Schweizer Botschaft in Peking weist China auf Fake News zu «Wilson Edwards» hin
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Fake News in China«Die Schweizer Botschaft hat richtig und mutig gehandelt»

Die Schweizer Botschaft in China deckt Falschmeldungen chinesischer Staatsmedien auf. «China dürfte alles Interesse daran haben, dass dieser peinliche Fall so rasch als möglich in Vergessenheit gerät», sagt der langjährige Schweizer Diplomat Paul Widmer.

von
Daniel Krähenbühl
Christina Pirskanen

Darum gehts

  • Die Schweizer Botschaft in Peking wies auf Twitter darauf hin, dass die Aussagen eines angeblichen Schweizer Biologen «Fake News» sind. Den Forscher mit dem Namen Wilson Edwards gebe es gar nicht.

  • Auf Social Media machen sich Internetnutzer über die leicht durchschaubare Propagandaaktion lustig.

  • «China dürfte alles Interesse daran haben, dass dieser peinliche Fall so rasch als möglich in Vergessenheit gerät», sagt der langjährige Schweizer Diplomat Paul Widmer.

Ende Juli berichtet ein in China lebender Schweizer Biologe namens Wilson Edwards von einer Verschwörung gegen China: Der Forscher aus der neutralen Schweiz schreibt in einem Facebook-Beitrag, dass es laut seinen Quellen in der Weltgesundheitsorganisation WHO das Ziel der USA sei, mit ihrer Untersuchung zur Herkunft des Coronavirus China zu diskreditieren. Seine Aussagen werden auf Social Media bereitwillig aufgenommen, den chinesischen Staatsmedien dienten sie als Steilvorlage, wie auch die «Washington Post» berichtet.

Nur: Wilson Edwards gibt es nicht. Wie die Schweizer Botschaft über Twitter verlauten lässt, handle es sich um Fake News. «Wir bitten die chinesischen Medien und Internetnutzer darum, die Beiträge zu Wilson Edwards zu löschen und ein Korrigendum zu veröffentlichen.» Medien wie «China Daily» oder CGTN löschten daraufhin ohne dazugehörige Stellungnahme die Artikel. Innert kürzester Zeit generierte der Tweet der Schweizer Botschaft Tausende von Likes, Hunderte kommentierten ihn.

«Kühlen Kopf bewahren und die Sachen richtigstellen»

Dass solche Falschmeldungen von chinesischen Staatsmedien und Nachrichtenportalen unbedacht oder gar bewusst weiterverbreitet worden sind, sei deutlich zu verurteilen und schade den guten Beziehungen zwischen den Ländern, sagt Paul Widmer, Historiker und langjährige Schweizer Diplomat. «China erfand wohl einen Schweizer Experten, weil es glaubte, niemand hätte mehr Glaubwürdigkeit als ein Experte aus der neutralen Schweiz.»

Eine Überraschung sei die Falschmeldung nicht: «Propaganda und Falschmeldungen begleiten die Diplomatie seit Anbeginn wie einen dunklen Schatten», so Widmer. Das einzige Mittel dagegen sei, einen kühlen Kopf zu bewahren und die Sachen richtigzustellen – gerade so, wie das die Botschaft in Peking getan habe. «Die Schweizer Vertretung hat richtig und mutig gehandelt», sagt Widmer. Allfällige Konsequenzen seitens China seien nicht zu befürchten: «China dürfte alles Interesse daran haben, dass dieser peinliche Fall so rasch als möglich in Vergessenheit gerät.»

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Das ist der Account von Wilson Edwards. Der «Schweizer Biologe» hat nur einen einzigen Post veröffentlicht: Am 24. Juli 2021 attackierte er die Weltgesundheitsorganisation (WHO).

Das ist der Account von Wilson Edwards. Der «Schweizer Biologe» hat nur einen einzigen Post veröffentlicht: Am 24. Juli 2021 attackierte er die Weltgesundheitsorganisation (WHO).

Screenshot Facebook
Die Suche nach dem Ursprung des Coronavirus sei «politisiert», so Edwards. (Im Bild: Wuhan Institute of Virology, wo an teils gefährlichen Viren geforscht wird, wird von der Polizei bewacht.)

Die Suche nach dem Ursprung des Coronavirus sei «politisiert», so Edwards. (Im Bild: Wuhan Institute of Virology, wo an teils gefährlichen Viren geforscht wird, wird von der Polizei bewacht.)

Reuters
Bereits im Februar 2021 besuchte ein Team der WHO das Institut für Virologie.

Bereits im Februar 2021 besuchte ein Team der WHO das Institut für Virologie.

REUTERS

Lob für die Schweizer Botschaft

«Hätten sie sich nicht zumindest einen Schweizer Namen wie ‹Beat Häberlin›, ‹Hanspeter Brunner› oder ‹Andreas Moos› verwenden können?», schreibt ein Twitter-Nutzer hämisch. «Viel peinlicher geht kaum», stellt eine weitere Person fest. «Manipulation durch Hirnwäsche und Zensur kann nur begrenzt funktionieren.» Ein User, dessen Profil auf die Herkunft aus Hongkong hindeutet, teilt mit: «So funktioniert die Propagandamaschine halt.» Und auch Lob für die Schweizer Botschaft gibts: «Es ist wirklich schön, wie die ‹Daily› von der Schweizer Botschaft eine Ohrfeige kassiert.»

Auf Anfrage von 20 Minuten liess das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) verlauten, dass die Botschaft in China den Tweet veröffentlicht habe, um darauf aufmerksam zu machen, dass es sich bei der erwähnten Person nicht um einen Schweizer handle. «Die Botschaft hat diesen Wortlaut gewählt, nachdem sich herausstellte, dass die chinesische Presse und sozialen Netzwerke die Äusserungen fälschlicherweise einem Schweizer Biologen zugeschrieben hatten», sagt EDA-Sprecher Pierre-Alain Eltschinger. Mittlerweile hätten verschiedene chinesische Zeitschriften die Berichte gelöscht.

Nicht zum ersten Mal kommt es zu einem solchen «Missverständnis»: Erst im April deckte die französische Zeitschrift «Le Monde» auf, dass es sich bei der in chinesischen Propagandameldungen vielzitierten Journalistin Laurène Beaumond um eine mutmassliche Erfindung handelt.

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