Schon 300 Filialen: Die spezielle Bank für Strassenkinder
Aktualisiert

Schon 300 FilialenDie spezielle Bank für Strassenkinder

Früher wurden sie um ihr Geld betrogen. Jetzt bringen die Strassenkinder von Neu Delhi ihr kleines Einkommen zur Kinderbank Khazana, der Bank für Menschen zwischen 9 und 17 Jahren.

von
Rupam Jain Nair
AFP
Ram Singh zahlt ein Teil seines Geldes jeden Abend auf sein Konto bei der Kinderbank ein.

Ram Singh zahlt ein Teil seines Geldes jeden Abend auf sein Konto bei der Kinderbank ein.

Ram Singh verdient knapp einen Franken mit den rund hundert Tassen Chai-Tee, die er pro Tag vor dem Bahnhof der indischen Millionenmetropole Neu Delhi verkauft. Doch auch wenn das Einkommen äusserst bescheiden ist, zahlt der 17-Jährige jeden Abend fast die Hälfte auf sein Bankkonto ein.

«Ich lege jeden Tag Geld beiseite und hoffe, dass ich eines Tages etwas Eigenes anfangen kann. Irgendwann bald», sagt Singh. Der junge Inder hat allerdings kein Konto bei einer normalen Bank, sondern bei einem besonderen Geldinstitut für Strassenkinder.

Die Kinderbank Khazana, was auf Hindi Schatzkästchen bedeutet, entstand 2001 in Neu Delhi und hat heute 300 Filialen in Indien, Nepal, Bangladesch, Afghanistan, Sri Lanka und Kirgistan. Allein in Neu Delhi gibt es zwölf Niederlassungen mit rund tausend Kunden zwischen neun und 17 Jahren.

Karan ist Geschäftsführer der Bank

Die Bankschalter befinden sich in speziellen Unterkünften, wo Strassenkinder Essen und ein Bett sowie Schulunterricht bekommen. Geführt wird die Bank von den Kindern selbst: Die jungen Kunden wählen zwei mal im Jahr ihre Geschäftsführer. Karan ist einer davon.

Tagsüber verdient er sein Geld, indem er bei Hochzeitsgesellschaften oder anderen Feiern abwäscht. Abends nimmt er die Einzahlungen seiner Freunde entgegen, bringt deren Sparbücher auf den neuesten Stand und macht den Tagesabschluss. Ein Erwachsener sammelt jeden Abend das Ersparte ein und bringt es auf eine «normale» Bank, um damit Zinsen zu erwirtschaften.

Allerdings kann nicht jedes Strassenkind Kunde werden. «Kinder, die betteln oder Drogen verkaufen, können kein Konto eröffnen», erklärt der 14-jährige Karan. «Diese Bank ist nur für Kinder, die an harte Arbeit glauben».

Kinder lernen mit Geld umgehen

Die Hilfsorganisation Butterflies gründete die Bank, damit die Kinderarbeiter, von denen es in Indien Millionen gibt, einen sicheren Platz für ihr Erspartes haben. «Sie wurden immer betrogen, oder jemand hat das Geld geklaut», sagt Sharon Jacobs von Butterflies.

Doch die Bank bringe den Kindern auch bei, mit Geld umzugehen, und lehre sie nebenbei auch noch, wie demokratische Einrichtungen funktionieren. Viele der Kinder, die in Indien arbeiten, sind vom Land in die Grossstädte geflohen, um Armut oder Missbrauch zu entkommen.

Samir will Vater eine Uhr kaufen

«Ich bin mit elf von zu Hause abgehauen, nachdem mein Vater mich geschlagen hat, weil ich ein Küchengerät gestohlen habe», berichtet Samir. «Mehrere Tage habe ich auf einem Bahnsteig geschlafen. Ich wurde von der Polizei geschlagen und von Drogendealern belästigt».

Mit 14 Jahren lebt Samir nun in einer Unterkunft für Strassenkinder und hat ein Konto bei der Bank. «Ich habe in den vergangenen sieben Monaten 4000 Rupien (rund 70 Franken) gespart», berichtet er stolz.

Es sei ein gutes Gefühl, Geld beiseite zu legen. Von dem Ersparten werde er ein Hemd und eine Uhr für seinen Vater kaufen, um sich bei ihm zu entschuldigen. «Vielleicht vergibt er mir dann und bittet mich, nach Hause zurückzukommen», hofft Samir.

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