Delfinjagd in Taiji: «Die Tiere sterben wegen unserer Delfinshows»
Aktualisiert

Delfinjagd in Taiji«Die Tiere sterben wegen unserer Delfinshows»

Bei der Delfinjagd geht es nicht ums Fleisch. Das grosse Geld wird mit dem Handel von trainierten Tieren gemacht. 20 Minuten hat mit einer Umweltschützerin von Sea Shepherd über die Hatz auf Delfine in Japan gesprochen.

von
kmo

Frau Seagal, was geschieht gerade im japanischen Taiji?

Jeden Morgen früh fahren die Fischer mit zwölf Booten viele Meilen raus aufs Meer und suchen nach verschiedenen Delfin- und Walarten. Wenn sie eine Herde gefunden haben, hämmern sie auf Metallstangen, die sie ins Wasser halten. Das ist sehr schmerzhaft für die Tiere, es erschreckt und verwirrt sie. Zudem können sich die Delfine nicht mehr untereinander verständigen. So treiben sie sie in die Bucht von Taiji. Dort werden die schönsten Tiere aussortiert und die anderen den Schlachtern überlassen.

Worin besteht die Arbeit von Sea Shepherd genau?

Wir markieren Präsenz. Wir stehen jeden Morgen vor Sonnenaufgang auf und beobachten die Fischer und filmen ihre Arbeit. Das können wir nur von Land aus tun, wir würden sofort verhaftet, wenn wir mit den Fischern aufs Meer fahren würden.

Wie reagieren die Fischer auf Ihre Präsenz? Werden Sie bedroht?

Direkt bedroht werden wir nicht, nein. Aber wir werden 24 Stunden am Tag von der Polizei überwacht.

Wie lange machen Sie das schon?

Ich bin jetzt schon zum dritten Mal in Taiji vor Ort. Ich bleibe jeweils fünf bis sechs Monate, so lange dauert die Delfinjagd jedes Jahr.

Wie halten Sie das aus?

Es ist sehr schwierig. Zu sehen, wie Babys von ihren Müttern getrennt und wie die Tiere grausam getötet werden, das ist nicht einfach. Aber ich führe mir immer wieder vor Augen, wie wichtig meine Arbeit für die Delfine ist. Das hilft mir.

Ein Hechtsprung für einen Delfin

Kann man die Delfinjagd nicht mit dem Fischfang vergleichen?

Nein, denn die Delfine werden nicht in erster Linie wegen des Fleisches gejagt, sondern wegen des Profits, der mit dem Lebendverkauf gemacht wird. Ausserdem handelt es sich bei Delfinen um sehr hoch entwickelte und soziale Tiere.

Hunderte Delfine werden gerade abgeschlachtet

Oder mit dem Schlachten von Schweinen – was ist der Unterschied?

Ich bin Veganerin, deshalb bin ich generell gegen den Verzehr von Fleisch. Die Delfine werden aber sehr grausam getötet, obwohl die Fischer das stets bestreiten. Man durchtrennt ihnen mit einem Bolzen die Wirbelsäule. Dadurch werden die Delfine aber nur gelähmt. Danach ertrinken sie entweder oder sie verbluten langsam an ihren Wunden. Die Zustände in den Schlachthöfen kann ich aber ebenfalls nicht gutheissen.

Können Sie das Argument der Fischer nachvollziehen, dass die Delfine zu viel Fisch fressen?

Überhaupt nicht. Für die Überfischung der Meere sind allein die Fischer zuständig.

Und was sagen Sie zum Argument, die Delfinjagd sei Teil ihrer Tradtion?

Es geht nicht um Tradition, sondern um Profit. Wenn es um Tradition geht, warum versuchen sie dann, das Schlachten mit Tüchern vor Zuschauern zu verbergen? Wenn es wirklich um Tradition ginge, dann würden sie ihr Tun doch zeigen und darauf stolz sein.

Ist die Delfinjagd ein grosses Geschäft?

Es ist Big Business. In Taiji gibts eine ganze Delfin-Industrie mit Vergnügungsparks, Delfinarien, Museen, Hotels und Shops. Hinzu kommt der Verkauf von gefangenen Delfinen. Im Vergleich dazu ist der Fleischverkauf kaum lukrativ.

Wie viel verdienen die Fischer denn an einem Delfin?

Ein geschlachteter Delfin oder Wal bringt so 300 bis 400 Dollar, manche Arten bis zu 900 Dollar. Das ist aber nichts im Vergleich zu den Tieren, die an Delfinarien verkauft werden. Ein trainierter Delfin bringt bis zu 250'000 Dollar ein. Deshalb gibt es hier auch Trainer. Sie behaupten, dass sie die Tiere lieben, doch ich finde das heuchlerisch. Die Trainer arbeiten Hand in Hand mit den Fischern und Schlachtern.

Dann machen sich Menschen, die Delfinshows besuchen, mitschuldig an dem, was zurzeit in Taiji vorgeht?

Ja, eindeutig. Wer Geld ausgibt für eine Delfinshow oder einen Zoo mit Delfinarium, unterstützt damit indirekt die Delfinjagd in Taiji. Überhaupt: Es gibt keine glücklichen Delfine in Zoos.

Wie reagieren die Japaner auf die Delfinjagd? Ist diese auch so ein grosses Thema wie im Westen?

Viele Menschen, vor allem in den Grossstädten, wissen gar nicht, dass in ihrem Land Delfine getötet und gegessen werden. Wenn sie es erfahren, schämen sie sich für Japan. Der Tweet von Caroline Kennedy, der US-Botschafterin in Japan, hat für grosses Aufsehen gesorgt. In Japan findet ein Umdenken statt, und das gibt uns Hoffnung.

Trailer zur Dokumentation «Die Bucht» (2009):

(Quelle: YouTube/Deutsche-Kinotrailer)

Delfinjagd in Taiji

Fischer haben bei ihrer umstrittenen Jagd auf Delfine in Japan nach Angaben von Umweltschützern etwa 205 Tiere gefangen. 40 wurden offenbar bereits getötet, weitere 52 seien ausgewählt worden, um lebend an Grossaquarien und andere Kunden verkauft zu werden.

Die Tierschutz-Aktivisten sagen, sie hätten seit vier Jahren nicht mehr so viele gefangene Delfine gesehen wie dieses Jahr. Unter den Tieren, die lebend verkauft werden sollen, befinden sich den Angaben zufolge ein seltenes Albino-Kalb und seine Mutter.

Die jährliche Delfinjagd nahe Taiji rief diesmal besonders heftige Kritik im Ausland hervor, nachdem Caroline Kennedy, US-Botschafterin in Japan, das Töten der Tiere per Twitter kritisiert hatte. Japans Regierung verteidigt indes die Jagd: Das Fangen der Säugetiere erfolge gemäss dem Gesetz. Die Fischer erklärten, die Delfinjagd gehöre zu ihrer Tradition. (SDA)

Melissa Sehgal ist Leiterin des Cove Guardian der Umweltschutzorganisation Sea Shepherd. Sie ist zum dritten Mal in Taiji, wo sie zusammen mit Tierrechtsaktivisten die Delfinjagd beobachtet und dokumentiert. Wenn sie nicht für Sea Shepherd aktiv ist, arbeitet die US-Amerikaner als Krankenschwester.

Hier gehts zum Livestream von Melissa Sehgal.

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