Lothar Matthäus im Interview über Strafzettel, den FCZ und Nati-Stars
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Weltfussballer in Zürich«Die sind knallhart» – Legende Matthäus über Strafzettel, den FCZ und Nati-Stars

Lothar Matthäus war einst der beste Fussballer der Welt. Bis heute kennen den Sport nur wenige besser als er. Auch, wenn es um den Schweizer Fussball geht. 20 Minuten hat mit dem Weltmeister von 1990 im Fifa-Museum gesprochen. 

von
Silvan Haenni
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Zu Gast in Zürich: Weltfussballer Lothar Matthäus.

Zu Gast in Zürich: Weltfussballer Lothar Matthäus.

20min/Marco Zangger
20 Minuten hat ihn zu einem Interview getroffen. 

20 Minuten hat ihn zu einem Interview getroffen. 

20min/Marco Zangger
Matthäus: «André Breitenreiter sollte beim FCZ bleiben.»

Matthäus: «André Breitenreiter sollte beim FCZ bleiben.»

20min/Marco Zangger

Darum gehts

Lothar Matthäus ist wieder einmal zurück in der Schweiz. Der Weltmeister (1990) und Weltfussballer (1991) ist nach Zürich gereist, um in einem Podiumsgespräch mit dem ehemaligen Nati-Captain Pascal Zuberbühler (51) über die grössten Momente seiner Karriere zu sprechen. Vor dem Event der Serie «History Makers» im Zürcher Fifa-Museum hat sich 20 Minuten mit dem 61-Jährigen zu einem Gespräch getroffen. 

Ein Lothar Matthäus tanzt auf vielen Hochzeiten. Wenn man den Fernseher anschaltet, sieht man Sie – eher früher als später.

Lothar Matthäus: Der Beruf als TV-Experte bringt es halt mit sich, dass du eben noch mehr im TV zu sehen bist wie zu Aktivzeiten. Als Spieler hattest du maximal zwei Spiele in der Woche. Jetzt habe ich sehr viele Sendungen, vor allem bei Sky. Da kann es schon sein, dass man mich jeden Tag sieht. (lacht) Ist ja aber nicht immer live.  

Trotzdem hatten Sie Zeit, um heute nach Zürich zu kommen. Wie gut kennen Sie die Stadt?

Zürich kenne ich sehr gut. Und das auch schon eine lange Zeit. Generell die Schweiz kenne ich sehr gut. Ich bräuchte kein Navi, um mich hier zurechtzufinden. Ich hatte ja auch, sagen wir mal, meine private Zeit hier in den 90er-Jahren, als ich mit einer Schweizerin verheiratet war (Model und TV-Moderatorin Lolita Morena, Anm. d. R.). Mit ihr habe ich bis heute sehr guten Kontakt – sowie mit einigen Freunden hier. Ich mag es grundsätzlich hier.

Grundsätzlich?

Auch wenn es hier sehr teuer ist und die Bussen sehr hoch sind. (lacht) Ich bin letztes Mal geblitzt worden mit drei Kilometern pro Stunde zu schnell. Da habe ich tatsächlich einen Strafzettel nach Deutschland geschickt bekommen. Die sind da knallhart. Aber Spass beiseite: Die Schweiz ist für mich Sicherheit, Lebensfreude und schöne Natur.  

Wie steht es um den Schweizer Fussball?

Auch daran war ich schon immer sehr interessiert.

Mit welchem Club könnten Sie sich am meisten identifizieren?

Wichtig ist für mich, dass die Clubs die nötige Tradition mitbringen. Ich habe den Meistertitel des FC Zürich eng mitverfolgt, wo ja Lucien Favre auch mal Trainer war. Auch mit Xamax und der Familie Facchinetti war ich schon immer in Kontakt, genauso wie mit Servette und St. Gallen. Wenn ich jetzt einen raussuchen dürfte, wären es wohl die Young Boys, weil sie auch wirtschaftlich gut aufgestellt sind – wie Basel vor ein paar Jahren.  

Sie kennen FCZ-Trainer André Breitenreiter persönlich. Denken Sie, er bleibt Zürich auch nächste Saison erhalten, auch wenn in der Bundesliga das grosse Trainer-Karussell losgetreten wurde?

Man sollte auch mal ein bisschen zufrieden sein, wo man grosse Erfolge und die Unterstützung hat. André sollte auch dankbar sein, dass er hier arbeiten durfte. Zürich hat das Bestmögliche herausgeholt. Und jetzt sollte die Erfolgsgeschichte gemeinsam weitergeschrieben werden. Natürlich hat er auf sich aufmerksam gemacht. Aber ja, das Karussell dreht sich mal wieder.

Heisst?

André wird sicherlich bei mehr als einem Verein im Spiel sein. Aber er hat hier jetzt Erfolg gehabt und ich würde mich freuen, wenn die Erfolgsgeschichte nun ein zweites Kapitel bekommen würde.

Wo wird der in Gladbach entlassene Adi Hütter unterkommen?

