06.11.2015 07:51

Doktor Sex

«Die ständigen Ons und Offs machen mich fertig»

Immer wieder bricht Veras Freund die Beziehung ab. Mittlerweile denkt sie, dass er an einer Persönlichkeitsstörung leidet.

von
wer
Psychische Erkrankungen können Beziehungen zum Problem werden lassen. (Symbolbild: «Welcome to the Rileys»,Samuel Goldwyn Films/Destination Films)

Psychische Erkrankungen können Beziehungen zum Problem werden lassen. (Symbolbild: «Welcome to the Rileys»,Samuel Goldwyn Films/Destination Films)

Frage von Vera (28) an Doktor Sex: Ich bin seit drei Jahren in einer «Borderline-Beziehung». Den Namen habe ich gewählt, weil ich denke, dass mein Freund an einem Bordline-Syndrom leidet. Die damit verbundenen Ons und Offs machen mich kaputt. Obwohl ich mich mit seiner Störung auseinandergesetzt habe und inzwischen eigentlich ziemlich gut damit zurechtkomme, stosse ich mehr und mehr an meine Grenzen. Inzwischen finde ich, dass er sich helfen lassen sollte, aber ich möchte ihn nicht dazu zwingen. Langsam zweifle ich an der Partnerschaft. Ich weiss nicht, ob er mich wirklich liebt, denn wenn es jeweils aus ist, kämpft er nicht um mich und darum, dass wir wieder zusammenkommen. Da wir es aber letztlich immer wieder irgendwie schaffen, uns zu finden, ist es für mich schwer, wenn nicht gar unmöglich, mit ihm abzuschliessen und meinen Weg zu gehen. Was denkst du: Gibt es eine Chance für eine gemeinsame Zukunft?

Antwort von Doktor Sex

Liebe Vera

Es gehört zwar zum Bild der Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS), dass von ihr betroffene Menschen dazu neigen, sich auf intensive, aber instabile Beziehungen einzulassen, welche in der Folge oft zu emotionalen Krisen führen. Jedoch genügt dieses Kriterium allein nicht, um auch wirklich eine Diagnose zu stellen. Ein Bericht zum Stand der Forschung über die BPS, der 2014 in der Zeitschrift «Psychopathology» veröffentlicht wurde, hat gezeigt, dass Probleme im zwischenmenschlichen Verhalten die am meisten sichtbaren und gleichzeitig am besten unterscheidbaren Merkmale von BPS sind. Dazu gehören laut dem Bericht insbesondere instabile Gefühle, (Selbst)-Aggression, Überempfindlichkeit gegenüber möglichen Bedrohungen, geringer Erfolg bei Verständigung nach Konflikten, häufige Missverständnisse und Vermischung von Selbst- und Fremdeinschätzung.

Ob dein Freund tatsächlich an einer Borderline-Persönlichkeitsstörung leidet, kann nur eine psychiatrisch ausgebildete Fachperson im Rahmen eines diagnostischen Gesprächs feststellen. Wie du richtig schreibst, kann ihn aber niemand zu einem solchen zwingen. Trotzdem scheint es mir sinnvoll, wenn du ihn zumindest auf die Möglichkeit hinweist, dass er sich Hilfe holen könnte. Und dass dadurch bei ihm und auch in eurer Beziehung sehr wahrscheinlich mehr Ruhe einkehren würde. Unabhängig davon, ob er sich Unterstützung holt, rate ich dir, dich von einer Fachperson begleiten zu lassen. Es ist offensichtlich, dass du in dieser Geschichte an deine Grenzen stösst. Du solltest daher gut für dich sorgen und sicherstellen, dass du in diesem emotionalen Auf und Ab psychisch und physisch gesund bleibst.

Ob es für euch als Paar eine gemeinsame Zukunft gibt, kann ich aufgrund der mir vorliegenden Fakten nicht beurteilen. Jedoch sehe ich die Chance, an der Qualität eures Zusammenseins und an eurer Kommunikation zu arbeiten. Diese zu nutzen bedingt aber, dass ihr auch beide den Wunsch habt, weiterhin euren Lebensweg zusammen zu gehen. Denn so ist es möglich, auch die Kraft für einen allenfalls notwendigen Einzel- und Paartherapie-Prozess aufzubringen. Alles Gute!

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