Südgrenze: «Die Schweiz schickte mich viermal zurück»
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Südgrenze«Die Schweiz schickte mich viermal zurück»

Die Schweiz überstellt illegale Migranten, die in Chiasso einreisen, an Italien. Ein Eritreer erzählt, wie er trotzdem versucht, nach Norden zu reisen.

von
Filippo Suessli
20 minuti
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In Como, wo Dutzende Flüchtlinge im Bahnhof S. Giovanni und in Parks schlafen, wächst der Ärger über die Schweiz.

In Como, wo Dutzende Flüchtlinge im Bahnhof S. Giovanni und in Parks schlafen, wächst der Ärger über die Schweiz.

Pablo Gianinazzi
Eine Gruppe Eritreer wartet in einem Park in Como.

Eine Gruppe Eritreer wartet in einem Park in Como.

20 minuti/Filippo Suessli
Ein Flüchtling studiert am Bahnhof in Como die Schweizer Karte. Die Schweiz überstellt Migranten, die von Italien durch die Schweiz nach Norden reisen wollen, an Italien. So sieht es ein bilaterales Rücknahmeabkommen vor.

Ein Flüchtling studiert am Bahnhof in Como die Schweizer Karte. Die Schweiz überstellt Migranten, die von Italien durch die Schweiz nach Norden reisen wollen, an Italien. So sieht es ein bilaterales Rücknahmeabkommen vor.

Pablo Gianinazzi

An der Südgrenze führen die Schweizer Grenzwächter einen Kampf gegen Windmühlen: Allein in der ersten Juli-Woche mussten sie 966 Personen wegweisen, die illegal in die Schweiz eingereist waren. Das Grenzwachtkorps will mit den Kontrollen verhindern, dass sie zu einem Transitland für Schlepper wird.

Im italienischen Como campieren die Weggewiesenen mittlerweile im Freien. Sie versuchen immer und immer wieder, die Schweiz zu durchqueren – kürzlich wurden Migranten gar zu Fuss auf der Autobahn aufgegriffen. 20 minuti hat in Como eine Gruppe junger Eritreer getroffen, die in einem Park übernachtet hat. Wie seine Kollegen will Haden (17) nach Deutschland oder Holland reisen. Er erzählt, wie er die Situation erlebt.

Wie sind Sie hergekommen?

Wir haben den Sudan durchquert, dann Libyen. Zum Teil zu Fuss, zum Teil auf Lastwagen.

Und von Libyen?

Auf einem Boot. Wir waren 460 Personen. Angst hatte ich nicht, aber es war hart. Wir waren zusammengepfercht, und wir hatten eineinhalb Tage, um nach Sizilien zu gelangen.

Wie viel haben Sie bezahlt?

2200 Dollar. Jetzt habe ich kein Geld mehr. Keiner von uns hat noch Geld.

Warum sind Sie geflohen?

Meine Familie hat Probleme. Eritrea hat Probleme. Es gibt dort keine Demokratie.

Sind Sie in Italien in ein Zentrum gekommen?

Ja, aber das war kein Leben. Das Zentrum war sehr voll, wie das Gefängnis, die Menschen dort sind verrückt geworden. Jeder von uns hat viele Probleme. Dann haben sie uns aufgefordert zu gehen. Dann sind wir durch Italien gereist, Rom, Ravenna und jetzt sind wir hier. In Rom war wenigstens das Rote Kreuz, das uns etwas zu essen gab.

Seit wann sind Sie in Como?

Seit fünf Tagen.

Haben Sie versucht, die Schweiz zu passieren?

Viermal, aber ich kenne welche, die es zehnmal versucht haben. Die Polizei ist jedes Mal gekommen und hat uns aus dem Zug genommen. Es gab ein Foto, Fingerabdrücke und ein blaues Bändelchen um den Arm. Jene mit dem blauen gehen nach Como, jene mit einem gelben bleiben in der Schweiz.

Wohin wollen Sie gehen?

Nach Deutschland oder Holland, wenn uns die Schweiz durchlässt. Es heisst, dass wir dort bleiben können.

Werden Sie es morgen noch einmal versuchen?

Ich weiss nicht, ich bin müde. Vielleicht gehe ich nach Rom zurück. Einige von uns wollen nach Rom gehen, andere wollen es noch einmal probieren.

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