Junge Schweizer Muslime: «Die Stimmung hat sich definitiv verschlechtert»
Aktualisiert

Junge Schweizer Muslime«Die Stimmung hat sich definitiv verschlechtert»

Nach den Attentaten in Paris verurteilten Schweizer Imame und muslimische Verbände Gewalt und Terror. Nun melden sich junge Schweizer Muslime zu Wort.

von
Gabriel Brönnimann
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20 Minuten hat die Muslime unter den Leserinnen und Lesern gefragt, wie sie die aktuelle Stimmung in der Schweiz wahrnehmen. Innert kürzester Zeit haben sich fast 100 Leser gemeldet - mit klaren Statements.

20 Minuten hat die Muslime unter den Leserinnen und Lesern gefragt, wie sie die aktuelle Stimmung in der Schweiz wahrnehmen. Innert kürzester Zeit haben sich fast 100 Leser gemeldet - mit klaren Statements.

Leser-Reporter/zvg
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Die Stimmung in der Grande Nation bleibt nach dem Blutbad angespannt: Antiislamische Extremisten verübten seit dem Massaker schon über 20 terroristische Anschläge auf Muslime in Frankreich – es fielen Schüsse und es wurden Sprenganschläge auf Moscheen verübt.

Wie fühlen sich Schweizer Muslime nach den Terroranschlägen? In nur einer Stunde meldeten sich fast 100 junge Schweizerinnen und Schweizer und erzählten von ihren Erlebnissen. 20 Minuten hat bei einigen von ihnen nachgefragt.

«Eine Aktion gegen Muslime könnte jederzeit passieren»

Liridon Halimi absolviert gerade seinen ersten WK als Soldat bei der Luftwaffe. Der 19-Jährige sagt: «Manche Menschen in der Schweiz denken jetzt, dass alle Muslime genau gleich sind wie die Terroristen. Es nervt, wenn man in den gleichen Topf geworfen wird.» Halimi greift zu einem Vergleich: «Wenn ein Autofahrer geblitzt wird, wird der Fahrer bestraft, und nicht der Fahrlehrer.» Die Terroristen sind für ihn «keine Muslime, sondern einfach nur Mörder, die keine richtige Erziehung hatten». Der gebürtige Schweizer, dessen Eltern aus dem Kosovo stammen, fügt an: «Ich hoffe, dass die Leute sich beruhigen. Wir können doch nicht gegeneinander sein, wir müssen doch alle miteinander auskommen.»

Hamza Chohan wird die Rekrutenschule im Sommer beginnen. Danach möchte der 21-jährige Schweizer, dessen Eltern aus Pakistan stammen, ein Studium beginnen – «Wirtschaft, oder etwas Soziales, ich habe mich noch nicht definitiv entschieden». Chohan sagt: «Die Stimmung hat sich definitiv verschlechtert.» Es sei zwar nicht wie in Frankreich – aber die Anschläge seien «mindestens ein Tropfen mehr im Fass». Er befürchtet: «Eine Aktion gegen Muslime könnte jederzeit passieren.» Chohan macht sich auch Sorgen um seine Familie, befürchtet Nachteile im Berufsleben: «Die Unschuldigen müssen bezahlen für das, was eine Minderheit macht», sagt er. Eine Religion aufgrund «einzelner Zitate aus einem Buch» zu beurteilen sei «unfair und falsch» – was zähle, seien allein die Auslegung und «die Glaubensweise der Menschen». Nur der Dialog könne helfen, fügt er an. Ein Mechanismus, den er dabei manchmal beobachte, beschäftigt ihn dabei: «Es heisst, man soll sich äussern. Und wenn man es macht, sagen manche, man sei nicht ehrlich. Das enttäuscht mich.»

«Wo warst du am 7. Januar?»

Andrea Beqiris Bekannte klopfen Sprüche, erzählt die 23-Jährige. Aber sie findet sie nicht zum Lachen: «'Was hast du am 7. Januar wieder angestellt?', solche Sachen – traurig, aber wahr», erzählt Beqiri. Die junge Frau trägt Kopftuch und stellt fest: «Die Leute 'gaffen' mich jetzt noch blöder an als zuvor. Es ist schwierig.»

Schwierig ist es auch für Randy Suter. Der 21-jährige Schweizer, der zum Islam konvertierte, musste erleben, wie seine Frau, die Kopftuch trägt, am Morgen im Tram «übelst beschimpft» wurde. «Da fühlt man sich ohnmächtig – und jetzt trauen wir uns fast nicht mehr aus dem Haus», sagt Suter. Er verstecke seine Gebetskette unter dem Pullover, habe Angst, dass er und seine Frau noch Schlimmeres als verbale Attacken erleben müssen. «Und all das wegen einer Handvoll Extremisten, die nichts zu tun haben mit dem Glauben, der Frieden bedeutet», so Suter.

«Wir alle wollen doch eigentlich nur eins: Frieden!»

Makfire Smajli fühlt sich «nicht wohl», wenn sie pauschale Verurteilungen über Muslime liest. In ihrem persönlichen Umfeld sei das aber noch nicht vorgekommen – und sie hoffe nicht, dass sich das nun ändere. Smajli: «Wir sind alle Menschen. Und Muslime sind keine Terroristen, denn der Islam ist eine friedliche Religion.» Smajli, die albanische Wurzeln hat, fügt an: «Wenn du Muslimin bist, bist du keine Terroristin. Terroristen sind keine Muslime.»

Auch Ceylan Gülacti, Sachbearbeiterin bei einem grossen Schweizer Detailhändler, schätzt sich glücklich, dass sie in ihrem Umfeld «nichts zu spüren» bekommt. Im Gegenteil: Viele Schweizer würden «den Islam von den Terror-Organisationen ganz klar abgrenzen», sagt die 28-Jährige Schweizerin. Von den Attentaten fühle sie sich als Muslimin nicht angesprochen – denn auch für sie ist klar: «Ich bin nicht ein Teil von diesen schrecklichen, unmenschlichen Personen.» Gülacti sagt: «Wir wollen doch alle eigentlich nur eines: Frieden!» Auf die Frage, ob die Anschläge denn etwas mit dem Islam zu tun hätten, sagt sie: «Sicher – aber nichts mit dem Glauben und nichts mit all den Muslimen, die nicht zu Gewalt greifen. Der Islam wird in den Dreck gezogen von diesen Dschihadisten!» Gülacti schliesst mit dieser Feststellung: «Die meisten Muslime, die hier leben, haben sich angepasst und leben in Frieden mit Christen, Juden, Orthodoxen und allen anderen zusammen.»

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