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Jaroslaw KaczynskiDie Stunde des Zwillings

Noch ist unklar, wer sich um die Nachfolge des polnischen Präsidenten Lech Kaczynski bemühen wird. Alle Blicke richten sich auf seinen Zwillingsbruder Jaroslaw.

von
pbl
Lech (l.) und Jaroslaw Kaczynski bei dessen Rücktritt als Ministerpräsident im November 2007.

Lech (l.) und Jaroslaw Kaczynski bei dessen Rücktritt als Ministerpräsident im November 2007.

Das Bild hat sich in das nationale Bewusstsein Polens eingeprägt: Jaroslaw Kaczynski wie er einsam vor dem Sarg seines Bruders Lech am Warschauer Flughafen kniet. Stets wurden die eineiigen Zwillinge als Doppelpack wahrgenommen, ob sie nun als Staats- und Regierungschef gemeinsam die Geschicke des Landes lenkten oder Jaroslaw Kaczynski die Fäden im Hintergrund zog und seinem Bruder das Rampenlicht überliess.

Deutlicher als die minutenlange, versunkene Trauer vor dem Sarg seines Bruders hätte der einstige Regierungschef seinen Schmerz nicht ausdrücken können. Viele Polen fragen sich, was nun aus ihm werden wird - auch weil seine Mutter, bei der er als Junggeselle bis heute wohnt, schwer krank ist und noch nichts vom Tod ihres Sohnes Lech weiss.

Bewundert und gehasst

Kaum ein anderer Politiker im heutigen Polen weckt so heftige Emotionen bei Anhängern und Gegnern wie der nationalkonservative Oppositionschef. Sein eigenes Lager bewundert seinen scharfen Verstand und seine unnachgiebige Haltung. Seine Gegner aus dem liberalen und sozialdemokratischen Lager verabscheuen den kleinen Mann mit dem runden Gesicht so sehr, dass sie ihn früher gelegentlich sogar mit Stalin verglichen.

Von jeher gab der 45 Minuten ältere Jaroslaw den Ton an. Schon seine Mutter Jadwiga Kaczynska sagte einmal, «Jaroslaw wird immer derjenige sein, der die besseren Strategien wählt». Auch als Jaroslaw Kaczynski im Oktober 2007 sein Ministerpräsidentenamt an den Liberalen Donald Tusk verloren hatte, holte sich sein Bruder im Präsidentenpalast täglich telefonischen Rat bei ihm ein. Angeblich soll Lech manchmal zum Hörer gegriffen haben, bevor das Telefon läutete – er wusste, dass sein Bruder ihn anrufen wollte.

Das Verhältnis der 1949 geborenen Zwillinge, die praktisch nur durch ein Muttermal unterschieden werden konnten, war stets überaus eng. Sie verbrachten den grössten Teil ihres Lebens im Gleichschritt, studierten gemeinsam Rechtswissenschaft – der eine soll schon einmal für den anderen eine Arbeit geschrieben haben – und engagierten sich in der Gewerkschaftsbewegung Solidarnosc. Auch weltanschaulich waren sie auf einer Linie: katholisch, konservativ, nationalistisch, antikommunistisch.

Meister im Simultan-Schach

Gewisse Unterschiede gab es einzig im Charakter: Jaroslaw Kaczynski galt stets als leicht verschrobener Hitzkopf, sein Bruder als versöhnlicherer Staatsmann. Während Lech Kaczynski verheiratet und bereits Grossvater war, blieb Jaroslaw bei der Mutter wohnen – und nutzte sogar ihr Konto, um sein Gehalt überweisen zu lassen: Auf diese Weise wolle er jedem Bestechungsvorwurf zuvorkommen, verteidigte sich der stets misstrauische Jurist.

Der renommierte polnische Wahlforscher Eryk Mistewicz bescheinigte dem Gründer der Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) das Geschick eines «Schachspielers, der mehrere Partien gleichzeitig spielen kann». Der Politologe Mikolaj Czesnik sagte einmal, Jaroslaw Kaczynski habe einen ausgeprägten Sinn für Massenpsychologie: «Er hat gelernt, mit den Gefühlen der Menschen zu spielen, manchmal mit den niedrigsten.» Kaczynski könne latente Ängste wecken, anti-europäische Gefühle und Sozialneid.

Polarisierender Nationalist

Während seiner etwas mehr als einjährigen Amtszeit als Ministerpräsident inszenierte er in der Heimat Koalitionskrisen und in der EU Verhandlungsblockaden. Für einigen Wirbel und Spott sorgte im Juni 2007 seine Forderung, Polen müsste wegen seiner Opfer im Zweiten Weltkrieg ein grösseres Stimmengewicht innerhalb der EU erhalten: «Wir fordern derzeit nur, dass man uns zurückgibt, was uns genommen wurde. Wenn Polen nicht die Zeit von 1939 bis 1945 erlebt hätte, dann wäre es heute ein Land mit 66 Millionen Einwohnern.»

Mit seinem polarisierenden Politikstil stiess Jaroslaw Kaczynski zunehmend auf Ablehnung. Als er für Oktober 2007 vorgezogene Wahlen ausrief, verlor er gegen Tusks liberale Bürgerplattform. Seitdem zog er im Hintergrund als Oppositionsführer die Strippen. In Polen fragt man sich, ob Jaroslaw nun versuchen könnte, selbst ins Rampenlicht zurückzukehren – oder ob er ohne seinen Zwilling den Geschmack an der Konfrontation verliert. (pbl/sda)

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