Drogen in der Psychiatrie: Die Seelenklempner mit den Drogen

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Drogen in der PsychiatrieDie Seelenklempner mit den Drogen

Das gloriose Comeback von LSD und MDMA: Heute sind die Drogen auf dem besten Weg dazu, ihren Platz in der seriösen Psychiatrie zu gewinnen. Schwarze Schafe bringen die innovativen Forscher aber immer wieder in Verruf.

Joel Bedetti
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Joel Bedetti
Auf dem Weg zur Seriösität: Beschlagnahmtes MDMA

Auf dem Weg zur Seriösität: Beschlagnahmtes MDMA

Die Geschichte des LSD begann mit einem Bad Trip. Als der Sandoz-Chemiker Albert Hofmann 1943 in seinem Labor den ersten Selbstversuch mit der Substanz machte, die er zufällig entdeckt hatte, nahm er eine massive Überdosis – er war sich der überwältigenden Wirkung nicht bewusst.

Heute, über 60 Jahre nach der Erfindung, scheint LSD erwachsen zu werden. Halluzinogene Drogen sind in der seriösen Psychiatrie nach einigen Jahrzehnten Tiefschlaf auf dem Vormarsch. Und die Schweiz spielt in diesem Comeback ganz vorne mit: «Die Schweiz nimmt in der Behandlung mit Halluzinogenen eine Vorreiterrolle ein», sagt Peter Gasser. Er ist Psychiater und Präsident der Schweizerische Ärztegesellschaft für Psycholytische Therapie, welche sich zum Ziel gesetzt hat, in der psychiatrischen Therapie mit Substanzen wie LSD und MDMA zu operieren.

«Wut und Trauer spüren»

2007 erhielt Peter Gasser vom BAG die Erlaubnis, während der nächsten beiden Jahren eine psychiatrische Studie mit LSD durchzuführen. Der Solothurner Psychiater versucht zu beweisen, dass Patienten mit schwer- oder nichtheilbaren Krankheiten wie Krebs dank LSD die Angst vor dem Tod besser verarbeiten können. Einer Reporterin des «Spiegel», welche Gassers Untersuchungen besuchte, sagte ein krebskranker Patient: «Im Rausch konnte ich erstmals meine ganze Trauer und Wut auf den Krebs spüren.» Er habe geflennt wie ein Baby.

Peter Gasser hat seine Studie noch nicht beendet, abschliessende Ergebnisse gibt es noch nicht. Gasser sagt aber gegenüber 20 Minuten Online: «Die Patienten haben sich nach der Behandlung besser gefühlt.» Es habe bisher auch keine Komplikationen gegeben, keine Horrortrips.

«LSD oder MDMA können dem Patienten helfen, die Behandlung zu vertiefen, eine tiefere Selbsterkenntnis zu gewinnen», sagt Gasser, «es steckt ungenutztes Potenzial in ihnen.» Peter Gasser sagt, er strebe keine Legalisierung von LSD und Co. an. Er wünsche sich lediglich, dass das Verbot dieser Drogen unter gewissen Auflagen für die psychiatrische Behandlung gelockert werde.

MDMA für Kriegsveteranen

Gassers Kollege Peter Oehen aus Biberist SO experimentiert mit MDMA, dem halluzinogenen Wirkstoff von Extacy. Oehen will mit MDMA Patienten helfen, Traumata von Vergewaltigungen oder Unfällen aufzuarbeiten. Experimente mit diesem Wirkstoff werden im Gegensatz zu LSD auch im Ausland durchgeführt – besonders in Israel und den USA, wo man damit traumatisierte Kriegsveteranen helfen will.

Die Schweiz war übrigens schon vor einigen Jahrzehnten Vorreiterin: Nachdem Forschung mit Halluzinogenen nach einigen eher unseriösen Experimenten in den 70ern für längere Zeit ein rotes Tuch war, erhielten von 1988 bis 1993 sechs Schweizer Psychiater vom BAG die Erlaubnis, mit MDMA, LSD und weiteren Drogen zu experimentieren.

1993 wurde der Versuch abgebrochen, weil ein Patient bei der Behandlung starb. Eine nachträgliche Untersuchung zeigte jedoch, dass die Experimente sehr erfolgreich waren. Von 121 Patienten bezeichneten 91 Prozent ihren Zustand nach der Behandlung mit Halluzinogenen als «leicht besser» oder «gut».Nur 13 Prozent hielten es für nötig, mit einer therapeutischen Behandlung fortzufahren.

