Aktualisiert 23.06.2017 11:48

Pro und KontraDie Stadt wird mediterran – Fluch oder Segen?

Das öffentliche Leben verlagert sich zunehmend ins Freie: für einen Barbesitzer zur Freude, für einen lärmgeplagten Anwohner zum Ärger.

von
daw
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Das Leben der Schweizer findet zunehmend draussen statt. Doch einige Städte haben ihre Kapazitätsgrenzen erreicht, finden manche. Was sagen Stadtbewohner dazu?

Das Leben der Schweizer findet zunehmend draussen statt. Doch einige Städte haben ihre Kapazitätsgrenzen erreicht, finden manche. Was sagen Stadtbewohner dazu?

Keystone/Georgios Kefalas
Iara Catellani, 16, Schülerin aus Rotmonten SG:«Mir ist nach dem St. Galler Fest aufgefallen, dass noch zwei Tage danach Abfall herumlag, das war etwas grusig. Ansonsten ist es aber kein Problem, ich finde die Stadt ziemlich sauber.»

Iara Catellani, 16, Schülerin aus Rotmonten SG:«Mir ist nach dem St. Galler Fest aufgefallen, dass noch zwei Tage danach Abfall herumlag, das war etwas grusig. Ansonsten ist es aber kein Problem, ich finde die Stadt ziemlich sauber.»

Domi Meyer (45), Gastronom aus Luzern:«Ich habe überhaupt kein Problem mit der verstärkten Nutzung des öffentlichen Raumes. Eine Stadt soll leben. Wer das nicht verträgt, soll aufs Land ziehen.»

Domi Meyer (45), Gastronom aus Luzern:«Ich habe überhaupt kein Problem mit der verstärkten Nutzung des öffentlichen Raumes. Eine Stadt soll leben. Wer das nicht verträgt, soll aufs Land ziehen

Wie erleben Betroffene den Umstand, dass sich das Leben immer mehr in den öffentlichen Raum ausbreitet? 20 Minuten erteilt einem Vertreter des Nachtlebens und einen Anwohner das Wort.

Pro: Adrian Iten, Präsident der Berner Bar- und Cluborganisation

«Ich sehe in der sogenannten Mediterranisierung der Städte kein Problem. Die Polizeistunde ist ein unsägliches Überbleibsel aus einer Zeit, als man nicht wollte, dass der Büezer zu lange in der Beiz ist. Es ist aber nicht die Aufgabe des Staates, den Menschen vorzuschreiben, wann sie sich draussen aufhalten dürfen. Die Sommer werden wärmer, und die Leute können im T-Shirt draussen sitzen. Zudem führt auch das Rauchverbot dazu, dass sich Gäste öfter draussen aufhalten. Die Leute sollen festen, lachen, tanzen und auch einmal über die Stränge schlagen dürfen – es ist ein Ventil, das unserer Gesellschaft braucht.

Wir setzen uns für eine Liberalisierung des Nachtlebens ein. Ein Pilotprojekt in der Stadt Bern zeigt: Wenn die Aussenbestuhlung nach Mitternacht nicht abgebaut werden muss, gibt es nicht mehr Lärm. Leider stelle ich fest, dass die Toleranz gegenüber Lärmemissionen von Mitmenschen gesunken ist und dass sich Lärmklagen häufen. Damit habe ich Mühe und ich frage mich, warum solche Leute in der Innenstadt wohnen. Würden sie auf dem Land wohnen, würden sie wohl auch gegen Kuh- und Kirchenglocken klagen.»

Kontra: Walter Ramseier, Anwohner im Zürcher Kreis 4 und Architekt

«Eigentlich ist es schön, wenn es mehr Boulevard-Cafés gibt und die Menschen lieber draussen sind. Früher musste man in ein mediterranes Gebiet fahren, um diese Stimmung zu erleben. Wir sehen aber bei uns im Quartier die Schattenseiten der 24-Stunden-Gesellschaft immer stärker, ohne dass die Behörden die Anwohner ausreichend schützen würden: Um die 24-Stunden-Läden wird die ganze Nacht lang getrunken und gejohlt, bis um 4 Uhr morgens gehen Flaschen zu Bruch. Das Problem hat sich in letzter Zeit stark akzentuiert. Auch Aussenwirtschaften dürfen sich nicht zwischen Gebäuden bis in die Innenhöfe ausdehnen.

Eins der grössten Probleme ist das Littering: Wenn die Putzequipe morgens um 6 Uhr nicht durchkommt, stehen wir bis gegen Mittag knöcheltief in Bierdosen, Scherben und Essensresten. In Quartieren, wo es viele Anwohner gibt, die am Morgen ausgeruht zur Arbeit wollen, müssen wieder engere Grenzen gesetzt werden: Statt um 4 Uhr morgens müssten die Wirtschaften ihre Aussenbestuhlung um zehn Uhr abbauen, spätestens aber um Mitternacht.»

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