Aktualisiert 28.02.2014 09:08

Deutscher Schweiz-Fan

«Die Schweizer sind keine Untertanen»

Der deutsche Journalist Wolfgang Koydl bezeichnet uns Schweizer als «Besserkönner». Er empfiehlt der EU, sich ein Vorbild an uns zu nehmen.

von
J. Büchi

Herr Koydl, beinahe ganz Europa hackt derzeit auf der Schweiz rum – und Sie loben uns (siehe Box). Warum?

Wolfgang Koydl: Das ist ganz einfach: Die Schweiz ist zwar nicht perfekt. Aber sie macht vieles besser. Und vor allem: Sie macht die entscheidenden Dinge besser.

Was denn?

Die direkte Demokratie: Die Leute können mitbestimmen. Der Föderalismus: Entscheidungen werden dort getroffen, wo es die Leute tatsächlich etwas angeht. Und das Milizsystem: Die Schweiz hat im Gegensatz zu Deutschland oder Frankreich keine Berufspolitiker, die nach dem Studium eine Politkarriere einschlagen und eines Tages Ministerpräsident werden, ohne je richtig im Leben gestanden zu haben. Dazu kommt der Fleiss und der Freiheitsdurst der Schweizer. Und dass sie aufeinander aufpassen, im positiven wie im negativen Sinn.

Wie meinen Sie das, aufpassen?

Einerseits passen die Leute auf, dass es allen gut geht. Und sie passen auf, dass sich alle an die Regeln halten. So wie es einst Dürrenmatt gesagt hat: Der eine ist des anderen Gefängniswärter. Ich habe lange in Russland gelebt – wie die Schweiz ein Land voller Regeln. Aber in Russland hält sich niemand daran, weil die Vorschriften von oben kommen. Wenn ich als Russe gegen die Regeln verstosse, zwinkern mir meine Mitmenschen zu und sagen: Haben wir es denen da oben wieder gezeigt. In der Schweiz ist das anders: Die Gesellschaft hat sich die Regeln selber auferlegt – sie weiss, dass das Zusammenleben so besser funktioniert.

Wurde auch schon auf Sie «aufgepasst» in der Schweiz?

Ja, in beider Hinsicht. Wenn ich länger nicht aus dem Haus gehe, fragen die Nachbarn meine Frau: «Gehts ihrem Mann gut?» Das andere Aufpassen erlebte ich gleich nach meinem Umzug in die Schweiz: Ich ging mit dem Hund raus, dieser verkroch sich in die Büsche, kam aber unverrichteter Dinge wieder hervor. Da rief jemand aus einem Wohnblock: «He, Sie da, räumen Sie gefälligst hinter Ihrem Hund auf.» Ich rief zurück: «Der Hund hat nichts gemacht, er hat Verstopfung.» Stimme von oben: «Bleiben Sie da, ich komme runter und schau nach.» Dann sind dieser alte Mann und ich zusammen Stück für Stück das Rasenstück abgegangen. Der Hund war ganz begeistert – er dachte, das sei ein neues Spiel (lacht). Und der Mann war zufrieden, dass er nichts finden konnte.

Was hat das denn nun mit unserer Politik zu tun?

Die Schweizer haben das Bewusstsein: «Wir entscheiden – und nicht jemand für uns.» Das existiert wohl, seitdem Wilhelm Tell den speckigen Hut des Landvogts Gessler nicht grüssen wollte. Sicher aber wird es seit der Gründung des Bundesstaates von Generation zu Generation weitergegeben.

Haben wir uns mit dieser Sturheit die aktuellen Schwierigkeiten mit der EU in der Zuwanderungsdebatte eingehandelt?

Schweizer sind keine Untertanen. Gibt man ihnen Befehle, machen sie die Jalousien zu. Die EU auf der anderen Seite versteht absolut nicht, wie die Schweiz funktioniert. Und das geht nicht nur ihr so: Obwohl die Schweiz mitten in Europa liegt und drei der grössten Sprachen Kontinentaleuropas spricht, ist sie dem Rest der Welt ein unerklärliches Rätsel. Man kann sich nicht vorstellen, wie ein System mit so viel Mitsprache der Wähler funktionieren kann.

Trotzdem plädieren Sie in Ihrem Buch für ein «Europa à la Suisse»: Die EU müsse sich in puncto Mitsprache und Eigenverantwortung ein Vorbild an uns nehmen. Kann das funktionieren?

Es muss, wenn die EU nicht am Frust ihrer Bürger ersticken will. Wir haben ja die Reaktionen nach dem Zuwanderungsentscheid der Schweiz gesehen: Während es von der europäischen Politik Prügel für die Schweiz gab, stand der grosse Teil der Öffentlichkeit hinter dem Schweizer Volksentscheid. Es ist aber auch an der Schweiz, ihr System weiterzuverbreiten.

Kann die Schweiz direkte Demokratie denn einfach exportieren wie Emmentaler-Käse?

Ja. Es ist zwar nicht ein Export, den man einpackt und mit dem Lastwagen über die Grenze schickt. Es ist die Idee, die dahintersteckt. Jeder Mensch möchte doch gern über sein Schicksal entscheiden können. Und ich glaube, Menschen handeln erst dann verantwortungsbewusst, wenn man ihnen Verantwortung gibt.

In Europa sind es derzeit vor allem rechtspopulistische Parteien, die solche Mitbestimmungsmöglichkeiten fordern. Ist diese Entwicklung in ihrem Sinn?

Nein, das ist überhaupt nicht gut. Ich würde mir wünschen, dass sich eben die nicht-populistischen Parteien dieses Anliegens annehmen würden. Man darf dieses wichtige Thema nicht den Rechtspopulisten überlassen!

Ist denn ihr Buch schon unterwegs zu Angela Merkel? Soll es der Funke sein, der die direktdemokratische Revolution in Europa entzündet?

Naja, ich kann ja mal ein Streichholz hinhalten. Ob es dann Feuer fängt, hängt davon ab, wie leicht entflammbar das Material ist. Ich habe das Buch tatsächlich vielen Politikern geschickt, aber nicht so hochrangigen wie Angela Merkel.

Gibt es eigentlich auch etwas, das Sie an der Schweiz stört?

Es gibt natürlich Dinge, die sind alles andere als gut: Das Bankgeheimnis, Schwarzgeld, damals die nachrichtenlosen Vermögen. Aber das kritisieren schon genug andere Leute. Ich will den Schweizern mit meinem Buch etwas anderes sagen: Ihr merkt gar nicht, welchen Schatz ihr da habt! Für die meisten sind der hohe Lebensstandard und die politischen Mitspracherechte selbstverständlich. Dabei hätten sie alles Recht, stolz darauf zu sein.

Aus fast jedem Ihrer Sätze spricht Bewunderung für die Schweiz. Wann beantragen Sie den roten Pass?

Das liegt ja nicht an mir (lacht). Dafür muss ich ja erst einmal lange hier bleiben. Und dann muss die Gemeinde ja auch erst einmal zustimmen. Aber in diesem Fall würde ich schon zugreifen.

Zur Person:

Wolfgang Koydl ist 1952 im deutschen Tübingen geboren. Als Journalist arbeitete er schon in England, Österreich, Ägypten sowie in der Sowjetunion, der Türkei und in den USA. Seit drei Jahren ist er Schweiz-Korrespondent für die «Süddeutsche Zeitung». Am 1. März erscheint sein Buch «Die Besserkönner: Was die Schweiz so besonders macht».

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