Schlechtes Pflaster: Die Sportpleiten in der Stadt der Komplexe
Aktualisiert

Schlechtes PflasterDie Sportpleiten in der Stadt der Komplexe

Zuerst die Young Sprinters im Eishockey, jetzt Xamax im Fussball: Neuenburg ist die erste Schweizer Stadt, die während der Meisterschaft zwei Klubs aus wirtschaftlichen Gründen verliert.

von
Klaus Zaugg

Neuenburg hat mit den Young Sprinters im Eishockey und Xamax im Fussball gleich zwei Sportvereine während einer laufenden Meisterschaft verloren. Um diesen Untergang erklären zu wollen, müssen wir uns ein wenig mit der Stadt, ihrer Geschichte sowie dem Wesen und Wirken der Neuenburger befassen. Dann hat alles seine Logik.

Bösartig gesagt: Neuenburg ist eine Stadt der Komplexe. Mit rund 33 000 Einwohnern viel zu gross, um die für kleine Orte so typische rebellische Kraft und die Sportleidenschaft wie Pruntrut, Visp (7000 Einwohner), Davos (12 000), Sierre, Langenthal (15 000) oder Zug (26 000) zu entwickeln. Neuenburg wie Pruntrut? Wo kämen wir denn da hin?

Aber Neuenburg ist zu klein um echte wirtschaftliche und politische Bedeutung zu erlangen wie Genf, Biel, Fribourg oder Lausanne. Neidvoll blicken die Neuenburger in jene Städte, ja sogar hinauf zu ihren Brüdern oben in La Chaux-de-Fonds (40 000 Einwohner), aber arrogant rümpfen sie gleichzeitig die Nase über die erfolgreichen Provinzler. Im Kopf wie weltmännische Herren aus Paris, im Geldbeutel Bettler. Eine Stadt der Komplexe.

«Eine grosse Stadt in einer kleinen»

Warum sind die Neuenburger so? Alle Reisende, alle Schriftsteller, alle Chronisten, die über Neuenburg senden, reden und schreiben, machen uns auf seine aussergewöhnlich schöne Lage aufmerksam. Am Ufer seines Sees, vor einem unermesslichen Horizont, der sich über das Mittelland bis hin zu den Ketten der Alpen ausweitet, an der Mündung zweier grosser Täler gelegen, von langen Jurahöhen beherrscht, wird die Stadt durch die grossen Verkehrswege der natürliche Mittelpunkt einer der schönsten Landschaften unseres Landes.

Schifferle zum Fall Xamax

Diese Natur hat aus Neuenburg keine geschäftige, fleissige, dynamische Industriestadt gemacht. Die Neuenburger haben lange gut vom Ertrag ihrer Reben gelebt, sich später mit ein bisschen Geldverleih einen friedlichen Wohlstand geschaffen und nährten sich dann von den Einkünften ihrer alten Vermögen. Neuenburg ist eine kleine Stadt, aber städtisch-arrogant. Schon vor zweihundert Jahren ist Neuenburg als «eine grosse Stadt in einer kleinen» bezeichnet worden. Gross durch die aristokratische Haltung seiner Eliten in den alten Patrizierhäusern, städtisch, urban durch seine intellektuelle Arbeit, seine künstlerische und wissenschaftliche Tradition, seine höheren Schulen und die Universität, wo so viele auswärtige Schüler sich mit der frankophonen Kultur unseres Landes vertraut machen. In einer Sprache, mit der die Neuenburger innig verbunden sind, weil sie ihre Stadt an der Sprachgrenze als Vorposten der lateinischen Kultur verstehen. Aber ein mit La Chaux-de-Fonds, Lausanne, Fribourg, Biel oder Genf vergleichbares Unternehmertum hat sich nie entwickelt. Ein wenig mahnt Neuenburg mit all seinen Komplexen an Montréal.

