CVP-Nationalrat: «Die SVP ist eine faschistische Partei»
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CVP-Nationalrat«Die SVP ist eine faschistische Partei»

Jacques Neirynck, der älteste Schweizer Parlamentarier, spricht in einem Interview Klartext. Die scharfen Worte des Waadtländer Politikers dürften nicht bei allen gut ankommen.

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Jacques Neirynck: Der Wissenschaftler, Schriftsteller und CVP-Nationalrat nimmt kein Blatt vor den Mund.

Jacques Neirynck: Der Wissenschaftler, Schriftsteller und CVP-Nationalrat nimmt kein Blatt vor den Mund.

Keystone/Gaetan Bally

Unter dem Titel «Grosse Meister» veröffentlicht «Das Magazin» derzeit eine Serie von Interviews – am Samstag war Nationalrat Jacques Neirynck – mit 82 Jahren der Älteste im Parlament – an der Reihe. Der aus Belgien stammende CVP-Politiker hat sich nicht nur als Politiker und Konsumentenschützer, sondern auch als Autor diverser Bücher, als Wissenschaftler an der ETH Lausanne und als einer der fünf Hauptdarsteller im Schweizer Film «Mais im Bundeshuus» einen Namen gemacht.

SVP «faschistisch», Blocher will «das Land zerstören»

Im Interview nimmt Neirynck kein Blatt vor den Mund. Er hat den Zweiten Weltkrieg im besetzten Belgien als einziger Nationalrat selbst erlebt. «Als ich zwölf Jahre alt war, kam die Gestapo in meine Schulklasse, nahm zwei Schüler mit und brachte sie kurz darauf um. Die faschistischen Parteien gehören für mich bis heute zu den ständigen Bedrohungen. Man sieht sie fast überall, in Ungarn, in den Niederlanden, in Frankreich – und für mich ist auch die SVP eine faschistische Partei.»

Auf die Frage, ob er diesen Satz ernst meine, antwortet der Waadtländer: «Durchaus. Die SVP ist darauf ausgelegt, einem bestimmten Mann zu seiner persönlichen Macht zu verhelfen. Blocher ist ein unglaublich reicher Mensch. Er hat eine schöne Bildersammlung, ein Schloss – das Einzige, was ihm noch fehlt, ist die Macht.»

Ein Führer – das liesse die Schweizer Demokratie doch nicht zu? Neirynck meint, «im Moment» sei das nicht möglich, aber die SVP wolle das politische System des Landes gezielt kaputtmachen: «Man müsste dazu das politische System zerstören. Und genau dies ist das Ziel von Abstimmungen, wie wir sie am 9. Februar erlebt haben. Sollte die EU als Reaktion etwa den freien Warenverkehr mit der Schweiz unterbinden, käme es bei uns zu einer grossen Wirtschaftskrise. Und wenn die Leute einmal völlig in Panik sind, dann sind sie auch bereit, sich irgendeinem politischen Führer in die Arme zu werfen.»

Er glaube und hoffe nicht, dass das geschehen werde, aber «ich finde, man müsse das Volk warnen: Nehmt euch in Acht, es gibt einen, der das Land zerstören will».

Neirynck fordert das Gegenteil der SVP-Politik

Was die Leute nicht bemerken würden, sei die Tatsache, dass die Politik der SVP, etwa das Ja zur Masseneinwanderungsinitiative, die Unabhängigkeit der Schweiz nicht stärke. In Wirklichkeit sei die Schweiz längst «zu einem Untertanenland Europas» geworden. Das Mittel gegen die Fremdbestimmung sei letztlich nur ein EU-Beitritt: «Es geht nicht darum, was die EU uns bringen kann. Sondern um das, was wir der EU bringen können.»

Ganz im Dürrenmattschen Sinn, dass die Welt verschweizert werden müsse, soll sie nicht untergehen, sagt Neirynck: «Wir können Europa erklären, wie eine Konföderation funktioniert. Der Nationalstaat ist eine Erfindung des 19. Jahrhunderts – vorher waren die meisten Länder Konföderationen. Die Schweiz könnte das erklären, könnte ihre Erfahrung einbringen: Man regelt so wenig wie möglich auf der höchsten Stufe und so viel wie möglich in den Regionen. Die EU muss schweizerischer werden, sonst hat sie keine Zukunft.»

Neirynck will noch lange weitermachen

Ans Aufhören denkt Neirynck noch lange nicht: Er beabsichtigt, in zwei Jahren für den Ständerat zu kandidieren – mit 84 Jahren. Wer damit ein Problem habe, der diskriminiere alle Pensionierten, 15 Prozent der Bevölkerung, und deute damit an, dass Pensionierte «so schnell wie möglich sterben sollen, weil sie nichts mehr taugen».

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