsidentin der Grünen, ermahnt: «Für die Behörde ist es eine enorme Verantwortung, das Vertrauen des Volks nicht zu verspielen.»

«Die Schweiz hat ein Pfand aus der Hand gegeben»

Die Befürchtung, dass eines Tages doch alle vier Spuren geöffnet werden, ist nach wie vor gross. «Die Schweiz hat ein Pfand aus der Hand gegeben und kann nun von der EU erpresst werden», sagt Konrad Graber. Er rechnet zudem damit, dass der Bau der zweiten Röhre derart viele Kosten verschlingen wird, dass Strassenprojekte in der Agglomerationen auf der Strecke bleiben. «Das wäre kontraproduktiv, denn wir haben auch sonst viele Verkehrssicherheitsprobleme.» Auch Rytz ist misstrauisch: «Zuerst werden die Befürworter sicherlich eine ‹Anstandszeit› verstreichen lassen.» Sie gehe davon aus, dass vor allem das Lastwagengewerbe früh einen Versuch für eine Kapazitätserhöhung starten werde. «Dann wird sich zeigen, ob die Ja-Parteien ihre Versprechen tatsächlich einhalten.»

Ähnlich sieht es GLP-Nationalrat Jürg Grossen. «Irgendwann wird der Druck der im Stau stehenden Autofahrer und der EU so gross sein, dass es zu einem vierspurigen Betrieb kommt.» Der Gotthard sei gegenüber dem Brenner 60 Kilometer kürzer. «In der Folge würde der Schwerverkehr die ganze Nord-Süd-Achse verstopfen und aus der Schweiz würde eine Transithölle.»

Gegner zweifeln an Versprechen für ferne Zukunft

Die Sanierung wird voraussichtlich im Jahr 2030 abgeschlossen sein. Die Gegner bezweifeln, dass die heutigen Versprechen dann noch eingehalten werden. «Versprechen, die so weit in der Zukunft liegen, sind heikel», sagt Evi Allemann. Schliesslich seien dann ein anderes Parlament und ein anderer Bundesrat am Ruder.

Als Trost setzen sie auf die Verlagerungspolitik, die den alpenquerenden Güterverkehr von der Strasse auf die Schiene verschieben will. «Wir werden Druck machen, dass der Güterverkehr wirklich auf die Schiene verlagert wird», sagt Regula Rytz.

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