Corona-Tod im Altersheim: «Die Schweiz versagt total beim Schutz der Heimbewohner»
Publiziert

Corona-Tod im Altersheim«Die Schweiz versagt total beim Schutz der Heimbewohner»

Rund die Hälfte aller Covid-Opfer stirbt noch im Altersheim. Das heizt die Diskussion um die Isolation der Risikogruppen an.

von
Leo Hurni
1 / 6
Die neu veröffentlichten Zahlen des Bundesamt für Gesundheit sorgen für viel Diskussion. Denn rund die Hälfte aller Covid-Opfer der letzten zwölf Wochen von 2020 starben noch im Alters- oder Pflegeheim.

Die neu veröffentlichten Zahlen des Bundesamt für Gesundheit sorgen für viel Diskussion. Denn rund die Hälfte aller Covid-Opfer der letzten zwölf Wochen von 2020 starben noch im Alters- oder Pflegeheim.

REUTERS
 SVP-Nationalrat Thomas Matter findet klare Worte. «Die Schweiz versagt beim Schutz der Menschen in Altersheim total.»

SVP-Nationalrat Thomas Matter findet klare Worte. «Die Schweiz versagt beim Schutz der Menschen in Altersheim total.»

zVg
Und auch FDP-Vizepräsident Philippe Nantermod ist mit der aktuellen Situation gar nicht zufrieden. Diese Todeszahlen seien traurig, aber zu erwarten. 

Und auch FDP-Vizepräsident Philippe Nantermod ist mit der aktuellen Situation gar nicht zufrieden. Diese Todeszahlen seien traurig, aber zu erwarten.

zVg

Darum gehts:

  • «All die Massnahmen könnte man deutlich lockern, wenn man die Einschleppung des Virus in die Altersheime unterbindet», sagt ein Ökonom.

  • Er schlägt lückenlose Tests vor.

  • Die neuen Zahlen über die Todesfälle in Altersheimen geben der Forderung nach einer Impfpflicht für Pflegende Auftrieb.

Trotz Schutzkonzepten und Besuchsregeln in manchen Kantonen: Die zweite Welle hat die Alters- und Pflegeheime mit voller Wucht erfasst. Seit Oktober starben laut neuen Zahlen über 2600 Personen in einem Alters- oder Pflegeheim nach einer Corona-Infektion. In manchen Kantonen stellen Bewohner von Alterseinrichtungen 80 Prozent der Corona-Toten.

Die hohe Zahl von Todesopfern in Pflegeheimen sorgt für Bestürzung. Manche Fachleute sahen im Schutz der Alten und Risikopatienten bereits während der ersten Welle den Schlüssel für die Lockerung der Corona-Einschränkungen.

«Viele Massnahmen könnte man deutlich lockern»

«Die Massnahmen des Bundesrats finde ich ungenügend. Oft erscheinen sie zufällig und nicht evidenzbasiert. Wir müssen mit allen möglichen Massnahmen auf die Altersheime losgehen», sagt etwa Martin Janssen, emeritierter Professor für Finanzmarktökonomie an der Universität Zürich. «Viele Massnahmen könnte man deutlich lockern, wenn man die Einschleppung des Virus in die Heime unterbindet.» Zum Beispiel könnten Restaurants dann wieder öffnen. Janssen fordert, dass man die Eingänge der Altersheime sichert, sodass nur Personen mit negativem Corona-Test hereinkommen. «Wenn man in ein Altersheim will, muss man sich immer mittels Schnelltest testen lassen. Damit können Ansteckungen im Heim auf ein Minimum gebracht werden.»

Rechte Seite kritisiert Regierung

Scharfe Kritik übt auch SVP-Nationalrat Thomas Matter. «Die Schweiz versagt beim Schutz der Menschen in Altersheimen total.» Die Massnahmen, die momentan gelten, seien total absurd. «Die Zahlen zeigen, dass die aktuellen Massnahmen die falschen Personen schützen. Anstatt immer neuere und striktere Massnahmen soll Bundesrat Berset endlich genug Impfstoffe zur Verfügung stellen und endlich ein greifendes Schutzkonzept für die Altersheime präsentieren.»

Auch FDP-Vizepräsident Philippe Nantermod setzt seine Hoffnung auf die Impfungen. Zuletzt hatte die Weigerung von Pflegenden, sich impfen zu lassen, für Schlagzeilen gesorgt. «Die Schweiz soll genügend Impfstoff besorgen und das Pflegepersonal soll sich impfen lassen. Notfalls muss der Bundesrat ein Impf-Obligatorium erlassen.»

«Ein Licht am Ende des Tunnels»

SP-Co-Präsidentin Mattea Meyer führt die vielen Altersheim-Toten auf zu zögerliches Handeln der Behörden zurück: «Die Übersterblichkeit zeigt, dass die Schweiz die Krise nicht gut meistert. Sie hat oft zu spät und zu zögerlich gehandelt.» Von einer kontrollierten Durchseuchung oder einer Isolation der Risikogruppen hält Meyer nichts: «Wir dürfen in dieser Krise auch die psychische Gesundheit nicht ausser Acht lassen. Aber es braucht dringend eine Entlastung des Gesundheitspersonals und gute Schutzkonzepte sowie ein ausgebautes Contact-Tracing.»

Die generellen Massnahmen – etwa die Homeoffice-Empfehlung – müssten stattdessen weiter verschärft werden. Die davon wirtschaftliche Betroffenen sollte allerdings finanziell abgefedert werden. Wie Nantermond ist auch Meyer überzeugt, dass eine Impfung die Altersheime besser schützen könnte. «Die Impfung ist ein Licht am Ende des Tunnels, wir dürfen uns aber nicht alleine auf der Impfung abstellen.»

Prämienrabatt für Geimpfte?

Viel Hoffnung wird momentan auf die Corona-Impfung gesetzt. Mit einer Impfung der Risikopatienten und des Pflegepersonal sollen schweren Krankheitsverläufe und Todesfälle reduziert werden, so das BAG. Das Problem dabei: In einzelnen Altersheimen will sich nur jede zehnte Pflegerin und jeder zehnte Pfleger gegen Corona impfen lassen. Fabio Hasler, Vorstandsmitglied von up!Schweiz, schlägt deshalb vor, dass Geimpfte eine Gutschrift von 50 Franken auf die monatliche Krankenkassenprämie bekommen. Für die Impfverweigerer soll die Monatsprämie hingegen 50 Franken aufschlagen. «Bevor der Staat so eine krasse Massnahme wie ein Obligatorium umsetzt, sollte man ein gutes Anreizsystem versuchen. Die Pfleger sollten sicher eine Wahlfreiheit haben.» Dieser Vorschlag, eine «Impfpflicht light», sei allerdings vor allem noch ein Gedankenexperiment.

Ausgangssperre für Senioren in der 1. Welle

Während der ersten Welle wurde der Schutz der Alten unterschiedlich gehandhabt. Die Kantone ergriffen schnell harte, jedoch unterschiedliche Massnahmen. Während viele Kantone die Besucherzahlen in Altersheimen massiv einschränkten, durften im Kanton Tessin Senioren eine Zeit lang nicht mehr einkaufen gehen, im Kanton Uri herrschte für einige Tage sogar eine komplette Ausgangssperre für Senioren.

Deine Meinung