Deutscher Atomaufseher: «Die Schweiz sollte Beznau sofort abschalten»
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Deutscher Atomaufseher«Die Schweiz sollte Beznau sofort abschalten»

Der deutsche Atom-Experte Dieter Majer war am Montag im Bundeshaus. Er rät den Parlamentariern: «Stellt Beznau schnellstens ab!»

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daw
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War gestern im Bundeshaus: Der deutsche Atom-Experte Dieter Majer.

War gestern im Bundeshaus: Der deutsche Atom-Experte Dieter Majer.

Stevan Bukvic / Tilllate.com
Majer warb in der ständerätlichen Energiekommission dafür, Beznau und Mühleberg vom Netz zu nehmen. «Die Anlagen haben grundlegende Sicherheitsdefizite», sagt er im 20-Minuten-Interview.

Majer warb in der ständerätlichen Energiekommission dafür, Beznau und Mühleberg vom Netz zu nehmen. «Die Anlagen haben grundlegende Sicherheitsdefizite», sagt er im 20-Minuten-Interview.

Stevan Bukvic / Tilllate.com
Bis Oktober ist der Reaktor Beznau I nicht am Netz. Der Grund sind Unregelmässigkeiten beim Reaktordruckbehälter.

Bis Oktober ist der Reaktor Beznau I nicht am Netz. Der Grund sind Unregelmässigkeiten beim Reaktordruckbehälter.

Gaetan Bally

Herr Majer, gestern waren Sie Gast in der Kommission des Ständerats, welche die Energiestrategie diskutiert. Was war Ihre Botschaft?

Ich habe erläutert, dass es die absolute Sicherheit für Kernkraftwerke nicht gibt. Zu Beginn der Kernenergienutzung hat man eine Kernschmelze ausgeschlossen. Mittlerweile hat jeder Bürger mittleren Alters drei Kernschmelzen erlebt – Harrisburg, Tschernobyl und Fukushima. Das muss man der Bevölkerung transparent machen: Die Schweiz ist ein kleines Land. Wenn da eine Anlage mit der richtigen Windrichtung hochgeht, können Sie die Schweiz vergessen.

Strittig dürfte im Ständerat vor allem die Frage des Fahrplans sein: Der Nationalrat will Beznau I und II um das Jahr 2030 herum stilllegen (siehe Box). Ist der Plan vernünftig?

Nein. Ich kann nicht verstehen, dass man die Anlagen Beznau und Mühleberg nicht sofort vom Netz nimmt. Sie haben grundlegenden Sicherheitsdefizite – dabei geht es um Fragen wie Schweissnähte oder die Gestaltung des Reaktordruckbehälters, die wichtigste sicherheitsrelevante Komponente in einem Kernkraftwerk. Wenn diese versagt, ist eine Kernschmelze unumgänglich.

Sie waren lange Jahre Aufsichtsbeamter im deutschen Umweltministerium. Ist man dort strenger?

In Deutschland sind mindestens sieben vergleichbare Anlagen nicht mehr am Netz. Das Kernkraftwerk Obrigheim hat man schon vor zehn Jahren abgeschaltet – es entsprach, abgesehen von einigen Nachrüstungen, ziemlich genau Beznau. Siedewasser-Reaktoren vom Typ Fukushima wie in Mühleberg sind alle abgeschaltet.

Aber Beznau wurde gerade wieder für 700 Millionen Franken aufgerüstet. Gemäss der Betreibergesellschaft Axpo ist damit ein Betrieb deutlich über 50 Jahre gegeben.

Nach meiner Auffassung ist ein weiterer Betrieb von Kernkraftwerken nur dann vertretbar, wenn sie dem heutigen Stand von Wissenschaft und Technik entsprechen. Doch eine entsprechende Nachrüstung ist aus technischen und wohl auch aus ökonomischen Gründen gar nicht möglich. Dies käme einem Neubau der Anlage gleich. Auch die Alterungsprozesse darf man nicht unterschätzen: Materialien verspröden, korrodieren, ermüden. Damit werden die Reserven im Vergleich zum Errichtungszeitpunkt kleiner.

Das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat (Ensi) sagt, dass ein Kraftwerk nur so lange laufe, wie es sicher sei. Machen unsere Inspektoren ihren Job nicht?

Das Ensi hat eine eigene Sicherheitsphilosophie. Ein Kraftwerk müsse dem «Stand der Nachrüsttechnik» entsprechen. Nur weiss niemand, was das genau heisst. Meiner Meinung nach hat die Nachrüstung bei den alten Kraftwerken nicht dazu geführt, dass die Anlagen hinreichend sicher sind. Letztlich ist es eine politische Frage, ob man das Risiko eingehen will.