Schwarze Schafe

Auch im Jahr 2010 ist die Behandlung mit bewusstseinsverändernden Substanzen erst im Versuchsstadium. Der Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Hans Kurt, meint: «Ich glaube nicht, dass sich halluzinogene Substanzen in der nächsten Zeit etablieren.» Obwohl er Gasser und Oehen «Professionalität» attestiert, ist Kurt skeptisch gegenüber den Kollegen, die mit Drogen experimentieren: «Schwarze Schafe bringen unsere Zunft immer wieder in Verruf», sagt er.

Dazu zählt Kurt die Zürcher Psychiaterin F.M, welche vor einigen Wochen in Haft sass. Wie der «Tages-Anzeiger» aufdeckte, hatte die 62-jährige Psychiaterin mit Praxis am Züriberg seit 2004 ihre Patienten mit halluzinogenen Drogen behandelt. Sie hielt Gruppensitzungen mit bis zu zwölf Personen – darunter Rechtsanwälte, Professoren, Ärzte – ab. Die verbotenen Substanzen – darunter LSD und Extacy – kaufte sie gemäss eigenen Angaben im Ausland ein. Die Behörden kamen der Psychiaterin vor einigen Wochen auf die Spur, sie und ihr Mann wurden zeitweise verhaftet, die Staatsanwaltschaft hat eine Untersuchung eingeleitet.

Es herrscht Zuversicht

In die Ausbildung gegangen ist F.M. beim bekanntesten dieser schwarzen Schafe, dem solothurner «Guru» und Psychiater Samuel Widmer. Der lebt zwei Frauen, elf Kindern und vielen Anhängern in der sogenannten «Kirschblütengemeinschaft», wo er Therapien mit legal erhältlichen Halluzinogenen wie Ephedrin oder Ketamin abhält und meditative Seminare sowie Tantra-Kurse gibt, mit denen er «neue Formen der Sexualität erprobt.»

Obwohl solche schillernden Figuren die seriös arbeitenden Ärzte und ihre Versuche mit Halluzinogenen in Misskredit bringen, geben sie sich zuversichtlich, dass künftig ein weniger voreingenommener Umgang mit Halluzinogenen in der Drogenforschung möglich ist. Peter Gasser sagt: «Wir sind gut unterwegs.»

Psychiater als Priester

Das wäre auch der Traum von Albert Hofmann, dem verehrten Erfinder von LSD, der sich im Gegensatz zum LSD-Papst Timothy Leary aber zeitlebens nie als Guru, sondern als Wissenschaftler sah. In einem seiner letzten Interviews, das Hofmann 1996 mit «Facts» führte, sagte er, dass die Drogenprobleme in der westlichen Welt daher rührten, dass es keine kulturelle Einbettung gebe.

In Mexiko beispielsweise, wo Rituale mit Halluzinogenen zur Norm gehören, würden die Priester streng darüber wachen, dass die Drogen nach den vorgegebenen Regeln eingenommen würden. Im Westen, schlussfolgerte Hofmann, müssten die Psychiater diese Rolle übernehmen.

Wie gefährlich sind LSD und MDMA?

LSD macht nicht süchtig, ist ungiftig und schadet körperlich nicht. Die einzige Gefahr, eine grosse Gefahr, besteht darin, dass man das umwälzende Erleben unter LSD nicht verkraften kann. Fehlen Vorbereitung und Integration, kann der Trip einen Schock auslösen oder eine Psychose.

MDMA ist ein Amphetamin. In den meisten Fällen ist es der Hauptbestandteil von Extacy.Bei einem Bad Trip könne Krämpfe, unangenehme Halluzinationen (besonders bei hohen Dosen), asthmatische und epileptische Anfälle, Kreislaufstörungen, Hitzewallungen, extremes Schwitzen, Augenzittern, Atemstörungen, Schwindelgefühle und Erbrechen auftreten. Eine Körperliche Abhängigkeit tritt nicht auf, eine psychische stellt sich nur langsam ein. Bei häufiger Einnahme sind jedoch Leberschäden zu erwarten. Ob es körperlich schadet, ist umstritten.

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