Aktualisiert 23.09.2011 12:06

Neue Arbeitsplätze im OstenDie Schweiz richtet in der Ex-DDR gross an

Die Schweiz hat schnell und nachhaltig in die zusammengebrochene DDR investiert. Sie belegt hinter den USA und Grossbritannien den dritten Platz.

von
Guillaume Meyer
SDA
Duschkopf-Produktion von Franke im Werk Ludwigsfelde bei Berlin. Franke beschäftigt hier rund 270 Personen. (Bild: ludwigsfelde.de)

Duschkopf-Produktion von Franke im Werk Ludwigsfelde bei Berlin. Franke beschäftigt hier rund 270 Personen. (Bild: ludwigsfelde.de)

Einundzwanzig Jahre nach der Wiedervereinigung ist die Schweiz wirtschaftlich eines der wichtigsten Länder für Ostdeutschland. Und das Interesse von High-Tech-Unternehmen in den neuen Bundesländern zu produzieren, scheint nicht abzureissen.

Schon unmittelbar nach der Wiedervereinigung sei ein stabiler Anstieg von Investitionen von Schweizer Firmen im Gebiet der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (DDR) auszumachen, bestätigt Lilach Guitar, Leiterin der Abteilung Handelsdienst bei der Schweizer Botschaft in Berlin. Damals war Deutschland insbesondere mit der Privatisierung der ehemaligen Staatsunternehmen der DDR beschäftigt.

Sechs Jahre nach der Wiedervereinigung hatten Schweizer Unternehmen 139 Staatsfirmen übernommen und rund 20 000 Arbeitsplätze geschaffen. Kein anderes Land hatte sich wirtschaftlich ähnlich stark engagiert wie die Schweiz. Auch die deutsche Presse feierte in Beiträgen unternehmerische Leistungen, so etwa jene des Luzerner Holzproduzenten Kronotex oder des aargauischen Fahrzeugherstellers Bätschmann.

Schweiz ist Nummer drei

Heute ist die Schweiz jenes Land hinter den USA und Grossbritannien, das am meisten in Ostdeutschland investiert, wie eine Studie des Wirtschaftsforschungsunternehmens Pm&P im Auftrag der deutschen Regierung ergab. «Das Engagement der Schweizer Firmen bringt mehr Projekte und Arbeitsplätze hervor als die Investitionen aus Japan, Frankreich oder Italien», heisst es in der Studie.

Zum Teil stammen die Investitionen indes von Firmen, die operativ im Ausland tätig sind und einzig ihren Holdingsitz in der Schweiz haben. Aber auch ohne diesen Anteil «würde sich die Schweiz auf einer ähnlichen Position wiederfinden», heisst es im Bericht.

Investitionen und Übernahmen würden in allen Sparten und in allen Grössenordnungen getätigt, weisen die Experten aus. Mehrheitlich handle es sich um Industrie- oder High-Tech-Projekte. 44 Prozent der Schweizer Gelder würden im Zusammenhang mit dem Bau neuer Produktionsstätten eingesetzt, halten die Studienverfasser fest. Häufig würden alte Anlagen erneuert.

Zentrum für Optik

So hat etwa Bystronic, die Berner Industrie-Systeme-Abteilung der Conzetta-Gruppe, eine Fabrik in Gotha (Thüringen) in Betrieb genommen. Die Firma zählt dort rund 180 Angestellte. Ein weiteres Beispiel ist die Aargauer Industriegruppe Franke, die 2005 den führenden deutschen Sanitäranlagenbauer Aquarotter übernommen hat. Das Unternehmen beschäftigt heute rund 270 Personen in der Nähe von Berlin.

Gewisse Regionen in Ostdeutschland haben sich derweil spezialisiert: Thüringen etwa hat sich mit den Vorzeigeunternehmen Jenoptik und Carl Zeiss zu einem Zentrum für Optik und Messinstrumente entwickelt. Es ist aber auch die Heimat von etwa 40 Schweizer Unternehmen. Dazu zählt das Zürcher Technologieunternehmen Phoenix Mecano mit seinen rund 160 Angestellten.

Tiefe Löhne, hohe Steuern

Dieses starke Interesse für die ehemalige DDR ist nicht selbstverständlich. Der Vorteil in Ostdeutschland - die tieferen Kosten für Arbeitskräfte - hebt sich im Wesentlichen durch hohe Steuern und Sozialabgaben sowie das strenge Arbeitsgesetz wieder auf.

Aber die neuen Bundesstaaten bringen andere Vorteile, angefangen bei der geografischen Lage. «Die ehemalige DDR ist zentral in Europa. Die wirtschaftliche Erfahrung mit den Oststaaten schafft eine ideale Brücke im Handel. Zudem steht im Osten Deutschlands eine leistungsfähige Transportinfrastruktur bereit», erklärt Lilach Guitar.

Überdies können ostdeutsche Unternehmen von staatlichen Subventionen profitieren, die neue Arbeitsplätze schaffen. In Thüringen etwa erhalten kleine Start-up-Unternehmen eine Finanzierungshilfe von bis zu 50 Prozent ihrer eingesetzten Investitionen, das ist in dieser Form einzigartig in Europa. Förderprogramme gibt es ausserdem in der Bildung.

Ingenieure für Solarindustrie

Nicht zuletzt bilden die ostdeutschen Universitäten hochqualifizierte Arbeitskräfte, speziell im Bereich Technik, aus. Die Verfügbarkeit von Mikrotechnik-Ingenieuren etwa ist von grosser Bedeutung für die ansässige Solarindustrie.

Die Wirtschaftsexpertin der Schweizer Botschaft, Lilach Guitar, sieht aber auch «Rekrutierungs-Probleme in den nächsten sechs Jahren», da viele Ingenieure ins Pensionsalter kommen. Die meisten jungen Ingenieure wollen dagegen nicht in Ostdeutschland bleiben und wandern in den Westen ab.

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