Jagd auf Ex-Cop: Die Stunde der Kopfgeldjäger
Aktualisiert

Jagd auf Ex-CopDie Stunde der Kopfgeldjäger

Die Millionenprämie für die Ergreifung des flüchtigen Ex-Polizisten Christopher Dorner rief viele «Bounty Hunter» auf den Plan. Sie geniessen in den USA mehr Rechte als Polizisten.

von
Martin Suter

Vor dem Showdown bei Big Bear in den Bergen von San Bernardino liess Kalifornien nichts unversucht, um den Mörder Christopher Dorner dingfest zu machen. Am Dienstag hatte der Stadtrat von Los Angeles weitere 100'000 Dollar Belohnung für Hinweise ausgesetzt, die zur Verhaftung des gefährlichen Ex-Cops führen. Das Kopfgeld für den 33-Jährigen, der in einer Serie von Schiessereien seit dem 3. Februar aus Groll gegen seinen einstigen Arbeitgeber mindestens vier Menschen getötet hat, betrug rekordverdächtige 1,1 Millionen Dollar.

Die riesige Prämie rief auch professionelle «Bounty Hunters» auf den Plan. Das zumindest behauptet Duane «Dog» Chapman, der berühmteste Kopfgeldjäger der USA. Eine so hohe Prämie habe er noch nie gesehen, erklärt der aus einer Reality-Serie bekannte Blondschopf. «Zweifellos wird sich jetzt jeder überall im Land nach ihm umsehen», sagte der auf Hawaii lebende 60-Jährige gegenüber der Newssite MercuryNews.com.

Seit Pionierzeiten sind in Amerika Tausende von Abenteurern darauf versessen, Flüchtige zu fassen und den Strafverfolgungsbehörden zu übergeben. Über die Jahre entwickelte sich die Figur des «Bounty Hunter» ähnlich wie jene des Cowboys und des einsamen «Outlaws» zu einer Ikone der Populärkultur. Kopfgeldjäger und ihr oft an die Grenze der Legalität stossendes Treiben kommen in zahllosen Filmen und Fernsehserien vor.

Im Wilden Westen wurde auf «Bounty Hunter» zurückgegriffen, weil die Sheriffs aus Mangel an Ressourcen nicht in der Lage waren, Flüchtigen erfolgreich nachzustellen. Je gefährlicher ein Gesuchter war, desto höher die Prämie. Das «Wanted»-Plakat für den Banditen Jesse James versprach 1882 5000 Dollar, was heute 120'000 Dollar entspricht. James wurde am 3. April vom Gang-Mitglied Robert Ford mit einem Schuss in den Hinterkopf getötet. Ford und sein Bruder freuten sich schon auf das Kopfgeld, als sie verhaftet und des Mordes angeklagt wurden. Doch sie kamen bald wieder frei, weil sie sich vorher mit dem Gouverneur abgesprochen hatten. Von der Prämie erhielten sie allerdings nur einen kleinen Teil.

Im Dienst von Kautionsbürgen

Historisch entstammt die Kopfgeldjagd weniger der Überlastung von Sheriffs, sondern einer im angelsächsischen Recht seit dem 17. Jahrhundert verbrieften Regel. Demnach sollen Verhaftete bis zum Zeitpunkt ihres Prozesses wenn immer möglich in Freiheit verbleiben. Um ihr Erscheinen vor Gericht zu garantieren, müssen sie aber eine Kaution zahlen. Wenn die Kaution die finanziellen Möglichkeiten des Beschuldigten übersteigt, kann dieser sich in den USA den Betrag von einem «Bail Bondsman» vorstrecken lassen. Dieser zahlt die Kaution gegen einen Aufpreis von 10 bis 20 Prozent und bürgt für das Erscheinen des Angeklagten.

Nun zieht es aber etwa ein Fünftel der auf Kaution Freigelassenen vor, dem Gerichtstermin fernzubleiben. In diesen Fällen treten, zumeist im Auftrag der Kautionsbürgen, die «Bounty Hunter» in Aktion – und das mit grösserem Erfolg als die Polizei. Laut ihrem Verband schnappen sie 90 Prozent der Flüchtigen und sorgen dafür, dass die «Bondsmen» die Kaution nicht zahlen müssen. Nach einer Schätzung von 2003 führen Kopfgeldjäger jährlich über 30'000 Abgehauene der Justiz wieder zu. Ein erfolgreicher «Bounty Hunter» kann bis zu 80'000 Dollar im Jahr verdienen.

Mehr Rechte als Polizisten

Diese Arbeit ist jedoch hart. «Wir fahren durch schlechte Quartiere, reden mit dummen Leuten, trinken kalten Kaffee, suchen Bösewichte – und dann prahlen wir damit», erzählt Bob Burton, ein Kopfgeldjäger mit vielen Jahren Erfahrung, auf einer Website des Discovery-Fernsehkanals. Was die Jäger antreibe, sei der Adrenalinschub bei der Verhaftung eines Verdächtigen: «Für jeden Dollar Kopfgeld machen wir 1000 Adrenadollars.»

Nach einem Urteil des Verfassungsgerichts von 1873 verfügen «Bounty Hunter» über mehr Rechte als die Polizei. Sind sie sicher, dass sich ein Gesuchter an einem bestimmten Ort befindet, dürfen sie ohne weiteres in das fragliche Haus eindringen. Polizisten brauchen dazu einen Durchsuchungsbefehl. Beschuldigte, die sich die Kaution vorstrecken lassen, geben viele Bürgerrechte auf, weshalb Kopfgeldjäger ohne Bedenken in ihrer Privatsphäre wühlen können.

«Hüte dich vor Ex-Polizisten»

Immer wieder führt die Menschenjagd zu Zwischenfällen, etwa wenn die Jäger aus Versehen die falsche Haustüre eintreten und zu schiessen beginnen. Viele Gliedstaaten haben darum Regeln für Kopfgeldjäger aufgestellt. In New York zum Beispiel müssen sie sich lizenzieren lassen und Kurse besuchen oder mindestens drei Jahre als Polizist gearbeitet haben. Eine Handvoll Staaten untersagt die Arbeit der «Bounty Hunter» sogar vollständig.

Dass Christopher Dorner nun von der Polizei in die Enge getrieben wurde, überrascht Experten nicht. Viele erfahrene Kopfgeldjäger gehen einem schwer bewaffneten Flüchtigen aus dem Weg, weil sie kein hohes Risiko eingehen wollen. «Am schwierigsten ist es, einen früheren Soldaten oder Polizisten auf der Flucht zu fassen, denn sie kennen jeden Trick der Gesetzeshüter», sagt Duane «Dog» Chapman. Er selbst habe in solchen Fällen jeweils das doppelte Kopfgeld verlangt. Im Fall Dorner erwartete Chapman das Schlimmste. «Er ist der typische Kerl, der nicht aufgibt», sagt er. «Wenn er untergeht, dann in einem Feuerball.» Er konnte nicht ahnen, wie Recht er haben würde.

Deine Meinung