«Time-out»: Die SCL Tigers spielen wieder mit dem Feuer
Aktualisiert

«Time-out»Die SCL Tigers spielen wieder mit dem Feuer

Die SCL Tigers halten auch nach dem Sturz in die Liga-Qualifikation an Trainer Alex Reinhard fest. Die zweite (verhängnisvolle?) Fehleinschätzung in dieser Saison.

von
Klaus Zaugg

Die Verwaltungsräte der SCL Tigers unter Präsident Peter Jakob haben in dieser Saison sehr vieles richtig gemacht. Ja, sie würden eine Auszeichnung als «Unternehmer des Jahres» verdienen. Sie haben das Sportunternehmen SCL Tigers saniert, die Nachwuchsorganisation neu aufgegleist und schliesslich 30 Millionen Franken in einer der wirtschaftlich ärmsten Regionen der Schweiz aufgetrieben, um den Hockeytempel zu erneuern und neue Ertragsmöglichkeiten zu erschliessen. Und wichtige Kaderstellen (Sportchef und Manager) haben sie mit den richtigen Leuten (Kölliker, Schickli) besetzt. Grandios.

Zudem haben die Verwaltungsräte bereits einen Plan B in der Schublade und wissen, was im wirtschaftlichen Bereich sein wird, wenn die SCL Tigers absteigen sollten. Das B-Budget steht. Es wird mit einem Zuschauerschnitt von etwas mehr als 3000 Fans gerechnet, der Kern der Mannschaft würde bleiben und wohl nur Simon Moser zum SCB wechseln. Das gesamte Management bliebe im Amt.

Grandiose Planung, aber ...

Die wichtigsten Sponsoren haben Treue auch in der NLB zugesagt und das Motto würde lauten: So jetzt erst recht! Die SCL Tigers blieben von ihrer Struktur her ein NLA-Unternehmen. Die Verwaltungsräte gehen davon aus, dass Langnau das neue Lausanne der NLB würde. Mit einer sehr guten NLB-Mannschaft. Diese strategische Planung ist klug, ja grandios.

Aber der Verwaltungsrat der SCL Tigers unterschätzt nach wie vor, dass die SCL Tigers am Ende des Tages ein Sportgeschäft sind. Dass so ein Plan B auch zum Untergang führen kann. Im letzten Sommer haben sie entschieden, nur mit drei Ausländern zu beginnen. Weil nach dem Stadionumbau kein Geld mehr da war für einen vierten Ausländer.

Wer 30 Millionen für eine Stadionsanierung aufbringt, aber nicht mehr 400'000 Franken für einen vierten Ausländer, schätzt die Situation falsch ein und hat keine Sensibilität für den Mannschaftsport. Dieser Verzicht auf den vierten Ausländer ist zwar bald einmal spektakulär korrigiert worden und inzwischen haben die Langnauer acht Ausländerlizenzen gelöst. Aber diese ursprüngliche Verzichtserklärung hat die Leistungskultur nachhaltig gestört.

Ist das Vertrauen in den Trainer richtig?

Und nun hat der Verwaltungsrat wieder einen vermeintlich vernünftigen Entscheid gefällt: Mit Alex Reinhard in die Liga-Qualifikation. Die Argumentation tönt im Hauptargument logisch: Es sei jetzt an der Mannschaft, die Saison zu retten. Und nicht am Trainer. Man habe volles Vertrauen zum Cheftrainer. Ist das richtig?

Der Chronist masst sich nicht an, auf diese Frage eine Antwort zu geben. Er leitet diese Frage an den höchstdekorierten Ligaqualifikations-General des Landes weiter. An Biels Trainer Kevin Schläpfer. Er hat in Biel als Sportchef zweimal den Trainer entlassen und selber die Mannschaft im 7. Spiel der Liga-Qualifikation gegen Lausanne zum Ligaerhalt geführt. Das erste Mal feuerte er Heinz Ehlers nach einem 0:2-Rückstand. Das zweite Mal Kent Ruhnke bereits nach dem verlorenen Playout-Finale.

«Die Spieler werden nicht mehr zuhören»

Kevin Schläpfer sagt, wenn ein Trainer die Mannschaft in einem siebten Spiel im Playoutfinale nicht retten könne, dann habe er «ausgeschossen» und habe in der Liga-Qualifikation keine Chance mehr. «Um dieses 7. Spiel zu gewinnen, musste er alles geben. Jeden Trick versuchen. Schafft er es trotzdem nicht, dann ist er am Ende. Was will er dann noch? Die Spieler werden nicht mehr zuhören. Und wenn er in diesem siebten Spiel nicht alles probiert und nicht alles gegeben hat, dann ist er erst recht nicht mehr tragbar.»

Kevin Schläpfer sagt, er wäre als Trainer zurückgetreten, wenn er mit Biel die Playoffs nicht geschafft hätte. «Ich gab alles, was ich hatte, um die Playoffs zu erreichen. Wäre ich gescheitert, dann hätte ich nicht mehr gewusst, was ich noch tun sollte. Ein anderer Trainer hätte die Mannschaft in den Playouts führen müssen.»

Trainer muss Schlüsselspieler extrem herausfordern

Was aber kann der Trainer in der Liga-Qualifikation tun? «Der Trainer muss die absolute Siegeszuversicht ausstrahlen, ja, er muss sogar arrogant auftreten. Er muss die Schweizer Schlüsselspieler und die Ausländer extrem herausfordern und bei der Ehre packen. Nur so geht ein Ruck durch die Mannschaft. Und wenn es zum siebten und letzten Spiel kommt, dann muss er den Mut haben, alles zu wagen und alle Karten auf den Tisch zu legen.»

