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Sexuelle ÜbergriffeDie Strauss-Kahn-Falle

Sexuelle Belästigungen am Arbeitsplatz sind weit verbreitet, auch in der Schweiz. Doch oftmals werden die Fälle – wie lange Zeit auch beim IWF-Chef – gar nicht bekannt. Wie man sich schützt.

von
Elisabeth Rizzi

Bis zum Wochenende gehörte er zu den mächtigsten und unantastbarsten Männern der Welt. Die Rede ist von Dominique Strauss-Kahn, kurz DSK, dem Chef des internationalen Währungsfonds IWF. Die Aussage eines Zimmermädchens hat nun genügt, um den vermeintlichen Schürzenjäger ins Elend der profanen Grabscher zu stürzen, wobei für alle Beteiligten selbstverständlich die Unschuldsvermutung gilt. So sehr man den Kopf schütteln möchte über die Dummheit des potenziellen französischen Präsidentschaftskandidaten: Sexuelle Übergriffe sind weit verbreitet.

Die Chance, mindestens einmal im Leben mit dem unappetitlichen Thema konfrontiert zu werden, ist gross. Jeder zweite Erwerbstätige in der Schweiz kommt irgendwann in seinem Arbeitsleben direkt oder indirekt mit sexueller Belästigung am Arbeitsplatz in Berührung. Laut einer Studie des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) und des eidg. Büros für die Gleichstellung von Frau und Mann, werden vor allem Männer belästigend wahrgenommen. Besonders häufig werden Übergriffe aus dem Verlags- und Druckereiwesen und im Gastgewerbe gemeldet.

Gefährliche Feste und Reisen

«Man kann davon ausgehen, dass tendenziell Situationen, in denen die soziale Kontrolle niedriger als üblich ist, am gefährlichsten sind», weiss Matthias Mölleney. Er ist Leiter des Center for Human Resources Management & Leadership an der HWZ Hochschule für Wirtschaft Zürich sowie ehemaliger Personalchef von Swissair, Centerpulse und Unaxis.

Als besonders gefährlich erachtet er Betriebsfeste, an denen der Alkohol fliesst und die Selbstkontrolle schmilzt, oder Geschäftsreisen. Dabei muss es gar nicht zu körperlichen Handgreiflichkeiten kommen. Schnell mal rutscht in solchen Situationen ein verfänglicher Spruch heraus, oder es wird ein wenig zu lang auf bestimmte Stellen geschielt. Bereits das gilt rechtlich als sexuelle Belästigung.

«Vorbeugen kann man eigentlich nur durch einerseits konsistent vorbildliches Verhalten, auch ausserhalb der Arbeitszeit, und anderseits dadurch, dass man gefährliche Situationen, so gut es geht, meidet», meint der Personalexperte. Konkret rät er, die Türen von Einzelbüros wenn immer möglich offen zu halten. Ebenso soll wenn immer möglich vermieden werden, dass ein Mann und eine Frau in einem geschlossenen, uneinsichtbaren Büro Sitzungen abhalten.

Zudem findet Mölleney zum Thema Liebesbeziehung zwischen Chef und Angestellter: «Die Gefahr von tatsächlichen oder auch nur empfundenen Ungleichbehandlungen ist hier zu gross. Deshalb bin ich persönlich eher dagegen.» Schon eine gefühlte Bevorzugung sei problematisch. Als Personalchef habe er in solchen Fällen den Betroffenen darum immer nahegelegt, das berufliche Unterstellungsverhältnis zu beenden und sich zu bemühen, dass eine der beiden Personen in einen anderen Bereich wechselt.

Hohe Kosten für Firmen

Für Unternehmen ist das Thema «sexuelle Belästigung» immer ein heisses Eisen. Denn kommt es zu einer Anzeige, kann die Firma wegen Unterlassung der gesetzlich vorgeschriebenen Sorgfaltspflicht mit einer Entschädigungsleistung von bis zu sechs durchschnittlichen Monatslöhnen belegt werden. Dazu kommen indirekte Kosten aufgrund von Arbeitsausfällen und Imageverlust.

Für Mölleney ist deshalb klar: «Entscheidend ist, dass die Führung klar und eindeutig kommuniziert und vorlebt, dass sexuelle Belästigung kein Kavaliersdelikt ist und nicht geduldet wird.» Besonders wichtig sei es, das Thema in der Kommunikation ernst zu nehmen und den Umgang damit auch in der Schulung von Führungskräften aufzugreifen.

Schulung ist nicht bloss ein Feigenblatt, sondern schützt auch die Chefs. Denn nicht selten genügt allein der Verdacht sexueller Belästigung, um eine Karriere zu ruinieren. «Der Einsatz eines erfundenen Belästigungsvorwurfs aus Rache ist neben der tatsächlichen Belästigung ein Problem; vor allem für Vorgesetzte», warnt Mölleney.

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