Geheimdienst ist überall: Die Sowjetunion als Konserve
Aktualisiert

Geheimdienst ist überallDie Sowjetunion als Konserve

Eigentlich gibts dieses «Land» gar nicht. Doch Transnistrien hat eine Grenze und dort verstehen die Polizisten keinen Spass. Im «Staat» wird heute ein neues «Parlament» gewählt. Ein Besuch.

von
Philipp Heinz
dapd
Ein sowjetischer Panzer steht in Tiraspol (Moldawien), der Hauptstadt der Region Transnistrien, auf einem Sockel vor einem Ehrenmal für die Gefallenen.

Ein sowjetischer Panzer steht in Tiraspol (Moldawien), der Hauptstadt der Region Transnistrien, auf einem Sockel vor einem Ehrenmal für die Gefallenen.

Schon das Wappen am Grenzübergang sieht aus wie aus einer anderen Zeit: Hammer und Sichel kreuzen sich, sind von Ähren umrankt. Offiziell gibt es das Land gar nicht, und doch sollte ein Reisender die Anweisungen des Grenzpolizisten besser nicht missachten. An der Grenze zu Transnistrien verstehen sie keinen Spass. Es ist ein Land der Anführungszeichen: Ein dubioser «Präsident» regiert den «Staat» und am Sonntag wird ein neues «Parlament» gewählt. Zeit für eine Reise in die am stärksten abgeschottete Region Europas.

An der Grenze wartet schon Oxana Alistratowa, deren Arbeit ein Gegenmodell zu all dem ist, was Transnistrien ausmacht. Sie hat die Organisation Interaction gegründet, die illegalen Migranten hilft - transparent, zuverlässig, uneigennützig. Ausserdem setzt sie sich für Frauen ein, die zu Hause misshandelt werden. Alistratowa wurde deshalb bedroht und vom Geheimdienst vorgeladen. «Transnistrien ist ein bisschen speziell», sagt sie und lächelt dabei. Mehr kann sie nicht sagen, wenn sie im eigenen «Land» ist.

«Frozen conflict» und russische Hilfe

Transnistrien hat sich 1992 von der Republik Moldau abgespalten. Das hat viel mit der sowjetischen Vergangenheit zu tun, denn damals gehörte der Landstrich zur Ukrainischen Sowjetrepublik, das übrige Moldau bildete die Moldawische Sowjetrepublik. Russen und Ukrainer bilden die Mehrheit der rund 500 000 Transnistrier.

Nur mit russischer Unterstützung kann der Landstrich links des Flusses Dnister überleben: Russische Truppen beendeten den kurzen Bürgerkrieg und stehen seither im Land, obwohl Moskau schon 1999 zusagte, sie abzuziehen. Russisches Gas wärmt Transnistrien im Winter, ohne dass die Rechnung bezahlt werden müsste. Russland nutzt den Konflikt nach Ansicht von Experten, um seinen Einfluss zwischen der Ukraine und Rumänien nicht zu verlieren und Moldau an der baldigen Aufnahme in die EU zu hindern. Politikwissenschaftler sprechen von einem «frozen conflict», einem eingefrorenen Konflikt, denn seit Jahren tut sich kaum etwas.

Kurz hinter der Grenze zeigt Alistratowa ihren transnistrischen Pass: Er sieht aus wie vor 20 Jahren in der Sowjetunion. Und er ist weitgehend wertlos. Kein Land erkennt Transnistrien an, weshalb sich der Landstrich mit den von Georgien abgespaltenen Regionen Südossetien und Abchasien zur Gemeinschaft nicht anerkannter Staaten zusammengeschlossen hat.

