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MadagaskarDie Suche nach Saphiren zerstört die Natur

Ausgerechnet in einem Naturschutzgebiet wurden auf Madagaskar riesige Edelsteinvorkommen entdeckt. Nun strömen Zehntausende Menschen in die Region.

von
Nina Gödeker
AP

Im Süden Madagaskars graben Einheimische seit langem nach Saphiren. (Video: AFP)

Im Regenwald im Osten des afrikanischen Inselstaats Madagaskar suchen Zehntausende Menschen das grosse Glück. Saphire liegen hier oft nur wenige Meter unter der Erdoberfläche.

Die Aussicht auf ein bisschen Wohlstand lockt Minenarbeiter und Edelsteinhändler ins Gebiet. Aber die Saphirsucher richten im Nationalpark Ankeniheny-Zahamena grosse Schäden an. Naturschützer fordern eine Militärintervention, um Pflanzen und Tiere zu schützen.

Tausende Hektar Wald abgeholzt

Im Gebiet wurden in den vergangenen sechs Monaten mehr Saphire von Spitzenqualität gefunden als in den letzten zwanzig Jahren, wie der Gemmologe Vincent Pardieu erklärt. Er kennt die Minen dort seit mehr als einem Jahrzehnt und war im März zuletzt vor Ort. «Das ist eine grosse Sache», sagt Pardieu.

Edelsteinhändler in der ganzen Welt könnten derzeit grosse und äusserst klare Saphire aus der Region anbieten. «Das ist die wichtigste Entdeckung in Madagaskar in den vergangenen zwanzig oder dreissig Jahren.»

Tote durch Wirbelsturm in Madagaskar

Beim Durchzug des Zyklons «Enawo» in Madagaskar sind mindestens fünf Menschen ums Leben gekommen. Mehr als 10'200 Menschen verloren ihr Obdach, mindestens sieben wurden nach Behördenangaben verletzt. Insgesamt seien mehr als 12'000 Menschen durch den Tropensturm geschädigt worden.

Die Saphirsucher strömen in den Regenwald um das Dorf Bemainty, erzählen Mitarbeiter der örtlichen Behörden. Sie haben bereits Tausende Hektar Wald im Schutzgebiet abgeholzt.

«Es gibt zu viele einflussreiche Leute»

Die gesamte Insel vor der Ostküste von Mosambik verfügt über eine einzigartige Pflanzen- und Tierwelt und die geschützten Wälder im Osten sind «einige der wertvollsten Ressourcen Madagaskars», wie die Weltbank erklärt. In diesem Korridor kommen dem Umweltministerium zufolge mehr als 2000 Pflanzenarten vor, die sonst nirgendwo auf der Welt zu finden sind, sowie 14 gefährdete Lemuren-Arten.

Mit dem Saphirrausch sind die örtlichen Behörden überfordert, daher verlangt Conservation International ein Eingreifen des Militärs. «Wir haben die Regierung mehrfach gebeten, das Heer einzuschalten», sagt Bruno Rajaspera, Projektdirektor der Umweltschutzorganisation, die an der Verwaltung des Nationalparks beteiligt ist.

«Aber es gibt zu viele einflussreiche Leute, die am Handel mit den Steinen verdienen. Die Regierung traut sich nicht, konkrete Massnahmen zu ergreifen.» Das Büro des Ministerpräsidenten wollte sich nicht zu den Anschuldigungen äussern.

«So ziemlich alles ist illegal»

Etwa die Hälfte der qualitativ hochwertigen Saphire weltweit stammen aus Madagaskar, wie Michael Arnstein erläutert, Präsident des Schmuckunternehmens The Natural Sapphire Company, der seit rund zwanzig Jahren auf Madagaskar beruflich zu tun hat.

