Aktualisiert 25.02.2020 11:39

Coronavirus«Die Schweiz muss vor Italien-Reisen warnen»

Politiker fordern Reisewarnungen für Italien sowie Passagierkontrollen an der Grenze. Das Bundesamt für Gesundheit wartet zu.

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pro/pam/bz
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Hast du Angst vor dem Coronavirus? 20 Minuten hat im Tessin nachgefragt.

Hast du Angst vor dem Coronavirus? 20 Minuten hat im Tessin nachgefragt.

Daniel Graf
Enrico, Bellinzona: «Meine Freunde und Familie in Italien sind sehr verängstigt. Ich hier in der Schweiz noch nicht so. Die Behörden sind alarmiert, in Italien wie in der Schweiz. Ich glaube, dass sie das in den Griff kriegen. Wir gehen morgen chinesisch essen, auch wenn ich es nicht besonders mag. Ich finde, man sollte die Chinesen jetzt unterstützen, sie leiden unter etwas, für das sie nichts können.»

Enrico, Bellinzona: «Meine Freunde und Familie in Italien sind sehr verängstigt. Ich hier in der Schweiz noch nicht so. Die Behörden sind alarmiert, in Italien wie in der Schweiz. Ich glaube, dass sie das in den Griff kriegen. Wir gehen morgen chinesisch essen, auch wenn ich es nicht besonders mag. Ich finde, man sollte die Chinesen jetzt unterstützen, sie leiden unter etwas, für das sie nichts können.»

Daniel Graf
Mario Rossi, Bergamo (IT): «Ich habe Angst und versuche, so wenig wie möglich aus dem Haus zu gehen. Wir haben viele Masken gekauft, in Bergamo wird es teilweise aber schon schwierig, noch welche zu kriegen. Es braucht jetzt Quarantänen und Kontrollen, um das Virus in den Griff zu bekommen.»

Mario Rossi, Bergamo (IT): «Ich habe Angst und versuche, so wenig wie möglich aus dem Haus zu gehen. Wir haben viele Masken gekauft, in Bergamo wird es teilweise aber schon schwierig, noch welche zu kriegen. Es braucht jetzt Quarantänen und Kontrollen, um das Virus in den Griff zu bekommen.»

Daniel Graf

Mehr als hundert Ansteckungsfälle, elf abgeriegelte Städte, drei Tote: Das Coronavirus sorgt in Norditalien für den Ausnahmezustand. Das Virus rückt damit nahe an die Schweizer Grenze: Im nur 25 Kilometer entfernten Veltlin wurde ein 17-Jähriger angesteckt.

Das ruft auch Schweizer Politiker auf den Plan. Der Lega-Nationalrat Lorenzo Quadri will für italienische Grenzgänger, die im Dienstleistungssektor arbeiten, die Grenze dicht machen. Und CVP-Nationalrat Marco Romano fordert vom Bund Massnahmen, denn es sei sehr gut möglich, dass sich das Coronavirus über die Grenzgänger auch in der Schweiz verbreite.

Passagierkontrolle an der Grenze

«Der Coronavirus-Ausbruch in Italien ist brandgefährlich», findet auch SP-Gesundheitspolitikerin Yvonne Feri. Wenn die Schweiz nicht handle, habe das Tessin ein Problem. «Die Grenze zu schliessen, halte ich zum jetzigen Zeitpunkt aber für verfrüht.» Es brauche jetzt Coronavirus-Kontrollen an der Grenze zu Italien. «Möglichst bei allen Einreisenden sollte Fieber gemessen werden. Sowohl Autos als auch Züge müssen auf Passagiere mit Coronavirus-Symptomen überprüft werden.» Mögliche Verdachtsfälle sollen dann in die Spitäler verteilt werden: «Die Spitäler in der Schweiz und in Italien müssen sich dafür nun vorbereiten.»

Coronavirus hat Italien erreicht

In Italien wurden Schulen und andere öffentliche Einrichtungen wurden geschlossen. Mehr als fünf Menschen starben bereits am Coronavirus. Über 100 Personen wurden angesteckt.
(Video: Tamedia)
(Video: AP)

Über 100 Infizierte, 4 Tote: Italien kämpft mit dem Coronavirus. Video: Tamedia

Die konkrete praktische Umsetzung müsse das Bundesamt für Gesundheit (BAG) ausarbeiten, so Feri. Mit dem Einsatz von Sanitätstruppen oder dem Zivildienst solle dies aber machbar sein. «Es braucht diese Massnahme zum Schutz der Bevölkerung.» Sie habe Vertrauen in den Bundesrat, dass er die richtigen Schritte einleiten werde.

Ist eine Reisewarnung nötig?

Der Tessiner SVP-Kantonsrat Tiziano Galeazzi findet, die Schweiz müsse nun Reisewarnungen erlassen. «Dass die Schweiz bisher keine Warnung ausgesprochen hat, ist beunruhigend», sagt er. Die Bevölkerung brauche unbedingt detailliertere Reisehinweise. «Vorstellbar wäre eine Empfehlung, unnötige Reisen nach Italien zu unterlassen.» Italien ist das Land mit der höchsten Zahl an bestätigten Erkrankten in Europa.

Beim Bundesamt für Gesundheit heisst es auf Anfrage, es seien derzeit keine Massnahmen geplant. Man beobachte die «ernste» Situation in Italien aber genau. Am Montagvormittag werde man zum weiteren Vorgehen informieren. Auch haben die Behörden keine Reisewarnungen für Italien ausgesprochen.

Jeder Zöllner erhält Desinfektionsmittel

Roland Liebi, Präsident des Verbands des Zoll- und Grenzwachtpersonals, hält nichts von der gänzlichen Grenzschliessung, verstärkten Grenzkontrollen oder Temperatur-Checks. «Wir sollten nicht überreagieren.» Ohnehin hätte das Zollpersonal nicht annähernd die Ressourcen, solche Mammut-Aufgaben zu stemmen: «Das ist utopisch.» So sei das Personal beispielsweise schon am Höhepunkt der Flüchtlingskrise im Jahr 2015 mit den eigenen Mitteln an den Anschlag gekommen – einem Unterfangen, das im Vergleich zu flächendeckenden Coronavirus-Kontrollen nun aber noch als Klacks erscheine.

Liebi vertraut auf die Massnahmen der Behörden. «Bei Epidemien erhalten Zöllner klare Verhaltensanweisungen, etwa regelmässig die Hände zu waschen und zu desinfizieren.» Jeder Zöllner erhalte persönliches Desinfektionsmaterial. «Die Zollbehörden bestellen jeweils entsprechend nach, damit keine Engpässe entstehen.» Dies liege in der Verantwortung der Dienststellen.

Welche weitere Massnahmen am Zoll zur Eindämmung des Coronavirus möglich seien, liege in der Verantwortung des Bundesamts für Gesundheit, sagt Liebi. Beim Ebola-Ausbruch seien die Zollstellen mit speziellem Notfallmaterial versorgt worden. Zudem kann der Bund auch die Sanitätstruppen der Armee für Einsätze aufbieten, wie dies etwa an den Flughäfen möglich ist.

Norditalien steht wegen Coronavirus still

Abgeriegelte Gemeinden, Hamsterkäufe und Bars, die bereits am frühen Abend schliessen müssen: Die Vorsichtsmassnahmen beeinträchtigen das Leben in der Lombardei und Venetien.
(Video: Tamedia)

Strassenblockaden, Hamsterkäufe und Bars, die früher schliessen müssen: Norditalien kämpft gegen das Coronavirus. Video: Tamedia

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