Kommunikations-Experte - «Die superprovisorische Verfügung war der falsche Weg»

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Kommunikations-Experte«Die superprovisorische Verfügung war der falsche Weg»

Impfchef Christoph Berger wurde zum Opfer einer Entführung. Erst ging er gerichtlich gegen die Nennung seines Namens vor, wenig später folgte ein Kurswechsel. Ein Kommunikationsexperte ordnet ein.

von
Daniel Graf
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Roger Huber ist Kommunikationsexperte und Gründer der Agentur Huber Media Consulting. Er kritisiert das Kommunikationskonzept im Fall der Entführung von Christoph Berger. 

Roger Huber ist Kommunikationsexperte und Gründer der Agentur Huber Media Consulting. Er kritisiert das Kommunikationskonzept im Fall der Entführung von Christoph Berger. 

Huber Media Consulting 
Der 38-jährige B.V. soll am 31. März Impf-Chef Christoph Berger entführt haben. 

Der 38-jährige B.V. soll am 31. März Impf-Chef Christoph Berger entführt haben. 

Privat
Beim Seidenplatz in Wallisellen fielen am Mittwochabend Schüsse.

Beim Seidenplatz in Wallisellen fielen am Mittwochabend Schüsse.

BRK News

Darum gehts

  • Der Schweizer Impfchef Christoph Berger wurde Opfer einer Entführung. Nach einer Stunde kam er unbeschadet wieder frei. 

  • Am Sonntag liess er über eine Kommunikationsagentur ausrichten, seine Rolle als Chef der nationalen Impfkommission habe nichts mit der Entführung zu tun gehabt. 

  • Zuvor versuchte Berger, seinen Namen mittels einer superprovisorischen Verfügung aus der Presse zu halten. 

  • «Für mich war das der falsche Weg, Berger ist klar eine Person öffentlichen Interesses», sagt ein Kommunikationsexperte. 

Der «Tages-Anzeiger» nannte nach der Recherche den Namen von Christoph Berger. War das korrekt?

Roger Huber*: Ich denke schon. Ich habe mir im ersten Moment auch überlegt, ob er eine Person von öffentlichem Interesse ist. Er arbeitet für ein Bundesamt und als Kinderarzt und war in den letzten zwei Jahren als Impfchef extrem präsent in den Medien. Aus meiner Sicht ist klar, dass er eine Person der Öffentlichkeit ist.

Als Reaktion ging er gerichtlich gegen die Namensnennung vor. Können Sie das nachvollziehen?

Nicht wirklich. Wer als Person von öffentlichem Interesse im Zusammenhang mit einem Verbrechen genannt wird, muss damit umgehen können. Ausserdem war er ja nicht Täter. Er konnte nichts dafür, Opfer einer Entführung zu werden. Für mich war diese Reaktion nicht nachvollziehbar.

«Eine superprovisorische Verfügung ruft auch noch die letzte Pfadi-Zeitung auf den Plan.»

Roger Huber, Kommunikationsexperte 

Was für eine Kommunikation hätten Sie bevorzugt?

Sobald klar war, dass Medienschaffende seine Identität herausgefunden haben und veröffentlichen werden, hätte er eine kurze Pressemitteilung verschicken können. In der hätte er unaufgeregt erklärt, dass es stimme, dass er für wenige Stunden in der Gewalt des Entführers war und dass er die Situation körperlich unbeschadet überstanden hat. So hätte das Ganze viel weniger hohe Wellen geworfen.

Inwiefern?

Wenn jemand eine superprovisorische Verfügung erwirkt, ruf das etwas salopp gesagt auch noch die letzte Pfadi-Zeitung auf den Plan und die wollen auch darüber schreiben. Es wird damit noch mehr Aufmerksamkeit auf ein Thema gelenkt – und erfahrungsgemäss weiss bei einer solchen Geschichte die grosse Mehrheit den Namen so oder so schon, bevor die Verfügung erwirkt und durchgesetzt ist.

Am Sonntag folgte ein weiteres Statement über eine Agentur, es war unklar, ob dieses zur Publikation gedacht war und falls ja, ob mit oder ohne Name. War das hilfreich?

Kaum. Ein Statement an sämtliche Medien mit der Bitte «zurückhaltend» zu berichten, ist sehr schwierig. Auch, dass bestritten wird, dass die Entführung etwas mit seiner Rolle als Impfchef zu tun gehabt habe, halte ich für unrealistisch – es wäre ein riesiger Zufall, dass ausgerechnet er entführt und erpresst wird. Wenn es tatsächlich so war, hätte auch hier eine frühzeitige, aktive Kommunikation Spekulationen vorbeugen können.

*Roger Huber ist Kommunikationsexperte und Gründer der Agentur Huber Media Consulting. 

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