Ungefähr 70 Prozent des Saphir-Marktes werde von Sri Lankern kontrolliert, die die Steine in ihre Heimat schmuggelten und dort für den Export schleifen liessen, sagt er. Saphire im Wert von rund 150 Millionen Franken würden vielleicht jedes Jahr aus Madagaskar hinausgebracht. Genaue Zahlen seien nicht zu bekommen, da der Markt kaum reguliert sei.

«Es gibt all diese kleinen Wildwest-Operationen», erklärt Arnstein. «So ziemlich alles ist illegal. Es gibt keine Kontrollen, keine Steuern. Es herrscht Chaos.»

Stunden durch den Regenwald

Der jüngste Saphir-Rausch begann vor sechs Monaten. Die Regierung von Madagaskar kam im November zu einer Sondersitzung zusammen und erklärte danach, der Schutz des Nationalparks habe Priorität. Umweltschützer hofften, dass nun auch Soldaten eingesetzt würden, wie schon einmal nach der ersten Entdeckung der Edelsteine 2012. Damals liess die Regierung mehrere sri-lankische Händler festnehmen und abschieben.

Die Händler brächten Arbeiter aus anderen Teilen der Insel ins Schutzgebiet, erzählt Rajaspera. Die Männer nähmen Essen und Ausrüstung mit und wanderten mindestens fünf Stunden durch den Regenwald, um das Abbaugebiet zu erreichen. Mit dem Auto oder dem Motorrad gibt es kein Durchkommen.

Lehrer gehen lieber graben als zu unterrichten

Durch die Neuankömmlinge geriet die Situation ausser Kontrolle. Bis Oktober trafen an der wichtigsten Grabungsstelle täglich 1500 bis 2000 Menschen ein, wie die britische Gemmologin Rosey Perkins erzählt, die damals vor Ort war. Die Arbeiter hätten Reis, Hühner und sogar Ziegen mitgebracht. Es sei ziemlich wild zugegangen.

Die Bewohner der Region Didy, zu der Bemainty und andere Dörfer in der Umgebung gehören, fordern die Regierung zum Handeln auf. Das sagt der Bürgermeister von Didy, Davidson Radoka. Nur wenige von ihnen profitierten von den gefundenen Edelsteinen.

Acht Menschen ermordet

Manche Schulen hätten nicht mehr genügend Lehrer für alle Klassen, weil diese lieber nach Saphiren graben gingen. Mit den vielen neuen Nachbarn sei auch die Nachfrage nach Lebensmitteln gestiegen und die Preise entsprechend in die Höhe geschossen.

Auch die Sicherheit sei nicht mehr gewährleistet, weil kriminelle Banden nachts unterwegs seien, sagt Radoka. Acht Menschen seien seit Ende Dezember in der Region Didy ermordet worden. Hinzu kommen die schlechten sanitären Verhältnisse, die zur Brutstätte von Krankheiten werden können. Erst kürzlich brach Typhus aus.

Menschen kämen in ernste Schwierigkeiten

Die Glückssucher schreckt das nicht ab. Viele sind arbeitslos, andere sind Bauern, die nach zwei Jahren Dürre neue Einkommensquellen suchen. Die Minen scheinen ein lohnendes Ziel, sind die Saphire doch teilweise schon zwei Meter unter der Erdoberfläche zu finden.

«Viele Menschen wären ohne die Edelsteine in ernsten Schwierigkeiten», sagt Pardieu. «Darum tun die Behörden auch nichts. Sie lassen die Leute graben. Sie wollen nicht, dass 20'000 Menschen in der Stadt verhungern.»

«Da liegt eine Lagerstätte neben der anderen»

Die Gemeindevertreter glauben, dass die Zahl der Suchenden noch höher ist und sogar schon 200'000 erreicht hat. Und sie befürchten eine weitere Ausbreitung der Grabungen, sodass noch mehr Wald im Schutzgebiet den Arbeiten zum Opfer fallen könnte.

Davon geht auch Pardieu aus. Er glaubt, dass in den kommenden zehn Jahren noch mehr Saphire und Rubine gefunden werden. «Da liegt eine Lagerstätte neben der anderen.»

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