Beznau I steht im Moment still, weil man Schwachstellen beim Reaktordruckbehälter entdeckt hat. Was bedeutet das?

Dank neuen Ultraschallmethoden konnten Defizite in verschiedenen Anlagen festgestellt werden. Niemand weiss im Moment, was das für Befunde sind. Sind es Gaseinschlüsse, Materialunzulänglichkeiten, die bei der Herstellung des Behälters entstanden sind? Oder sind sie eine Folge des Betriebs? Wäre Letzteres der Fall, könnte es zu einem Spontanbruch des Reaktordruckbehälters kommen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Beznau I einfach wieder hochgefahren wird.

Trotzdem: Im Stresstest der EU schnitten die Schweizer AKWs sehr gut ab.

Von vielen Sicherheitsebenen hat der Stresstest nur einen kleinen Ausschnitt geprüft: Erdbeben und Hochwasser. Das sind vielleicht fünf Prozent der sicherheitsrelevanten Themen. Und man hat nur geschaut, was man tun kann, wenn ein Unfall schon eingetreten ist. Dabei wäre das Entscheidende, den Unfall zu verhindern.

Inwiefern spielt das Alter der Anlagen bei Bedrohungen durch Terrorismus eine Rolle?

Das Alter spielt beim Szenario von gezielten Flugzeugabstürzen eine Rolle: In der Schweiz hat Mühleberg teilweise eine Betondecke von nur 15 Zentimetern – schon ein Hubschrauber oder ein Kleinflugzeug könnte die Schutzhülle durchschlagen. Allerdings ist kein Kraftwerk in der Schweiz oder in Deutschland gegen einen Einschlag eines Jumbos oder eines A380 gewappnet.

Fielen in der Schweiz Atomkraftwerke auf einen Schlag weg, wäre die Versorgungssicherheit in Gefahr. Oder man müsste wie Deutschland Kohle verbrennen.

Ich habe auch nicht daran geglaubt, dass es geht mit alternativen Energien – aber Deutschland hat das Gegenteil bewiesen. Es war allerdings mit grossen Anstrengungen und Subventionen verbunden. Es ist immer eine Frage der Abwägung, ob man die Risiken der Kerntechnik in Kauf nehmen will oder nicht. Aber machbar ist es, vor allem für die technisch hochentwickelte Schweiz. Sie hat viel Wasserkraft und auch Windkraft hat Potential – in den Bergen weht der Wind zum Teil ganz schön stark.

Windräder in den Alpen sind halt nicht besonders hübsch anzusehen.

Das ist ein ästhetisches Problem, da haben Sie völlig recht. Deshalb sage ich ja: Es ist eine politische Frage, die nicht Fachexperten an der Bevölkerung vorbei entscheiden dürfen – insbesondere nicht in einem so demokratischen Land wie der Schweiz, das meiner Meinung nach die höchste Form der Demokratie hat.

Streit um Laufzeiten

Noch im Herbst soll der Ständerat über die Energiestrategie 2050 entscheiden. Derzeit berät sie die ständerätliche Energiekomission (Urek). Der Nationalrat will die ältesten Reaktoren maximal 60 Jahre lang laufen lassen. Für Beznau I und II wäre dann 2029 beziehungsweise 2031 Schluss. Der Plan ist umstritten: Selbst CVP-Ständeräte befürchten, eine fixe Laufzeit könnte die Betreibergesellschaften davon abhalten, gegen Ende der Betriebsdauer nötige Investitionen zu tätigen.

Ein umstrittener Atomaufseher

Dieter Majer (69) war Leiter des Bereichs Sicherheit von kerntechnischen Anlagen im deutschen Umweltministerium. Er verfasste für die Energiestiftung und Greenpeace einer Studie zur Sicherheit von Beznau und Mühleberg. An der Studie liess das Nuklearsicherheitsinspektorat (Ensi) kein gutes Haar: Sie sei technisch nicht haltbar und politisch motiviert. Gemäss dem Ensi spricht rein technisch nichts dagegen, dass die Schweizer Kernkraftwerke 60 Jahre in Betrieb bleiben. «Eine Garantie für eine bestimmte Laufzeit gibt es aus technischer Sicht aber nicht», sagt Sprecher Sebastian Hueber. Der Betrieb einer Anlage über 40 Jahre hinaus sei an strenge Auflagen gebunden. Das Ensi werde die Sicherheit der Kraftwerke laufend überprüfen.

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