Abstruse Doppelmoral: Die Sexsklaven der Warlords
Aktualisiert

Abstruse DoppelmoralDie Sexsklaven der Warlords

Homosexualität ist in Afghanistan bei Strafe verboten. So genannte Tanzjungen sind aber gang und gäbe.
Im Westen kennt kaum jemand das bittere Schicksal dieser Sexsklaven.

von
Daniel Huber

Blutjunge Mädchen, die mit Greisen zwangsverheiratet werden; Frauen, die sich nur im Textilgefängnis der Burka auf die Strasse wagen dürfen – die Frauenfeindlichkeit der patriarchalischen afghanischen Gesellschaft ist zur Genüge bekannt. Kaum bekannt ist hingegen, dass mitunter auch Knaben Opfer dieser antiquierten Sexualmoral werden.

Es sind meist neun- bis sechzehnjährige Jungen, die im Westen beschönigend «Tanzjungen» genannt werden, weil sie bei Partys vor – ausschliesslich männlichem – Publikum tanzen. Die Jungen, persisch «Batsche bi-riesch» («Kind ohne Bart»), tragen dabei Frauenkleider, manchmal auch Make-up und Glöckchen an den Handgelenken. Der eigentliche Missbrauch geschieht indes erst danach, hinter den Kulissen: Die Tanzjungen sind Sexsklaven, die ihren Herren sexuell zu Diensten sein müssen.

Videos: «Batsche baazi» («Kinderspiel») in Afghanistan

Verkauft oder verschleppt

Viele der männlichen Sexsklaven gehören zur schiitischen Minderheit der Hazara, doch in Kabul sind die meisten Paschtunen oder Tadschiken. Sie stammen oft aus armen Familien, die ihre Söhne gegen Geld oder sonstige Vorteile den örtlichen Miliz-Kommandanten («Warlords») oder anderen einflussreichen Männern anbieten. Manche werden auch verschleppt. Für ihre Besitzer, darunter nicht selten Polizeichefs, sind die «Batsche bi-riesch» ein Statusobjekt; manche besitzen mehrere der Tanzjungen.

Das üble Treiben mit den Tanzjungen – es heisst «Batsche baazi» (wörtlich «Kinderspiel») – wird von den afghanischen Behörden nur halbherzig verfolgt. Und wenn die Staatsmacht zuschlägt, dann trifft sie in aller Regel die Jungen und nicht deren erwachsene Peiniger. Kein Wunder, wenn man bedenkt, dass die afghanische Polizei von der Uno-Sondergesandten für Kinder in bewaffneten Konflikten auf eine schwarze Liste gesetzt wurde. Darauf sind, wie die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» in ihrer Sonntagsausgabe kürzlich berichtete, jene Kriegsparteien verzeichnet, die Kinder rekrutieren oder sexuell missbrauchen.

Video: Bericht von «CNN» über den Missbrauch von Jungen in Afghanistan (Englisch)

Video: Dokumentation über die Prostitution von Knaben bei den Hazara in Afghanistan (Englisch)

Vor allem im Norden von Afghanistan hat die Unsitte seit dem Sturz der Taliban 2003 stark zugenommen. Unter den Fundamental-Islamisten, die sogar die Musik verboten hatten, war sie offiziell untersagt; «Batsche baazi» gilt immerhin als unislamisch.

«Unmännliche» Männer

Tatsächlich stellt sich die Frage, wie in einem Land, in dem homosexuelle Aktivitäten strengstens bestraft werden, eine solche Tradition entstehen konnte. Für ein westliches Verständnis klafft zwischen der homophoben Tendenz der islamischen afghanischen Gesellschaft und diesen verbreiteten homosexuellen Handlungen ein offensichtlicher Widerspruch. Doch möglicherweise besteht dieser Widerspruch für die afghanischen Männer gar nicht: In den stark patriarchalisch geprägten Gesellschaften des Nahen und Mittleren Ostens wird eher unterschieden, ob jemand beim Akt penetriert wird oder im Gegenteil selber eindringt. «Männer werden über ihre Sexualpraktiken, aber nicht über das Geschlecht ihrer Sexualpartner definiert», schreibt beispielsweise der deutsche Erziehungswissenschaftler Hans-Jürgen von Wensierski in einem Buch über junge Muslime in Deutschland.

Demzufolge ist ein Mann verachtenswert, der sich penetrieren lässt und damit seine Männlichkeit verrät. Selber zu penetrieren, egal wen, verrät hingegen Potenz und ist ehrenhaft. Diese Unterscheidung zwischen Mann und Nicht-Mann zeigt sich gemäss der Diplompsychologin und Sexualpädagogin Lucyna Wronska auch bei Migranten im Westen, die aus dem islamischen Kulturkreis stammen. Zur Gruppe der Nicht-Männer gehören, wie Wronska gegenüber 20 Minuten Online betont, nicht nur die Frauen, sondern eben auch jene Männer, die sich «unmännlich» verhalten. Im Türkischen gibt es dafür den Begriff «Ibne», der etwa mit dem abwertenden Wort «Schwuchtel» übersetzt werden könnte.

Verachtet und verstossen

Auch die afghanischen «Batsche bi-riesch» trifft die Verachtung der männerdominierten Gesellschaft mit voller Wucht. Wenn bei ihnen der Bartwuchs einsetzt, verlieren ihre Herren das Interesse an ihnen. Sie werden verstossen; manche landen in der Gosse und betäuben sich mit Heroin, andere heiraten eine ältere Frau, die nicht mehr Jungfrau und dadurch auf dem normalen Heiratsmarkt nicht mehr vermittelbar ist. Der afghanische Fotograf Barat Ali Batoor hat das Elend der ehemaligen «Dancing Boys» in eindrücklichen Bildern eingefangen (siehe Bildstrecke oben).

Es sei sehr schwierig gewesen, das Vertrauen der «Batsche bi-riesch» zu erlangen, sagt Batoor. Er zeigt seine Fotos derzeit in einer Ausstellung in Kabul – was sehr «riskant» sei, wie er gegenüber 20 Minuten Online erklärt. Zur Vernissage sei denn auch kein einziger Vertreter der lokalen Medien erschienen. Noch sind die Verhältnisse in Afghanistan nicht so, dass über ein Tabu-Thema wie die «Batsche bi-riesch» offen gesprochen werden kann.

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