Hockey-WM: Die stabilste Hierarchie der Sportgeschichte
Aktualisiert

Hockey-WMDie stabilste Hierarchie der Sportgeschichte

Keine andere WM kennt in der Neuzeit so wenige Überraschungen wie die Hockey-WM. Nun versuchen Deutschland und Norwegen, die stabilste Hierarchie der Sportgeschichte zu erschüttern.

von
Klaus Zaugg
Slowakei
Norwegen und Deutschland ärgern die Grossen. (Bild: Keystone/AP)

Norwegen und Deutschland ärgern die Grossen. (Bild: Keystone/AP)

Seit Einführung des Modus mit Viertel- und Halbfinals sowie Endspiel (1992) ist noch nie eine grosse Nation im WM-Viertelfinale gescheitert. 1992 stand zwar die Schweiz im Halbfinale und 2010 Deutschland. Aber 1992 durfte die Schweiz im Viertelfinale gegen Deutschland spielen (3:1) und 2010 Deutschland gegen die Schweiz (1:0). Und 1998 erreichten die Schweizer das Halbfinale, als der Modus vorübergehend geändert und die Viertelfinals durch Gruppenspiele ersetzt worden waren.

Die Grossen – Tschechien, Slowakei, Russland, Finnland, Schweden, USA und Kanada – haben noch nie gegen einen Kleinen (Deutschland, Schweiz, Frankreich, Weissrussland, Dänemark, Österreich, Italien, Lettland, Slowenien) ein WM-Viertelfinale verloren. So gesehen stehen die Deutschen im Viertelfinale in Bratislava gegen Schweden und Norwegen gegen Finnland vor einer unlösbaren Aufgabe. Und an einer WM hat seit 1953 nie mehr eine kleine Nation eine Medaille gewonnen: Damals holte die Schweiz hinter Schweden und Deutschland WM-Bronze – das Turnier hatten damals vier Teams begonnen. Weil der Staatspräsident starb, mussten die Tschechoslowaken vorzeitig heimreisen und nur drei Mannschaften beendeten die WM. Die einzige Medaille an internationalen Turnieren für eine kleine Nation holten die Deutschen 1976 mit Olympia-Bronze in Innsbruck.

Es bleibt wohl beim Alten

Aber warum gibt es an einer Eishockey-WM ab den Viertelfinals keine Überraschungen? Es gibt dafür drei Gründe.

Erstens ist Eishockey ein so anspruchsvoller Sport (Schlittschuhlaufen, Koordination von Augen, Hand und Fuss, Tempo, Härte), dass sich die Grossen – anders als im simpleren Fussball – immer durchsetzen. Fehlendes Talent kann durch Härte, Taktik und Glück im Ernstfall nach wie vor nicht kompensiert werden. Deshalb gibt es im Eishockey – anders als im Fussball - auch keinen Cup-Wettbewerb mehr. Im Fussball kann selbst ein Team aus der 2. Liga eine Mannschaft aus der höchsten Spielklasse in Not bringen. Im Eishockey gewinnt eine NLA-Mannschaft gegen ein Team aus der 1. Liga immer. Ein Cup-Wettbewerb hat somit keinen Reiz ist und ist deshalb abgeschafft worden.

Zweitens gibt es bei der WM zwei Turniere in einem: Für die Grossen ist die Phase der Gruppenspiele und der Zwischenrunde eine Aufwärmphase. In den ersten sechs Spielen werden die Automatismen justiert. Für die Kleinen hingegen geht es in dieser ersten Turnierphase um Sein oder Nicht-Sein. Erst gilt es, der Abstiegsrunde zu entrinnen und dann die Viertelfinals zu erreichen. Die Kleinen mobilisieren in der ersten Turnierphase alle Kräfte und spielen ihr bestes Eishockey. Die Grossen erst ab dem Viertelfinale. Deshalb erleben wir in der ersten Turnierhälfte immer wieder überraschende Resultate – auch an dieser WM in der Slowakei: Die Deutschen besiegten Russland 2:0 und die Slowakei 4:3, die Schweizer die USA 5:3 und Norwegen die Schweden 5:4 n.P. Aber diese Niederlagen hatten nur für die Slowakei Folgen: Die Gastgeber haben das Viertelfinale nicht erreicht.

Drittens haben die Kleinen nach wie vor zu wenig Spieler in der NHL, um ein WM-Turnier durchzustehen. Ab dem siebten Spiel, ab dem Viertelfinale, sind die Energietanks der Kleinen leer. Nur Spieler, die sich über Jahre hinweg in der NHL mit 82 Qualifikationsspielen plus Playoffs behaupten, haben das Stehvermögen für ein WM-Turnier.

Vorrundensiege sind nur Prestige

Die grossen Siege der Kleinen in der ersten WM-Phase sind letztlich «verlorene Siege». Das gilt auch für die Schweizer. So gross und berechtigt die Freude über «Jahrhundertsiege» wie beim Olympischen Turnier in Turin (gegen Kanada und Tschechien), bei der WM 2000 (über Russland), der WM 2008 (über Schweden) oder der WM 2010 (gegen Kanada und Tschechien) auch war – am Ende blieb doch nur die Ernüchterung und das Ausscheiden im Viertelfinale.

So kommt es, dass bei einer Eishockey-WM die stabilste Hierarchie aller Mannschaftsportarten jede Sensation verhindert. Die einzige Überraschung der Neuzeit ist Weissrussland beim Olympischen Turnier 2002 in Salt Lake City gelungen – die Weissrussen kippten im Viertelfinale die Schweden.

Die Kleinen rüsten auf

Wird sich an diesen Verhältnissen in Zukunft etwas ändern? Ja. Die Internationalisierung des Eishockeys bringt immer mehr Spieler in die NHL oder Spieler der «Kleinen» in die höchsten Ligen der «Grossen» (nach Russland, Schweden oder Finnland). Norwegen ist ein gutes Beispiel für diese Entwicklung: Kein einziger Spieler des norwegischen Meisters spielt an dieser WM. Dafür verdient ziemlich genau die Hälfte des Teams Lohn und Brot in Schweden.

Bei der WM 2011 zeigte sich, fast unbeachtet von einer breiten Öffentlichkeit, ein erfreulicher Trend: Die Kleinen können von den Grossen nicht mehr eingeschüchtert werden. Physisch waren die Kleinen noch nie so robust wie 2011. Dieser Trend wird sich verstärken. Die Überlegenheit der Grossen ist «nur» noch die höhere Präzision bei höherem Tempo. Das heisst aber auch, dass die Schweiz stärkere Konkurrenz von den Kleinen bekommt.

Die Frage ist nicht mehr, ob es einem Kleinen einmal gelingen wird, ein WM-Viertelfinale gegen einen Grossen zu gewinnen. Sondern nur noch wann. Wenn es Norwegen und Deutschland 2011 nicht schaffen – vielleicht gelingt es der Schweiz 2012 oder 2013.

Die WM-Viertelfinals 2011

Tschechien – USA (Mittwoch, 16:15 Uhr)

Schweden – Deutschland (Mittwoch, 20.15 Uhr)

Finnland – Norwegen (Donnerstag, 16:15 Uhr)

Kanada – Russland (Donnerstag, 20:15 Uhr)

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