«Die Schweiz macht sich lächerlich»
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«Die Schweiz macht sich lächerlich»

Für den Dopingbekämpfer und Chefarzt der Schweizer Olympia-Delegation 2008 Beat Villiger ist klar: Im Spitzensport ist die Schweiz im Kampf gegen Dopingmissbrauch gescheitert. Von der Bekämpfung im Amateur-Bereich ganz zu schweigen.

Der Konsum von Erythropoietin (Epo) ist in der Schweiz seit 2004 um über 10 Prozent gestiegen, wie Zahlen des Marktforschungsinstituts IMS Health zeigen. Doch Patienten, bei denen das Hormon medizinisch eingesetzt wird, benötigen nicht mehr Epo, wie die «Sonntags Zeitung» berichtete. Die Schlussfolgerung ist klar: Epo wird immer häufiger als Dopingmittel eingesetzt - nicht zuletzt im Amateursport, wie der Chefarzt der Schweizer Olympiadelegation 2008, Beat Villiger, im Interview sagt.

Herr Villiger, wie soll man dem Dopingmissbrauch entgegenwirken?

Man muss vor allem über die Gefahren aufklären – und zwar schon bei den Jugendlichen. Hier muss man aktiver werden und eine Vorbildfunktion übernehmen. Aber in der Schweiz ist die Informationslage leider immer noch katastrophal!

Warum ist das so?

Die verantwortlichen Politiker sagen, man mache alles, um den Dopingmissbrauch zu bekämpfen. Aber es scheitert ja schon im Spitzensportbereich. Die reiche Schweiz schafft es aus Kostengründen nicht einmal, eine Anti-Doping-Agentur auf die Beine zu stellen. Der Gesamtbundesrat hat die Schaffung auf 2011 zurückgestellt. Neben den Kontrolleuren haben wir für die Dopingbekämpfung vier 1/2 Vollstellen. Bulgarien beispielsweise hat 18 und investiert Millionen in den Kampf gegen Doping. Das ist ein Skandal. Swiss Olympic hat deshalb kürzlich entschieden, eigene Geldmittel dafür einzusetzen – die dann leider anderorts fehlen. Wir machen uns, vor allem auch international, lächerlich!

Doping wird nicht nur im Spitzensport eingesetzt. Auch Hobbysportler greifen zu Leistungsfördernden Mitteln. In welcher Sportart wird am meisten gedopt?

Beat Villiger: Das ist schwierig zu sagen, weil es im Amateursport keine Kontrollen gibt und in der Schweiz auch keine verlässlichen Studien. Aber der Dopingmissbrauch dürfte im Ausdauersport wie beispielsweise bei Marathonläufe sicher häufiger sein. Am meisten gedopt wird aber sicherlich beim Kraftsport

Mit welchen Mitteln?

Im Krafttraining respektive Bodybuilding fast ausschliesslich mit Anabolika, vereinzelt aber auch mit Wachstumshormonen. Und der Missbrauch ist dort enorm. In den USA nehmen laut einer Studie über 10 Prozent aller Kraftsportler Anabolika, in Europa sind es rund 5 Prozent. Unter den Konsumenten sind übrigens auch viele Jugendliche. Und dabei geht es nicht etwa um Leistungssport, sondern vor allem um einen schönen Body.

Und welche Substanzen nehmen die Amateursportler?

Im Ausdauersport eindeutig Epo und Stimulation. Die Substanzen sind sehr leicht erhältlich. Die Leistungssteigerung ist zwar nicht so stark wie bei Profis aber immer noch enorm und das wissen mittlerweile auch die Amateursportler. Wie viele Epo wirklich nehmen, ist schwer zu sagen. Wenn man sich aber in den Internetforen umschaut, ist das schon erschreckend. Dort wird ziemlich hemmungslos über leistungssteigernde Mittel diskutiert – und werden Tipps ausgetauscht.

Wird heute im Amateursport mehr gedopt als früher?

Ganz sicher! Doping ist attraktiver geworden. Denn wenn man die Leistungen der Profis sieht – und vor allem die Abstürze, wenn sie einmal überführt sind – dann sieht man, welche Wirkung Doping hat. Aber die Risiken werden meiner Meinung nach völlig unterschätzt. Und das nicht nur von Amateursportlern.

Obwohl man Epo schon lange kennt?

Das stimmt. Aber beim Epo kennt man heute ganz andere Nebenwirkungen, Neben Thrombosen, Herz- und Hirninfarkten, Lungenembolien erkrankten einige an schweren Gefässentzündungen und paradoxerweise an Produktionestörungen von Blutzellen. Die Gefahren, denen man sich aussetzt, wenn man Dopingmittel nimmt, sind beträchtlich.

Marius Egger

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