An der Strasse in die «Hauptstadt» Tiraspol steht ein russischer Panzer unter einem Tarnnetz. Eingegraben im Boden zeigt die Mündung des Geschützes geradewegs nach Moldau. Der Weg führt vorbei am Stadion des Fussballclubs Sheriff Tiraspol, den Fussballfans aus Champions und Europa League kennen. Überhaupt: Überall steht das Logo von Sheriff, dem wichtigsten Unternehmen: Tankstellen, Mobilfunkgesellschaft, Weinbau, Radiosender - alles ist in der Hand des Konzerns. Wer genau dahinter steckt? Es soll Verbindungen zur Familie des «Präsidenten» Igor Smirnow geben, was dieser aber zurückweist.

Im Stadtzentrum blickt ein sowjetischer Panzer von seinem Sockel auf das Ehrenmal für die Gefallenen, auf der anderen Strassenseite steht ein wuchtiges Regierungsgebäude. Ein Stück weiter, im Stadtpark, ist durch den winterlichen Nebel die Statue eines zaristrischen Generals zu sehen, der einst Tiraspol zur Festung ausbaute.

Im Park verkaufen alte Frauen ihr letztes Hab und Gut

Mitten im Park stehen alte Frauen, die ihre letzten Habseligkeiten auf Bänken feilbieten, alte Schuhe, eine Bratpfanne, eine abgewaschene Jacke. Dann kommt eine Aufpasserin und verscheucht sie. «Unser Bürgermeister hat diese Stände im Stadtzentrum verboten, früher war hier alles sehr unordentlich und dreckig», sagt Alistratowa, während sie durch den Schneematsch im Park geht. «Aber heute ist alles sehr sauber.» Wie ernst sie das meint, ist kaum zu sagen. Aber sie lächelt immer wieder verschmitzt.

Auf dem zentralen Markt von Tiraspol gibt es Bananen, Mandarinen und auch sonst ein deutlich exotischeres Angebot als zu Sowjetzeiten. Bezahlt wird in transnistrischem Rubel. Nicht geändert haben sich die verhutzelten Marktfrauen, die unter ihren geblümten Kopftüchern aufmerksam die Besucher betrachten. Auffällig unauffällig sind auch die athletischen Männer in schwarzen Jacken, die sich stets in der Nähe der westlichen Besucher aufhalten und darauf achten, dass niemand fotografiert. Denn das ist verboten.

Der Geheimdienst sitzt mit am Tisch

In Oxanas Kellerbüro etwas ausserhalb sitzt ein Gast schon am Tisch. Ein Mann, eher jung als alt, in einem schwarzen Pullover, darunter Hemd und silberfarbener Schlips. Der Mann spricht nicht. Er ist einfach da. Niemand erwähnt ihn, nur verstohlen wird er angeblickt. Alistratowa stört er weniger als die Ausländer, die es nicht gewohnt sind, dass ein Geheimdienstmitarbeiter ganz selbstverständlich mit am Tisch sitzt.

Oxana berichtet von ihrer Arbeit, beantwortet Fragen, das Gespräch läuft auf Englisch. Der Spitzel macht sich ab und zu Notizen. Später, bei einem Treffen in Moldau, sagt Alistratowa, dass der Geheimdienstmann gar kein Englisch verstehe. Aber sicher ist sie sich da offenbar nicht: Während der Unterredung in Tiraspol achtet sie sehr darauf, sich in keiner Weise politisch zu äussern. Wenn sie etwas in ihrem «Land» kritisiert, dann nur so: «Vor ein paar Jahren war die Hilfe für Opfer von Menschenhandel noch sehr schlecht. Heute ist aber alles viel besser geworden.» Dann lächelt sie wieder hintergründig.

Eine halbe Stunde hat ihr der Geheimdienstmann für das Gespräch gegeben, wie sie später berichten wird. Nach ortsüblichem Zeitverständnis hat sie also eine Stunde Zeit. Dann heisst es Aufbrechen. Zurück über holprige Strassen, vorbei an eingegrabenen Panzern. Die sowjetische Welt schein stillzustehen in Transnistrien. Die Kontrolle bei der Ausreise: Ein kurzer Blick, ein Nicken des Grenzers. Der Bus ist zurück in Moldau, einem Staat, den es auch offiziell gibt, und wo man sagen darf, was man denkt.

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