Er habe habe dreimal in seiner Karriere in dieser Situation alles riskiert, erzählt Schläpfer. Zweimal im siebten Spiel in der Liga-Qualifikation und noch einmal im letzten Spiel in der Qualifikation gegen Zug, das sie gewinnen mussten, um sicher in die Playoffs zu kommen. «Ich habe dreimal das Gleiche gesagt: Jungs, es gibt Tage im Leben, an denen wir nicht verlieren dürfen. Heute ist so ein Tag. Und jeder hat es kapiert.»

Er sagt auch, das habe er aber vor dem siebten Playoff-Viertelfinalspiel gegen Fribourg nicht gesagt. «Denn es ging nicht um die Existenz. Jedem Spieler war klar, dass es auch im Falle einer Niederlage von mir nach dieser Partie ein Schulterklopfen geben würde. Die Dramatik des Alles-oder-nichts muss ein Trainer für die Spiele aufsparen, in denen es wirklich um die Existenz geht.»

Eldebrink hat alles riskiert

Wir haben nun also zwei Philosophien. Einerseits den Geschäftssinn und die Vernunft der tüchtigen Langnauer Verwaltungsräte, die alle erfolgreiche Unternehmer sind. Andererseits die Ansichten eines charismatischen Trainers, der selber zweimal durchs Stahlbad der Liga-Qualifikation gegangen ist und Hockeywunder vollbracht hat.

Mit Trainer Alex Reinhard in die Liga-Qualifikation zu gehen, ist also äusserst riskant. Was bereits ein Blick auf dieses siebte und letzte Playout-Finalspiel vom Ostermontag zeigt. Die Lakers siegten 5:2. Sie waren wie ein Fischerboot in diese Serie gesegelt, haben für die letzten zwei Partien jedoch gerade rechtzeitig zu einem Panzerkreuzer umgerüstet und die Langnauer als «Rumpellakers» mit ungewohnter Härte überrascht.

Trainer Anders Eldebrink hat im Sinne von Kevin Schläpfer alles riskiert – und alles gewonnen. Anders Eldebrink erkannte, dass dieses Playoutfinale die Fortsetzung des Eishockeys mit anderen Mitteln geworden waren. Alex Reinhard nicht.

Huet sticht Langnaus Goalies aus

Die Langnauer waren zu weich, zu brav, zu langsam und zu unsicher. Wie schon in der sechsten Partie spielten sie. Der Gegner aber kämpfte um die Existenz. Sie hatten nie den Hauch einer Chance – und erneut ein Goalieproblem. Rappis David Aebischer spielte erstmals in diesen Playouts sein bestes Hockey und wehrte 92,96 % der Schüsse ab. Langnaus Remo Giovannini überliess mit einer Fangquote von 82,76 Prozent seinen Platz nach dem 5:1 Thomas Bäumle. Die Torhüter werden in der Liga-Qualifikation entscheidend sein: Lausanne hat mit Stanley Cup-Sieger Cristobal Huet eine klare Nummer 1. Langnau bloss zwei recht gute Goalies. Aber keine klare Nummer 1.

Ein tüchtiger Trainer ohne ausreichende Erfahrung in Extremsituationen und die schwächeren Goalies: So ist es letztlich am Ostermontag zu einem undramatischen und logischen Ende eines Dramas gekommen. Langnau spielt nun als letzter der Qualifikation gegen Lausanne um den Platz in der NLA. Nach 1999 (sieben Spiele gegen Chur) und 2007 (fünf Spiele gegen Biel) bestreiten die SCL Tigers zum dritten Mal in ihrer Geschichte eine Liga-Qualifikation.

Sportchef Kölliker zweifelt am Trainer

Bereits während dieses siebten Spiels sinnierte Sportchef Jakob Kölliker darüber nach, ob noch vor dem ersten Spiel der Liga-Qualifikation am Donnerstag gegen Lausanne der Trainer noch ausgewechselt werden sollte. Anders als sein Verwaltungsrat, der in dieser Sache das letzte Wort hat und bereits entschied, den Trainer im Amt zu belassen, ist er nicht restlos davon überzeugt, dass es richtig ist, an Alex Reinhard festzuhalten.

In dieser Saison ist es weder John Fust (bereits entlassen) noch seinem Nachfolger Alex Reinhard gelungen, während der Qualifikation oder den Playouts vier von sieben Spielen zu gewinnen. Aber jetzt müssen die Langnauer vier von sieben Partien gewinnen. Der Heimvorteil gegen Lausanne ist wohl eher ein Heimnachteil. Die SCL Tigers haben in den Playouts ein einziges Heimspiel gewonnen.

Auch ein grosser Feldherr braucht Glück

Gewiss, Langnaus Trainer hat seine Arbeit mit bestem Wissen und Gewissen gemacht und geniesst durch seine ruhige und konsequente Art den Respekt der Spieler und des Umfeldes. Er blieb auch nach dieser Niederlage sachlich. Er suchte keine Ausreden. Was sollte er auch sagen? Schon der grosse Napoleon sagte, auch ein grosser Feldherr brauche Glück, sonst sei er verloren. Und Reinhard war in diesem Playoutfinale ein Bandengeneral ohne Fortune. Wer sagt, dass er in der Liga-Qualifikation Glück haben wird?

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