Geflüchtete Einwohnerin berichtet - «Die Stadt Mariupol gibt es nicht mehr»

Publiziert

Geflüchtete Einwohnerin berichtet«Die Stadt Mariupol gibt es nicht mehr»

Um in der belagerten Stadt nicht verrückt zu werden, führte die Ukrainerin Olena in Mariupol regelmässig ein Tagebuch. Nach ihrer Flucht erzählt sie, wie sie den Beschuss der Stadt überlebte.

1 / 8
Einwohner von Mariupol begraben Tote – dort, wo es eben geht.

Einwohner von Mariupol begraben Tote – dort, wo es eben geht.

REUTERS
Wer kann, flüchtet aus der Stadt.

Wer kann, flüchtet aus der Stadt.

REUTERS
Mariupol war immer wieder massiven Bombardements ausgesetzt.

Mariupol war immer wieder massiven Bombardements ausgesetzt.

via REUTERS

Darum gehts

  • Die Stadt Mariupol ist seit längerer Zeit von russischen Truppen eingekesselt – es fehlt an allem.

  • Einwohnerin Olena berichtet, sie habe 20 Tage in einem Schutzkeller verbracht.

  • Auf den Strassen seien «Hunderte» von Leichen gelegen.

Flüchtlinge aus der schwer umkämpften ostukrainischen Hafenstadt Mariupol berichten von dramatischen Zuständen. «Hunderte Leichen lagen auf der Strasse», schrieb eine Frau namens Olena aus der Stadt am Asowschen Meer der Deutschen Presse-Agentur über einen Messengerdienst.

Wegen der vielen Todesopfer sei in einem Stadtteil eine Grube ausgehoben worden. In dem Massengrab seien sowohl Zivilisten als auch Militärs beigesetzt worden, berichtete Olena. «Die Stadt Mariupol gibt es nicht mehr.» An ihrem Haus sei eine Garage von einer Rakete getroffen worden. «Ich habe kein Haus mehr.»

Dank geschmolzenem Schnee überlebt

Sie habe insgesamt 20 Tage in einem Keller Schutz vor den Angriffen gesucht – ohne Trinkwasser. In dieser Zeit habe sie nur dank Regenwasser, geschmolzenem Schnee und Heizungswasser überlebt, schrieb Olena. Vor wenigen Tagen sei ihr mithilfe eines Nachbarn die Flucht in das nahegelegene Dorf Wolodarske gelungen. Sie habe jeden Tag Tagebuch in Mariupol geführt, «um nicht verrückt zu werden».

Wie der Stadtrat auf Telegram mitteilte, würden im grössten Krankenhaus der Stadt die Patienten im Keller bei Kerzenlicht behandelt. «Sie versuchen, so viel Treibstoff wie möglich zu sparen, daher werden Dieselgeneratoren nur für komplizierte Operationen verwendet», erklärte der Rat. Den Angaben nach haben sich neben den Patienten auch bis zu 700 Menschen aus der Umgebung in das Spital geflüchtet.

Noch 100’000 Menschen in der Stadt

Nach Angaben der ukrainischen Regierung sind noch rund 100’000 Menschen in der umkämpften und weitgehend zerstörten Stadt gefangen. Zahlreiche westliche Vertreter haben die russischen Angriffe dort als «Kriegsverbrechen» verurteilt.

Genau vor einem Monat hatte Russlands Präsident Wladimir Putin den Angriff auf das Nachbarland Ukraine befohlen. Seit Wochen gibt es schwere Kämpfe um die Hafenstadt Mariupol. Den örtlichen Behörden zufolge sollen schon mehr als 3000 Menschen getötet worden sein.

Der Stadtrat wirft russischen Truppen vor, Tausende Einwohner gegen ihren Willen nach Russland zu bringen. Sie kämen zunächst in Lager und würden von dort auf russische Städte verteilt. Pässe und andere ukrainische Dokumente würden ihnen abgenommen. Dafür gibt es keine unabhängige Bestätigung.

My 20 Minuten

Als Mitglied wirst du Teil der 20-Minuten-Community und profitierst täglich von tollen Benefits und exklusiven Wettbewerben!

Als Mitglied wirst du Teil der 20-Minuten-Community und profitierst täglich von tollen Benefits und exklusiven Wettbewerben!

(AFP/DPA/trx)

Deine Meinung