Analyse zum Saisonstart: Die schwierigste Saison für Clubs, Spieler und Fans
Publiziert

Analyse zum SaisonstartDie schwierigste Saison für Clubs, Spieler und Fans

Am Donnerstag beginnt die wohl kurioseste Schweizer Eishockey-Meisterschaft der Geschichte. Sportliche Themen werden bis auf weiteres an den Rand gedrängt.

von
Marcel Allemann
1 / 4
Beim Testspiel zwischen Fribourg und Lausanne hatte es noch keine Zuschauer. Mit dem Saisonstart dürfen die Stadien zu zwei Dritteln gefüllt werden.

Beim Testspiel zwischen Fribourg und Lausanne hatte es noch keine Zuschauer. Mit dem Saisonstart dürfen die Stadien zu zwei Dritteln gefüllt werden.

Foto: Anthony Anex (Keystone)
Patrick Geering von den ZSC Lions will den Titel.

Patrick Geering von den ZSC Lions will den Titel.

Foto: Gian Ehrenzeller (Keystone)
Beim SC Bern hat Florence Schelling (r.) die Rolle als Sportchefin übernommen.

Beim SC Bern hat Florence Schelling (r.) die Rolle als Sportchefin übernommen.

Foto: Peter Klaunzer (Keystone)

Darum gehts

  • Die neue Eishockey-Meisterschaft ist die wohl schwierigste der Geschichte.
  • Clubs und Fans sind gefordert.
  • Der Sport wird ein anderer sein als vor Corona.

Ab dem Donnerstag wird in der Schweiz nach sieben Monaten wieder Meisterschafts-Eishockey gespielt. Es war für alle, die diesen Sport lieben, eine gefühlte Ewigkeit. Gerade in diesen schwierigen Zeiten. Doch das Eishockey von heute wird nicht mehr dasselbe sein wie vor Corona. Es hat seine Unschuld verloren.

In den Jahren zuvor wurde unmittelbar vor dem Saisonstart allerorts eifrig darüber debattiert, welches Team sich am besten verstärkt hat, wessen Sturm besonders schlagkräftig erscheint, wessen Verteidigung löchrig wirkt und welcher Trainer wohl als Erster gehen muss. Im Moment sind das fast schon Randthemen. Im Fokus stehen Schlagwörter wie Schutzkonzepte, Bundesratsentscheide, Zuschauerkapazitäten-Regeln oder Millionenverluste. Und wir wissen alle nicht, wie diese neue Eishockey-Realität für uns sein wird. Mit Maskenpflicht und weiteren strikten Regeln in halb leeren Stadien. Aber wir werden uns daran gewöhnen, so wie wir uns schon an so vieles gewöhnt haben im Lauf dieses Frühlings und Sommers. Auch wenn sie uns nicht wirklich zu gefallen vermag, diese neue Eishockey-Realität, es gilt zu hoffen, dass wenigstens diese uns erhalten bleibt. Denn sicher ist in Zeiten wie diesen nichts. Das mussten wir ebenfalls lernen.

Der Umbau der Stehplatzrampe in der Postfinance-Arena in Bern.

Video: Keystone-SDA

Das Schweizer Eishockey rückt ab Donnerstagabend ins Rampenlicht und steht dabei unter der Beobachtung einer ganzen Nation. Zeigen sich die Fans als vorbildliche Partner für ihre Clubs und halten sich an die Regeln? Oder schert ein gewisser Teil aus und man sieht in unseren Stadien Bilder, die man im Rahmen der politischen Vorgaben zur Pandemie-Bekämpfung eben genau nicht sehen will und dann alles in Frage stellen? Das wird weitaus mehr interessieren als das Resultat von Bern - Ambri oder Lugano - ZSC Lions. Die Politik wird mit Argusaugen darauf schauen, ob die aufwendigen Schutzkonzepte umgesetzt werden. Und sie wird nicht die Einzige sein. Es steht enorm viel auf dem Spiel. Für jeden Club, für die Liga und auch für das Schweizer Eishockey als Gesamtes, das für sich den Anspruch stellt, der Weltspitze anzugehören.

Nur zwei Drittel ihrer Sitzplatzkapazitäten in den Stadien ausschöpfen zu können, wird bei allen National-League-Clubs Löcher von mehreren Millionen Franken verursachen. Aber es ist für sie ein Ansatz und eine Hoffnung, um wieder in die Spur zu finden und überleben zu können. Man darf nicht vergessen: Die Schweizer Vereine finden mit der 2-Drittel-Regelung im Vergleich zum Ausland fast schon paradiesische Zustände vor und es ist fraglich, ob sich alle Verantwortlichen dessen überhaupt bewusst sind. In Deutschland wird beispielsweise gerade darüber debattiert, die DEL-Saison abzublasen, weil maximal 20 Prozent der Stadionkapazität ausgeschöpft werden dürfen und für einen Saisonstart 60 Millionen Euro fehlen. Eishockey hat in Deutschland nicht die gleiche Lobby wie in der Schweiz, die Depression in unserem Nachbarland ist riesig. Und dies nur wenige Tage nachdem mit Leon Draisaitl erstmals ein Deutscher als bester Spieler der Welt ausgezeichnet wurde.

Hochspannung neben dem Eisfeld

Den besonderen Umständen geschuldet, stehen wir vor einer Saison, die so spannend sein wird wie noch nie. Für einmal nicht wegen des zweifellos ebenfalls spektakulären Kampfs um die Playoff-Plätze. Die brennenden Fragen sind vielmehr: Können die Clubs ihre Verantwortung wahrnehmen und die Schutzkonzepte gemeinsam mit ihren Fans umsetzen? Wie entwickelt sich die Corona-Situation in der Schweiz im Herbst/Winter? Wie viele Corona-Fälle gibt es in der Liga? Müssen im Lauf der Meisterschaft ganze Teams in Quarantäne? Kann die aktuelle Stadionkapazitätsregel durch die Saison beibehalten werden, oder dürfen im Idealfall irgendwann mehr Fans rein – oder im schlechtesten Fall weniger bis gar keine mehr? Überstehen alle Clubs diese schwierige Zeit finanziell? Kann die Saison mehr oder weniger wie geplant durchgespielt werden oder kommt es zu einem Unterbruch oder gar erneut zu einem Abbruch?

So unruhig diese Saison bei den Clubs abseits des sportlichen Geschehens verlaufen wird, so ruhig wie noch selten könnte sie im Hinblick auf das eigentliche Kerngeschäft werden. Vielleicht werden wir sogar zu Zeugen eines historischen Momentes. Dann etwa, wenn es in dieser Spielzeit keine einzige Trainerentlassung geben sollte, weil eine solche bei der derzeitigen Finanzlage enorm schwer zu argumentieren wäre. Der Abstieg wurde schliesslich nicht grundlos für eine Saison ausgesetzt, alle Vereine geniessen dadurch Planungssicherheit. Gibt es unter den aktuellen Voraussetzungen Clubs, die die Geldvernichtungsmaschine trotzdem anschmeissen, Trainer feuern und ständig neue Ausländer präsentieren, verlieren diese ihre Glaubwürdigkeit komplett.

Deine Meinung

14 Kommentare