Adi hat überall seinen Stempel hinterlassen. Immer gute Arbeit geleistet. In Gladbach hat scheinbar etwas nicht gestimmt, das kann passieren. Aber ich bin mir sicher, dass Hütter einer derjenigen Trainer sein wird, die bei einem der sieben offenen Posten in der Bundesliga unterkommen. Er hat in Deutschland einen ausgezeichneten Namen.

Wie steht es um Ihre eigene Trainerkarriere – Rücktritt vom Rücktritt?

Nein. Ich wäre viel zu weit weg. Ich kenne mich aus im Fussball. Aber wenn man zehn Jahre weg ist wie ich jetzt und mit dem Leben so zufrieden ist, dann würde man beiden Seiten keinen Gefallen tun. Ich hätte in den letzten Jahren häufiger die Möglichkeit gehabt. Ich bräuchte eine lange Anlaufzeit und die bekommst du im Fussball nicht.

Wären Sie nicht vor ungefähr 15 Jahren beinahe GC-Trainer geworden?

Es gab da einen losen Kontakt. Aber das waren nicht die ganz ernsten Gespräche. Das glaube ich zumindest.

Bleiben wir noch kurz beim Schweizer Fussball. Sie haben sicherlich von der vorgeschlagenen Liga-Reform gehört. Was halten Sie von der Idee, allen voran den Playoffs? 

Wenn man von Langeweile spricht, müssen wir eigentlich eher nach Deutschland schauen. Hier ist es ja gar nicht so schlimm. Die fairste Meisterschaft ist einfach so: Wer über ein ganzes Jahr die meisten Punkte hat, der ist verdient Meister geworden. Klar können Playoffs für Spannung sorgen und man soll auch darüber sprechen.

Aber?

Aber wenn der Tabellenführer, der über acht, neun Monate die beste Mannschaft war, am Ende wegen einer schlechten Woche die Meisterschaft verliert, wäre das ungerecht. Ich bin Fussballromantiker. Ich bin jemand, der das nie anders erlebt hat.

Die gleiche Argumentation wie diejenige von FCZ-Präsident Ancillo Canepa. 

Der hat Ahnung, der Mann. 

Kurz über die Landesgrenze hinaus zum FC Bayern. Sie haben zuletzt immer wieder laut die Transferstrategie der Führung kritisiert. Was läuft schief an der Säbener Strasse?

Das Problem ist: Man spricht nur immer darüber, wenn man kritisiert. Ich habe die Bayern bis im Februar über den grünen Klee gelobt, weil sie super gespielt hatten. Der FC Bayern reagiert aber immer nur, wenn man ihn kritisiert. Und zwar zurecht kritisiert. Mein Wort tut halt wegen meines Bekanntheitsgrads immer ein bisschen weh. Aber ich werde immer das sagen, was ich sehe.

Was sehen Sie?

Wenn Transfers nicht funktionieren, muss ich halt auch mal einen Hasan Salihamidžić, gegen den ich persönlich gar nichts habe, kritisieren. Beispielsweise warum man für gewisse Spieler sehr viel Geld ausgegeben hat. Oder warum man gewisse Spieler wie Süle, Alaba, Tolisso oder Boateng ohne Ablöse hat ziehen lassen. Weshalb man Spieler mit guten Verträgen ausgestattet hat, die bisher unter keinem Trainer ein Thema waren. Ich denke da an einen Sarr, einen Roca oder einen Sabitzer. Das müssen wir einfach ansprechen. Da gibt es auch gute Beispiele dafür mit Schweizer Bezug.

Wie zum Beispiel?

Roman Bürki beispielsweise hatte beim BVB eine ganz schlechte Saison vor drei, vier Jahren. Ich habe ihn ein gutes halbes Jahr immer wieder kritisiert, weil halt immer wieder was passiert ist. Aber dann hatte er ein halbes Jahr, da hat er Weltklasse gehalten. Besser als Manuel Neuer. Da ist er auch gelobt worden. Über das Lob hat dann aber keiner gesprochen.

Wer ist Ihr liebster Bundesliga-Spieler aus der Schweiz?

Yann Sommer. Er bringt Leistung. Er spricht immer Klartext. Er hat diese Saison zwar viele Tore kassiert, aber ohne ihn hätte es für Gladbach noch viel schlimmer ausgesehen. Der ist ein echter Captain. Auch wenn er hinter Lars Stindl nur Co-Captain ist. Er bringt immer seine Leistung.

Zum Schluss: Wer wird Weltmeister 2022? 

Ich hoffe natürlich Deutschland. Vor allem nach der blamablen Weltmeisterschaft in Russland vor vier Jahren. Die Favoriten mit der momentanen Form sind sicherlich die Brasilianer und die Franzosen. Und Deutschland gehört dazu.

Und die Schweiz?

Favorit würde ich jetzt nicht sagen. Aber für die Grösse des Landes machen die eine hervorragende Arbeit. Auch wenn sie sich mit den verschossenen Penaltys der Italiener etwas glücklich qualifiziert hat. Aber die Schweiz erarbeitet sich das auch.  

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