Insekten-Invasion: Die Tausendfüssler-Plage von Erstfeld im Ekel-Video
Aktualisiert

Insekten-InvasionDie Tausendfüssler-Plage von Erstfeld im Ekel-Video

Die Bewohner eines Quartiers im urnerischen Erstfeld leiden unter einer Invasion von Tausendfüsslern. So schlimm wie in diesem Jahr sei es noch nie gewesen.

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tst/sil

Tausende Tausendfüssler plagen die Erstfelder. (Video:tk)

Sie kriechen Hauswände hoch, breiten sich auf Terrassen aus und schleichen sich durch offene Fenster oder Türen in die Stuben der Bewohner von Erstfeld: Unzählige Tausendfüssler, sogenannte Schnurfüssler, sind dort zur Plage geworden. «Es sind Tausende. Wenn man nur ein einzelnes Blatt am Boden aufhebt, hat es darunter sicher 50 Stück», sagt eine betroffene Anwohnerin. «Wir kämpfen dagegen, dass sie in unsere Wohnungen kommen. Tritt man auf einen Tausendfüssler drauf, tönt es wie aufplatzendes Popcorn.»

Seit Wochen leiden die Bewohner des Aecherliquartiers schon unter den Tierchen, wie Radio Pilatus und Tele1 berichten. Auf den ersten Blick sieht man die Krabbeltiere oft nicht – doch schaut man genauer hin, sind sie überall.

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Zu Tausenden schleichen sich diese Schnurfüssler in die Gärten und Häuser im Erstfelder Aecherliquartier.

Zu Tausenden schleichen sich diese Schnurfüssler in die Gärten und Häuser im Erstfelder Aecherliquartier.

Screenshot/Tele1
Für die Bewohner eine Plage: Mit Klebeband und Gasbrennern bekämpfen sie die Tierchen.

Für die Bewohner eine Plage: Mit Klebeband und Gasbrennern bekämpfen sie die Tierchen.

Screenshot/Tele1
Täglich müssen sie die Klebebänder auswechseln. Trotzdem kommen immer mehr Krabbeltiere.

Täglich müssen sie die Klebebänder auswechseln. Trotzdem kommen immer mehr Krabbeltiere.

Screenshot/Tele1

«So schlimm war es noch nie»

Die Erstfelder kämpfen mit Klebeband, Gasbrennern, Gift oder Salz gegen die Invasion der Tausendfüssler. Täglich müssen sie die Klebebandstreifen an den Hauswänden auswechseln. Zwar gibt es schon seit fünf Jahren jeden Sommer eine Tausendfüssler-Plage. Doch dieses Jahr sei es so schlimm wie noch nie, so die Bewohner. Besonders eklig: Bei Gefahr rollen sich die Tierchen zusammen und stossen zu ihrem Schutz ein stinkendes Sekret aus.

Der Grund für die Invasion der Tausendfüssler sei wahrscheinlich Gartenerde, sagt Experte Klaus Zimmermann, Biologe des Vorarlberger Naturkundemuseums Inatura. Der Tausendfüssler in Erstfeld ist eine fremde Art. Von Asien aus komme diese durch grosse Kompostieranlagen nach Europa. Gärtnereien nutzten den Kompost aus solchen Anlagen für ihre Gartenerde. Durch die Erde könnte die Tiere dann ins betroffene Quartier gelangt sein. «In Luzern habe ich einige Hinweise, dass es in diese Richtung geht», sagt Zimmermann - auch im Grossraum Stadt Luzern gebe es mindestens zehn Standorte, wo das Problem schlagartig aufgetreten sei.

Auch er rätselt allerdings: «Dass die Tiere zufällig in bestimmten Quartieren auftreten, ist für mich nicht ganz nachvollziehbar. Wahrscheinlich ist dies gerade der Beginn der Ausbreitung der Gewächshaus-Tausendfüssler.» So könne es sein, dass in einigen Jahren diese Tausendfüssler überall vorkämen. Kurios dabei ist, dass im restlichen Europa noch kaum etwas von freilebenden Gewächshaus-Tausendfüsslern bekannt sei.

Zimmermann steht im ständigen Austausch mit der Umweltberatungsstelle Luzern. Diese kontaktierte zuerst die Schädlingsberatungsstelle in Zürich. Damals konnte er einige Fälle identifizieren. Immer noch erhalte er Informationen aus Luzern und stelle seinerseits Unterlagen und Ratschläge zur Verfügung. «Es gibt eben nicht viele Tausendfüssler-Experten.»

Es sei unmöglich, jetzt noch den Verursacher der Plage festzustellen. «Vielleicht kann man die Tiere in der Gärtnerei finden und dort den Weg unterbrechen», sagt Zimmermann.

Bis im Herbst müssen die Erstfelder noch gegen die Invasion kämpfen. Dann wird es den Tausendfüsslern aber zu kalt und sie ziehen sich aus den Gärten zurück.

Absperrband sei besser als Klebeband

Es gibt drei Methoden, um die Tausendfüssler zu bekämpfen. Das Klebeband, das in Erstfeld umfangreich eingesetzt werde, sei dabei nicht die beste Lösung, sagt Experte Zimmermann. «Das Band ist sofort voll. Und wenn schon mehrere Tiere daran kleben, können die anderen einfach über sie hinweggehen.» Besser sei, ein Absperrband, wie es die Polizei besitzt, an der Fassade zu befestigen. Die Tiere könnten den Plastik nicht überqueren und es halte wesentlich länger als Klebeband. So gelangten die Tausendfüssler wenigstens nicht in die Wohnung.

Die zweite Methode sei, einen beschichteten Schneckenzaun als Barriere aufzustellen. Die dritte Methode ist das Kieselgur. Dieses sei eine viel bessere Alternative zum Streusalz. Denn das Salz sei ein Umweltgift, Kieselgur hingegen ein Bodenverbesserer. Dabei solle es in einem überdachten Bereich auf festen Boden wie Beton oder zwischen Platten gestreut werden. Die Wirkung des Kieselgurs sei dabei ähnlich wie die des Salzes. «Beim Überqueren werden die Tausendfüssler verkratzt und das Silikat im Kieselgur trocknet die Tiere aus.»

Die Jungtiere sind das Problem

«Die Tiere können sich explosionsartig verbreiten. Vor allem wenn sie ein neues Gebiet erobern.» Es könne aber auch einen natürlichen Rückgang geben, sagt Zimmermann. In beobachteten Fällen in Österreich habe sich die Population nach zwei Jahren wieder beruhigt. «Das Problem sind die Jungtiere, die frisch aus den Eiern geschlüpft sind.» Diese hätten fast keine natürlichen Feinde, da die Blausäure der Tiere sehr giftig sei.

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