Xamax auf den Spuren der Sprinters

Der Sport ist durch das rege Geistesleben früh nach Neuenburg gekommen. Xamax hat Jahrgang 1916, die Young Sprinters sind 1932 gegründet worden. Die Young Sprinters hatten ihre «Belle Epoque» in den 1950er und frühen 1960er-Jahren und gelten bis heute als eine der besten Mannschaften, die nie Eishockey-Meister geworden ist. Aber die «Amerikanisierung» des Eishockeys, die Entwicklung zum «Big Business» war der Anfang vom Ende. Erst verschwanden die Young Sprinters aus der höchsten Spielklasse, tauchten zwischendurch bis in die zweite Liga und schliesslich kam im Oktober 2009 während der laufenden NLB-Saison das Lichterlöschen durch Konkurs.

Xamax hatte seine grosse Zeit in den 1970er und 1980er-Jahren mit den Meistertiteln von 1987 und 1988. Es konnte die Meisterschaft gewinnen, weil mit Gilbert Facchinetti eine aussergewöhnliche Persönlichkeit den Vorsitz übernommen hatte. Ein ehemaliger Fussballer, der als Unternehmer (Baubranche) vorübergehend so reich geworden war, dass die Facchinettis in Neuenburg eine ähnliche Rolle spielen konnten wie die Familie Agnelli in Turin. Ende der 1970er-Jahre holte Xamax den französischen Superstar Jean Marc Guillou (*1945). Er spielte von 1979 bis 1981 in Neuenburg und einmal reiste ein Reporter aus Frankreich in die Stadt um seinen staunenden Lesern zu erzählen, wo in aller Welt der berühmte Guillou gelandet war. Er begann seine wunderbare Reportage so: «Die Neuenburger fahren auf Autobahnen, die von den Facchinettis gebaut worden sind. Sie essen das Fleisch aus den Metzgereien der Facchinettis, sie trinken den Kaffe aus den Läden der Facchinettis und sie fahren die Autos aus den Garagen der Facchinettis. Nur das Wasser des Sees gehört nicht den Facchinettis. Noch nicht.»

Gilbert Facchinetti, die schillerndste Persönlichkeit aus dem Familienclan, hatte selber Fussball gespielt und er hat Xamax als Präsident zu ewigem Ruhm verholfen. Per Handschlag pflegte er die Verträge zu machen und er hat unvergängliche Triumphe gefeiert.

Ein Investor fehlt

Aber eben: Die Stadt Neuenburg hat keine einheimischen Unternehmer, die stark genug wären, um auch im 21. Jahrhundert Spitzeneishockey oder Spitzenfussball zu finanzieren. Dominiert wird die Wirtschaft eher von ausländischen Firmen, die den Fleiss, die Intelligenz und das handwerkliche Geschick der Neuenburger nützen, aber keine emotionale Bindung zur Stadt haben. Anders als in Biel, Genf, Fribourg oder Lausanne, ist es in Neuenburg auch nie gelungen, ein Sportunternehmen so in die Gesellschaft zu integrieren, dass eine Massenunterstützung oder gar eine politische Lobby zur Rettung möglich geworden wäre. Gerne sind die Neuenburger herbeigeeilt, um sich im Ruhm von Xamax zu sonnen. Schulterklopfen und Profitieren – ja gerne. Engagieren und selber den Geldbeutel zücken – nein danke. Selber etwas zur Rettung beitragen, seit der «Facchinetti-Clan» an Reichtum und Einfluss verloren hat? Sicher nicht. Die Reaktion von Neuenburgs Elite hat auf den Niedergang seiner Sportvereine lässt sich so zusammenfassen: «Young Sprinters und Xamax gehen unter – na und?»

Es ist simpel, mit dem Finger auf den bösen Bulat Tschagajew zu zeigen, weil er Xamax in den Abgrund gesteuert hat. Dabei tragen in allererster Linie die Neuenburger selber Schuld am Untergang von Xamax.

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