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Afghanistan-Experte berichtet«Die Taliban dringen auch in private Häuser ein»

Afghanistan sei das Kriegsland Nummer 1, sagt Thomas Ruttig, der seit 35 Jahren über das Land forscht. Der Westen solle mehr Empathie zeigen.

von
Claudia Blumer
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Panzer fahren in Kunduz ein, aufgenommen am 7. Juli 2021.

Panzer fahren in Kunduz ein, aufgenommen am 7. Juli 2021.

REUTERS
«Weltweit gibt es keinen Krieg, der die Intensität von jenem in Afghanistan erreicht»: Thomas Ruttig. Er hat 13 Jahre in Afghanistan gelebt und forscht seit 35 Jahren über das Land.

«Weltweit gibt es keinen Krieg, der die Intensität von jenem in Afghanistan erreicht»: Thomas Ruttig. Er hat 13 Jahre in Afghanistan gelebt und forscht seit 35 Jahren über das Land.

privat
Es kommt zu zahlreichen Kämpfen im ganzen Land zwischen Taliban und Regierungsvertretern. Ein Militärfahrzeug mit einem getöteten Taliban-Kämpfer, aufgenommen am 7. Juli 2021 in Kunduz.

Es kommt zu zahlreichen Kämpfen im ganzen Land zwischen Taliban und Regierungsvertretern. Ein Militärfahrzeug mit einem getöteten Taliban-Kämpfer, aufgenommen am 7. Juli 2021 in Kunduz.

REUTERS

Darum gehts

  • Nach dem Abzug der westlichen Truppen aus Afghanistan treiben die Taliban ihren Kampf gegen die Regierung voran. Sie haben bereits rund die Hälfte des Landes erobert.

  • Es kommt zu zahlreichen Kämpfen zwischen Taliban und Regierungsvertretern, mit zahlreichen zivilen und militärischen Opfern.

  • Weltweit gebe es keinen anderen Krieg, der diese Intensität erreicht, sagt Afghanistan-Kenner Thomas Ruttig.

Wie ist die Situation in Afghanistan?

Afghanistan ist weltweit das Kriegsland Nummer eins, und damit sehr unsicher. In diesem Jahr hat sich die Lage nochmals erheblich zugespitzt. Die Taliban kontrollieren über die Hälfte des Landes und umzingeln über die Hälfte der Provinzhauptstädte. Wahrscheinlich greifen sie sie auch an. Ebenso die Grossstädte Herat, Kabul und Kandahar.

Beim Staatssekretariat für Migration geht man davon aus, dass die Städte Kabul, Herat und Mazar-i-Sharif von der Regierung kontrolliert werden. Stimmt das nicht?

Naja, was Kontrolle bedeutet, ist immer eine Definitionsfrage. Wenn die Taliban auch in diesen Städten agieren können, gibt es zumindest keine volle Kontrolle und Sicherheit schon gar nicht.

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Ist es verantwortbar, afghanische Asylsuchende wegzuweisen, wie es die Schweiz macht?

Ich äussere mich nicht zur schweizerischen Asylpolitik. Grundsätzlich: Es handelt sich um einen sehr heftigen Krieg mit überdurchschnittlich vielen Todesopfern. Weltweit gibt es keinen Krieg, der diese Intensität erreicht.

Wenn die Taliban Städte oder Gebiete erobern – welche konkreten Folgen hat das für die Bevölkerung?

Die Taliban, wird berichtet, dringen auch in private Häuser ein und agieren von dort aus. Die Regierung fährt dann Luftangriffe und schiesst mit Artillerie, dadurch gibt es sehr viele zivile Schäden, verursacht von beiden Seiten. Wenn die Taliban die Kontrolle über Gebiete übernehmen, werden oft Schulen geschlossen, sie begründen das mit der Sicherheit, was auch stimmt. Häufig schliessen sie aber auch gezielt Mädchenschulen oder lassen nicht zu, dass Mädchen länger als bis zur sechsten Klasse zur Schule gehen, nicht länger als bis zur Pubertät. Es wird auch berichtet, dass die Taliban in vielen Provinzen Radiostationen schliessen oder verbieten, dass dort Frauen auftreten. Bestimmte Sendungen dürfen nicht mehr gesendet werden, keine Musik darf mehr gespielt werden. Das kennt man von vor 2001. Gleichzeitig sagen Männer, man könne sich ausserhalb der Kampfzonen relativ frei bewegen.

Glauben Sie, dass die Taliban heute gemässigter agieren? Oder geben sie das nur vor?

Das ist schwer zu beurteilen. Sie versuchen vielerorts, gegenüber der Bevölkerung relativ weich aufzutreten und die Fehler, das harsche Vorgehen von früher nicht zu wiederholen. Die Taliban haben in Vororten Kabuls Flugblätter verteilt, dass man sich vor ihnen nicht fürchten soll, und haben sich als neue Regierung vorgestellt. Sie sind sehr selbstbewusst und offenbar in der Lage, überall im Land zuzuschlagen.

Thomas Ruttig forscht seit 35 Jahren zu Afghanistan

Zur Person

Thomas Ruttig ist Co-Direktor des Thinktanks Afghanistan Analysts Network mit Sitz in Kabul und in Berlin. Ruttig hat mehr als 13 Jahre in Afghanistan gelebt, unter anderem als Leiter des Uno-Büros in Kabul und als Mitarbeiter des diplomatischen Dienstes. Er forscht seit 30 Jahren über Afghanistan und Zentralasien.

Werden nun viele Afghaninnen und Afghanen nach Europa fliehen?

Zunächst einmal gibt es eine grosse Binnenflucht. Die meisten Afghanen fliehen innerhalb ihres eigenen Landes. Nach Europa gelangen sie kaum noch, weil Europa sich sehr effektiv abgeschottet hat. Die Afghanen sind zwar immer noch die grösste Gruppe, die über das Mittelmeer von der Türkei nach Griechenland kommt. Aber seit Jahresbeginn waren es nur 600, dazu sicher noch einige auf dem Landweg. Die wenigsten kommen über Griechenland hinaus. Unsere Politiker sollten uns nicht Sorgen machen, dass da eine nicht beherrschbare Situation über uns hereinbreche. Die Leute fliehen vor einem Krieg, an dessen Verlauf die Regierungen des Westens eine gehörige Portion Anteil haben. Wir sollten mehr Empathie mit den Opfern zeigen.

Wie stark sind die Taliban, verglichen mit den afghanischen Streitkräften?

Die Taliban sind keine Armee, es gibt nur wenig feste Einheiten. Viele Taliban-Kämpfer machen das in der Freizeit, zum Beispiel sitzen sie als Studenten tagsüber im Hörsaal, abends legen sie Minen oder schneiden Propagandavideos. Trotz der Verluste, welche die Taliban erlitten haben, haben sie nicht an militärischer Macht eingebüsst, im Gegenteil. Sie können also immer wieder viele Leute mobilisieren. Zum Teil durch Zwangsrekrutierungen oder sozialen Druck.

Sie haben lange in Afghanistan gelebt. Wie ging es Ihnen dort?

Ich bin Ausländer, habe ein Flugticket in der Tasche und kann jederzeit heimfliegen. Ich sorge mich mehr um meine afghanischen Freunde und Bekannten. Mir geht es im Moment schlechter, wenn ich nicht dort bin. Denn vor Ort könnte ich die Situation besser einschätzen, auch wenn ich letzten Endes nicht helfen kann.

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