Aktualisiert 05.08.2008 14:14

FC AarauDie Suche nach dem Geheimnis des Erfolgs

Man kann es drehen und wenden wie man will - und selbst wenn man die Tabelle der Axpo Super League verkehrt herum hält, bleibt der FC Aarau nach vier Runden Leader. Die Hintergründe des überraschenden Erfolgs.

Dass die Aarauer nach vier Runden die Tabelle der Axpo Super League anführen, hätte vor kurzem wohl noch niemand gedacht. Nicht nur beim Schlusslicht und Vize-Meister YB sucht man deshalb nach dem Erfolgsrezept der «Rüeblistädter». Viele würden es gerne kopieren, doch der plötzliche Erfolg ist ein Buch mit sieben Siegeln. 20 Minuten Online blickt hinter die Kulissen und erklärt die Gründe für den Höhenflug des Aargauer-Fussballzwergs mit Sparbudget:

1. Die Trainer

Vor genau einem Jahr wurde Ryszard Komornicki als Nachfolger von Gilbert Gress auf den Aarauer Trainerposten zurückgeholt. Eine Bürde sei er, aber aus wirtschaftlichen Gründen solle er bitte sein Amt weiter ausfüllen, verkündeten Präsident Alfred Schmid und Sportchef Fritz Hächler damals. Beide waren sie gerade erst neu an die Spitze des FCA gewählt worden.

Das Team zeigte schon in der Saison zuvor die Handschrift von Komornicki, einem ehrlichen und leidenschaftlichen Arbeiter, der sich nicht beschwert, sondern Strukturen schafft - wie es eben in Aarau gerade so möglich ist. Doch auch ein anderer hinterlässt beim FC Aarau seine Linien. Assistenztrainer Jeff Saibene, der fleissige Luxemburger mit Uefa-Pro-Lizenz, war beim Thuner Klassenerhalt 2007 der entscheidende Faktor. Jetzt zaubert er in Aarau. Saibene gelingt es, jedem Spieler in fast jeder Situation ein Lächeln auf das Gesicht zu zaubern. Er motiviert die Fussballer immer wieder neu und versucht, «Problemfälle» wie Rogerio neu auszurichten. Letzterer kam als Talent ins Brügglifeld und wurde schnell als Chancentod abgestempelt. Doch Saibene nahm sich seiner an und half dem Brasilianer entscheidend weiter, sodass er heute der ideale Sturmpartner von Cristian Ianu ist.

2. Die Entwicklung der Spieler

Rogerio ist jedoch nur ein Beispiel. Ein zweites ist Sandro Burki, der einst mit der U17-Nationalmannschaft Europameister wurde und später beinahe in der Versenkung verschwand. Beim FC Aarau bekam Burki, wie auch alle anderen jungen Spieler, die Zeit zu reifen. Zuerst drückte er, der vom FC Vaduz kam, auch im Brügglifeld die Bank. Jetzt, ein Jahr später, ist Burki aber bereits der Motor im Mittelfeld der Aargauer. Obschon im Sommer bereits Vereine wie der FC Sion sich die Finger nach ihm leckten, blieb der bescheidene Burki beim FCA. Dort weiss er, was er hat: einen Stammplatz, ein eher bescheidenes Salär und ein harmonisches Umfeld. Das Beispiel zeigt, dass Aarau für einen eher sensiblen Spieler das ideale Pflaster ist, um die Leistung zu stabilisieren und sich als Fussballer weiterzuentwickeln.

Ein weiteres Beispiel ist Goalie Ivan Benito: Im Ausland von A nach B geschoben und oft auf der Bank ohne Spieleinsätze verhungert, kehrte er in der Torwartnot «seines» FCA in die Heimat zurück. Seither ist er wieder Leistungsträger auf dem Platz und Verantwortungsträger abseits des Rasens. Auch wenn die Aarauer «Galionsfigur» Sven Christ im Sommer eine Trainerkarriere eingeschlagen hat, gibt es also immer noch Spieler, die beim FC Aarau (auf-)gewachsen und nun auch neben dem Spielfeld präsent sind.

3. Das vertraute Umfeld

Medienrummel, Präsidentenschelte, Fan-Proteste am Spielerausgang, Handgreiflichkeiten unter Spielern - diese und ähnliche Begriffe kennt man in Aarau nicht. Während andere Vereine auch durch solche Tumulte in den Schlagzeilen stehen, gilt der FC Aarau als «graue Maus» - nicht ganz zu unrecht. Rund um das Brügglifeld herrscht Ruhe, die Entscheidungswege sind kurz, die Mitarbeiter kennen und vertrauen sich. Spieler, Trainerstab, Administration und Vereinsführung leben im Rahmen ihrer eigenen Richtlinien und akzeptieren diese.

4. Unkonventionelle Massnahmen

Im Aarauer Umfeld können die Trainer in Ruhe arbeiten und auch einmal eine unkonventionelle Entscheidung treffen: Ein einwöchiges Trainingslager unmittelbar vor dem Saisonstart machte sonst kein ASL-Club. Die Aargauer suchten sich im süddeutschen Raum einen noch ruhigeren Ort als Aarau es bereits ist und arbeiteten an Standardsituationen, Spielaufbau und Teambildung. Die Massnahme hat den Trainern Komornicki und Saibene Erfolg gebracht. Und wohl zum ersten Mal überhaupt haben jetzt andere Vereine die Möglichkeit, dem FC Aarau etwas aus seinem Erfolgsrezept abzuschauen.

5. Die Schattenseiten

Nicht vergessen darf man jedoch auch die Kehrseite der Medaille. Ein Spieler wie Goran Antic würde diesen Text wohl nur teilweise unterschreiben. Denn: Er wurde wie Sandro Burki ebenfalls U17-Europameister und auch seine Entwicklung stagnierte. Im Gegensatz zu Burki fiel er aber inzwischen in Aarau ausser Rang und Traktanden, obwohl er schon 120 Einsätze im Profifussball bestritt. Und Spieler wie Carlos Alberto de Almeida, der unlängst nur einen sechsmonatigen Arbeitsvertrag bis zum Winter vorgelegt bekam, spürten ebenfalls den harten und rauhen Wind, der vorherrscht, wenn es in Aarau nicht so läuft wie gewünscht.

Vor allem Sportchef Hächler ist da ein knallharter Verhandlungspartner. Dass seine Arbeit mit der Tabellenführung ein Zwischenhoch erfährt, scheint aber eine Bestätigung der Arbeitsweise zu sein. Auch wenn sich der FC Aarau vermutlich nicht allzu lange an der Spitze halten können wird, so hat der Verein nach vier von 36 Spieltagen schon einen grossen Schritt in Richtung Saisonziel gemacht: den Klassenerhalt. In Aarau bleibt man halt auch als Leader bescheiden.

(gwl)

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