Aktualisiert 09.10.2012 08:58

AnalyseDie SNB – ein gigantischer Währungsfonds

Weniger Euro-Käufe, Kurs bei 1.21 – gute Neuigkeiten für die Nationalbank. Doch ihre Bilanz hat die Grenze von 500 Milliarden wohl bereits übersprungen. Das macht die SNB verletzlich.

von
Lukas Hässig
Nationalbankpräsident Thomas Jordan ist um seine Aufgabe nicht zu beneiden.

Nationalbankpräsident Thomas Jordan ist um seine Aufgabe nicht zu beneiden.

Die jüngsten Meldungen von der Währungsfront dürften bei SNB-Chef Thomas Jordan einen Seufzer der Erleichterung ausgelöst haben. Die Euro-Rettungsbemühungen haben den Franken-Euro-Kurs bei 1.21 stabilisiert, was deutlich über der Kursuntergrenze von 1.20 Franken liegt.

Das nimmt Druck weg von der Spitze der schweizerischen Notenbank. Diese muss derzeit nicht mehr Schweizer Franken in grossem Ausmass drucken, um den Frankenkurs über der versprochenen Minimalgrenze zu behalten.

«Nur» noch 8 Milliarden Eurokäufe im September

Das war zwischen Ende März und Ende August 2012 noch anders. Damals sprangen die SNB-Devisenanlagen von 245 Milliarden auf 422 Milliarden Franken. Im September beruhigte sich dann die Lage. Waren es im Frühling und Sommer im Monatsschnitt über 35 Milliarden, welche die SNB an Fremdwährungen zukaufte, reduzierten sich die Devisenkäufe im Monat September auf gut 8 Milliarden.

Trotz der abnehmenden Devisenkäufe ist die SNB zu einem Super-Währungsfonds geworden, der alles auf die Karte Euro gesetzt hat. Geht die Rechnung auf, macht die Bank gigantische Gewinne. Bleibt der Euro hingegen die ungeliebte Schrottwährung, dann kauft die SNB entweder immer weiter, bis der Franken definitiv im Euro-Ozean ertrinkt. Oder sie macht rechtsumkehrt. Doch dann könnte es Milliardenverluste hageln.

Ende gut, alles gut?

Ablesbar ist die Zeitbombe in der Bilanz der SNB. Im Zuge der Euro-Käufe hat sich diese vervielfacht. Lag die Summe aller Aktiven und Passiven im letzten Jahr vor der grossen Finanzkrise per Ende 2006 noch bei 112 Milliarden Franken, betrug sie per Ende Juni des laufenden Jahres über 439 Milliarden.

Das sind fast vier Mal mehr. Im Verlauf des Sommers dürfte die Bilanz aber weiter zugenommen haben. Im Juli und August musste die SNB nämlich nochmals massiv intervenieren, um den Euro auf dem gewünschten Niveau zu halten. Die Devisenreserven schossen weiter in die Höhe, entsprechend nahm auch die Bilanzsumme der Zentralbank zu.

It's the size, stupid!

Zusammen mit den Goldbeständen und weiteren Anlagen belief sich die Bilanzsumme der Notenbank per Ende August auf 493 Milliarden. Mit den gut 8 Milliarden Devisenkäufen im September müsste die SNB somit die Grenze von 500 Milliarden locker übersprungen haben.

Das könnte Ende Oktober, wenn die Bank ihre Zahlen für das 3. Quartal publizieren wird, für neue mediale Aufruhr sorgen. Mit dem «Dornröschenschlaf», der nach den Kriseninterventionen der Euro-Länder Anfang September eingesetzt hat, dürfte es dann vorbei sein.

500 Milliarden entsprechen nahezu der gesamten wirtschaftlichen Leistung der Schweiz während eines Jahres, dem sogenannten Bruttoinlandprodukt (BIP). Ein Mal das Schweizer BIP in den Büchern – so könnten schon bald die Headlines zur SNB-Bilanz lauten.

«It's the size, stupid!», könnte man dann in Anlehnung an Bill Clinton's berühmtes Zitat «It's the economy, stupid!» sagen. 500 Milliarden Aktiven, davon der grösste Brocken in Euro, bedeutet eine einzigartige Abhängigkeit von einer einzigen Anlageklasse. Es gleicht einem fundamentalen Verstoss gegen jegliche Vorsicht im Geld-Anlegen, die besagt, nie alle Eier in einen Korb zu legen.

«Wir sind da für die Ewigkeit»

Kein Wunder, betonen Jordan und seine Mitstreiter bei jeder Gelegenheit, dass die SNB erstens kein Geld verdienen muss und zweitens für die Ewigkeit da ist. Ein simpler Stresstest der SNB-Bilanz zeigt, dass diese vermeintlichen Naturgesetze nicht in Stein gemeisselt sind.

In einem Negativszenario dürfte der ausländische Druck und in dessen Folge jener im Inland so gross werden, dass Jordan und seine Mannen die Untergrenze nicht mehr halten könnten. Sinkt dann der Euro um einen Sechstel auf einen Franken, dann macht die SNB auf geschätzte 250 Milliarden Anlagen in Euro einen Verlust von über 40 Milliarden Franken. Diese 40 Milliarden Verlust wären nicht einfach Papiergeld, sondern würden auf das Eigenkapital der SNB durchschlagen. Dieses wäre zu einem rechten Teil ausradiert.

Bank mit negativem Eigenkapital

Per Ende Juni hatte die SNB eigene Mittel von rund 60 Milliarden. Bei übrig bleibenden 20 Milliarden könnte für bilanztechnische Anforderungen notfalls eine Garantie der Eidgenossenschaft beansprucht werden. Diese müssten vermutlich durch Gewinne in den Folgejahren abgebaut werden. Die Ausschüttungen an Bund und Kantone würden auf Jahre hinaus ausbleiben. Spüren würden das der Steuerzahler, der sich zuletzt meist auf Nationalbankgewinne verlassen konnte.

SNB-Präsident Jordan hatte mehrmals betont, dass die Notenbank kurzzeitig auch ohne Eigenkapital bestehen könnte. Auf ihrer Website schreibt die Bank aber: «Ein lang anhaltender Zustand von negativem Eigenkapital ist auch für eine Zentralbank nicht unproblematisch, weil er langfristig ihre Glaubwürdigkeit und ihre Unabhängigkeit gefährden kann.»

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