Marco Materazzi: «Die Schweizer sprechen wenig und rennen viel»
Aktualisiert

Marco Materazzi«Die Schweizer sprechen wenig und rennen viel»

Marco Materazzis Name ist seit dem WM-Final 2006 untrennbar mit jenem von Zinédine Zidane verbunden. 20 Minuten sprach mit dem Weltmeister über Kopfstösse, Tätowierungen und seine Zukunft.

von
Sandro Compagno

Marco Materazzi zu Besuch in Zürich. (Video: 20 Minuten Online)

Marco Materazzi, die italienische Nationalmannschaft hat den letzten Test gegen die USA mit 0:1 verloren. Was läuft falsch?

Marco Materazzi: Es war, wie Sie sagen, nur ein Test. Es fehlten einige wichtige Spieler, es wurde experimentiert. Das Resultat dieses Testspiels zu kritisieren, ist zu billig. Kritik zum jetzigen Zeitpunkt wäre destruktiv und würde niemandem helfen.

Trainer Cesare Prandelli hat versprochen, dass Italien eine gute EM spielen werde.

Davon bin ich überzeugt. Prandelli weiss, was er tut. Er hat schon auf Klubebene stets gute, seriöse Arbeit geleistet. Er hat immer Mannschaften aufgebaut, die genau wussten, was auf dem Platz zu tun ist. Gegen die USA fehlten mit Rossi und Cassano wichtige Offensivspieler. In Italien spricht man etwas despektierlich von den Zwergen (Cassano misst 1,75 m, Rossi 1,73 m, die Red.), aber auf dem Feld sind die beiden sehr, sehr stark. Und dahinter warten mit Balotelli und Pazzini exzellente Ersatzleute. Wenn alle vier Stürmer zur Verfügung stehen, dann sieht es gut aus für Italien.

In Italien spielen heute mehr Schweizer denn je in tragenden Rollen: Inler und Dzemaili in Neapel, Lichtsteiner bei Juventus, um nur einige zu nennen: Spricht das für die Stärke des Schweizer Fussballs oder für die Schwäche der Serie A?

Die Fussball-Welt ist viel ausgeglichener geworden. Die kannst nach Afrika fahren und gegen irgend jemanden verlieren. Oder wenn du auf die Färöer fliegst, gewinnst du nicht mehr automatisch 6:0 oder 7:0. Es ist also eine normale Entwicklung, denn gute Spieler gibt es mittlerweile überall. Die Schweizer haben Disziplin, Qualität und eine gute Einstellung: Sie sprechen wenig und rennen viel. Schauen Sie Lichtsteiner oder Inler an: Sie haben sich in Italien viel Respekt verschafft. Sie sind unsympathisch als Gegner, aber als Teamkollegen magst du solche Typen.

Ihr Name ist untrennbar mit Zinédine Zidane verbunden, der Ihnen im WM-Final 2006 einen Kopfstoss verpasst hat. In jenem Spiel haben Sie aber auch das 1:1 erzielt und im Elfmeterschiessen getroffen. Ärgert es Sie, dass man Sie nicht dafür in Erinnerung behält?

Ja, es ärgert mich! Es ist falsch und feige. Aber es ist normal, dass dieser Vorfall im Rest der Welt in Erinnerung geblieben ist. Und es auch klar, dass ich hier in Zürich danach gefragt werde. In Zürich sitzt die Fifa, die mich nach diesem Vorfall für zwei Spiele gesperrt hat. Wer etwas Augenmass besitzt, der erkennt, dass diese beiden Sperren gegen mich verhängt wurden, um einen anderen zu verteidigen. Jemanden, der sicher ein viel schwereres Verschulden hat als ich! Aber ich weiss auch, was ich an dieser WM geschafft habe: Ich habe drei Tore erzielt und ich hielt den Pokal in meinen Händen. Darüber bin ich bin sehr froh, die anderen (die Fifa, die Red.) etwas weniger, aber ich bin zufrieden und stolz.

Sie sind jetzt 38 Jahre alt, im Sommer 2011 haben Sie Ihre Karriere beendet. Was wollen Sie mit dem Rest Ihres Lebens anfangen?

Ich will leben! (Lacht) Ich habe als Fussballer alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt. Jetzt will ich meine Familie, meine Kinder geniessen. Aber der Fussball ist meine Welt und wird es immer bleiben. Ich bin daran, meine Trainerdiplome zu machen. Wenn sich mir die Möglichkeit bietet, in den Fussball-Zirkus zurückzukehren, dann werde ich mir das sicher überlegen. Jeder Mensch wird geboren, um etwas ganz ganz Bestimmtes zu tun. Ich bin für den Fussball geboren.

Sie haben sehr viele Tätowierungen. Gibt es Tattoos, die Sie heute lieber mehr hätten?

(Überlegt) Vielleicht die ersten, die ich noch als Junge gemacht habe. Die anderen haben allesamt eine Bedeutung. Alle beziehen sich auf etwas, das in meinem Leben passiert ist; gute wie schlechte Erinnerungen. Ich kann auf meinen Armen meine Lebensgeschichte lesen – und spare mir die Zeitungen, die nicht immer gut zu mir waren! (lacht)

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