Aktualisiert 16.03.2015 17:34

Immer mehr Exit-Mitglieder«Die Sterbehilfe wird den Leuten aufgedrängt»

Noch nie sind so viele Personen der Sterbehilfeorganisation Exit beigetreten wie 2014. Gründe gibt es viele, doch ein Ende des Booms ist abzusehen.

von
Fee Riebeling
Sterbehilfe ist eine gesellschaftliche Frage.

Sterbehilfe ist eine gesellschaftliche Frage.

Keystone/Gaetan Bally

SVP-Politiker This Jenny wollte sterben, wie er gelebt hat: selbstbestimmt. Deswegen liess er sich im November 2014 von der Sterbehilfeorganisation Exit in den Tod begleiten. Auch Alien-Schöpfer H.R. Giger hat diesen Weg für sich in Betracht gezogen. Doch dann starb er im vergangenen Mai an den Folgen eines Treppensturzes.

Prominente Verfechter der Möglichkeit eines begleiteten Suizids gibt es viele, genauso wie Medienberichte über sie. Das begrüsst Marion Schafroth, Anästhesieärztin und Vorstandsmitglied bei Exit, denn: «Sie regen mit ihrem Bekenntnis andere zum Nachdenken an.» Ethikerin Ruth Baumann-Hölzle hält diese Art der Gratiswerbung hingegen für gefährlich: «Dadurch wird das Thema den Menschen, die sich in ähnlichen Situationen befinden, regelrecht aufgedrängt.» Diese könnten sich dann genötigt fühlen, es ihnen nachzumachen.

Selbstbestimmt leben und sterben

Aber lassen sich die 13'413 Neubeitritte bei Exit im vergangenen Jahr allein mit den prominenten Vorbildern und den damit zusammenhängenden Medienberichten erklären? Dafür zu sprechen scheint, dass sich nach dem begleiteten Suizid Jennys die Aufnahmegesuche bei Exit verdoppelt haben. Doch, da sind sich beide Seiten einig, die Motive sind viel vielschichtiger.

So spiele beispielsweise der Zeitgeist eine Rolle: «Weil wir es gewohnt sind, unser Leben selbst zu gestalten, wollen wir auch beim Sterben die Zügel in der Hand halten», so Schafroth. «Auch am Ende des Lebens wollen wir die Kontrolle nicht völlig abgeben.»

Mangelnde Aufklärung

Laut dem Palliativmediziner Roland Kunz spielt auch die mangelnde Aufklärung der Menschen den Sterbehilfeorganisationen in die Hände: «Die Mehrheit sieht nur zwei Wege: einen qualvollen, dafür natürlichen Tod und den begleiteten Suizid.» Dabei gebe es noch die Möglichkeit der palliativen Medizin, bei der nicht die Krankheit, sondern nur die Symptome bekämpft würden. Hinzu komme, dass viele Menschen dem heutigen Gesundheitssystem misstrauten.

Neben den persönlichen Motiven beeinflusst auch die heutige Gesellschaft die Entscheidung: «Wir leben mit der Einstellung, dass alles, was funktioniert, gut ist», so Kunz. Wenn es dann aus Alters- oder Krankheitsgründen nicht mehr so klappt wie früher, fühlten sich viele mit einem Mal wertlos. «Weil sie anderen nicht zur Last fallen wollen, beschliessen manche, frühzeitig aus dem Leben zu scheiden.»

Ökonomische Gründe

Auch der Gedanke, seinen Angehörigen auf der Tasche zu liegen, könnte laut Baumann-Hölzle und Kunz dazu führen, dass sich manche für die Sterbehilfe entscheiden: Angefacht würden solche Überlegungen unter anderem durch öffentliche Diskussionen darüber, wie viele alte Menschen sich unsere Gesellschaft noch leisten könne. «Alte und pflegebedürftige Menschen nehmen sich zunehmend als Last und Kosten der Gesellschaft wahr.»

Exit-Vertreterin Schafroth sieht die finanziellen Überlegungen allerdings höchstens als einen Co-Faktor: «Zwar stimmt es, dass die Suizidrate vom ökonomischen Zustand eines Landes abhängt. Aber das spielt hierzulande derzeit keine Rolle, weil es der Schweiz sehr gut geht.»

Solidarität und technischer Fortschritt

Die Experten gehen davon aus, dass die Freitodbegleitungen auch in Zukunft zunehmen werden. Während Exit-Vertreterin Schafroth das begrüsst, zeigt sich Baumann-Hölzle besorgt. «Das solidarische Zusammenleben steht auf dem Spiel.» Ihrer Ansicht nach sollten zum Beispiel Firmen ihren Mitarbeitern Zeit geben, damit sie sich um ihre pflegebedürftigen Angehörigen kümmern können. «Da müssen wir hinkommen.»

Positiver blickt Karin Frick vom Gottlieb Duttweiler Institut in die Zukunft. Zwar werde sich der Trend fortsetzen, jedoch nur vorübergehend: «Spätestens wenn Bio- und Medizintechnik so weit fortgeschritten sind, dass sie das Leben ohne Einbussen verlängern, wird die Sterbehilfe an Bedeutung verlieren.»

Wer kann eine Suizidbegleitung beantragen?

Wer Sterbehilfe in Anspruch nehmen möchte, muss Auflagen erfüllen. Bei Exit können nur Mitglieder mit einer hoffnungslosen Prognose, unerträglichen Beschwerden oder einer unzumutbaren Behinderung eine Freitodbegleitung anfordern. Zusätzlich werden Abklärungen durch einen Mediziner vorgenommen.

Ganz ähnliche Bedingungen gelten auch für diejenigen, die bei Dignitas eine Suizidbegleitung beantragen wollen. Grösster Unterschied zwischen den beiden Organisationen: Während an Exit nur Menschen aus der Schweiz aufnimmt, können bei Dignitas auch Personen ohne Wohnsitz in der Schweiz ein Gesuch einreichen.

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