«Time-out» mit Klaus Zaugg: Die Titanen: An ihnen führt der Weg vorbei
Aktualisiert

«Time-out» mit Klaus ZauggDie Titanen: An ihnen führt der Weg vorbei

Drei Mannschaften sind in der NLA das Mass aller Dinge. An ihnen, so glaubt 20-Minuten-Online-Kolumnist Klaus Zaugg, führt der Weg zum Meistertitel vorbei.

Drei NLA-Mannschaften haben das Potenzial, den Meistertitel auch dann zu gewinnen, wenn alle Gegner in guter Form sind. Zum ersten Mal seit dem Aufstieg im Jahr 2002 gehört Servette zu den Titanen der Liga. Und damit gehört zum ersten Mal seit Einführung der Playoffs (1985/86) eine rein welsche Mannschaft zu den Favoriten.

Die ZSC Lions - Ari Sulander wie Dino Zoff?

Vielleicht war ja der ZSC, der 1961 den Titel geholt hat, noch besser als die Ausgabe von heute. Aber mit Sicherheit haben die Zürcher seit 1961 nie mehr eine so starke Mannschaft gehabt. Die ZSC Lions sind ausgeglichen, gut ausbalanciert und haben so viel Entwicklungspotenzial, dass sie in den nächsten Jahren mehrere Titel gewinnen könnten.

Mit Superlativen vor einer Saison sollte man vorsichtig sein. Aber zumindest theoretisch sind die «Löwen» so gut wie noch nie.

Die Mischung stimmt. Und erstmals seit den Zeiten, als Simon Schenk noch autoritär war, sitzt mit Peter Zahner wieder ein Mann im Manager-Büro, der die enormen Energien zu kontrollieren vermag. Aus dem Zirkus ist ein Sportunternehmen geworden.

Stellt sich die Frage, ob es klug war, vor dem Saisonende schon Sean Simpson als Trainer zu verpflichten und auf eine Vertragsverlängerung mit Harold Kreis zu verzichten.

Die Antwort ist ja. Denn unter Kreis wären zu viele meisterliche Helden bequem geworden. So wie sie es während der letzten Qualifikation oft waren.Unter Simpson muss wieder jeder ans Limit gehen. Eine meisterliche Selbstzufriedenheit wird die Löwen nicht zahm machen. Diesmal spielen sie von Anfang an vorne mit.

Sind die ZSC Lions also schon Meister?

Nein. Nicht die nominell beste Mannschaft gewinnt die Meisterschaft. Sondern jene, die von Ende Februar bis Mitte April das beste Eishockey spielt - und die den besten Torhüter hat.

Ari Sulander wird am 6. Januar 40 Jahre alt. Vor 26 Jahren, im Sommer 1982, hat zum letzten Mal ein Torhüter exakt in diesem Alter eine grosse Meisterschaft entschieden: Dino Zoff holte mit Italien den WM-Titel.

Fussball ist nicht Eishockey. Aber irgendwie ähnelt Ari Sulander immer mehr Dino Zoff. Einer der legendären Sprüche von Zoff könnte auch von Sulander stammen: «Lieber still sein als Banalitäten von sich geben.»

Sichere Wetten: 1. Die ZSC Lions erreichen den Playoff-Final. 2. Oliver Kambers Name taucht noch vor Weihnachten in den Transfergerüchten auf. 3. Lukas Flüeler, der Torhüter Nummer zwei, wird keine zehn Partien spielen.

Stärken: 1. Torhüter Ari Sulander weiss, wie man Meisterschaften gewinnt. 2. Trainer Sean Simpson weiss, wie man Meisterschaften gewinnt. 3. Jean-Guy Trudel wird alles tun, um eine Meisterschaft zu gewinnen.

Schwächen: 1. Fünf erstklassige Ausländer. Aber nur vier dürfen spielen. Früher oder später kommt es zum Eklat. 2. In der Medienhauptstadt Zürich können auch erfolgreiche ZSC Lions nicht in Frieden leben. 3. Ist die physische Verfassung gut genug, um während der ganzen Saison die Qualifikation zu dominieren und im europäischen Klubwettbewerb Vollgas zu fahren?

Servette - Chris McSorley wie Gaston Pelletier?

Servettes Trainer, Manager und Besitzer Chris McSorley hat letzte Saison alles richtig gemacht. Am Schluss fehlten lediglich zwei Siege zum Gewinn der Meisterschaft. Und McSorley hat auch im Sommer wieder alles richtig gemacht.

Deshalb ist Servette jetzt noch besser. Ausgeglichener, schneller, härter und mit noch besseren Ausländern bestückt. Gut genug, um die Meisterschaft zu gewinnen. Toni Salmelainen ist einer der schnellsten Stürmer ausserhalb der NHL. Und Byron Ritchie ist einer der bissigsten Center der Liga.

Chris McSorley hat aber nicht die nominell besten Schweizer Spieler der Liga unter Vertrag. In einem Talentwettbewerb hätten die Genfer gegen die ZSC Lions, den SC Bern oder Lugano kaum eine Chance - und grösste Probleme gegen Zug oder Davos. Einige der Servette-Schweizer haben hölzerne Hände - aber jeder hat schnelle Füsse oder ist taktisch so gut ausgebildet, dass er richtig steht und die kürzesten Wege fährt. Jeder spielt diszipliniert nach einem einfachen Konzept und über dem Nettowert seines Talentes.

Ein Drittel der Spieler, die im System von Servette gute NLA-Spieler sind, könnten bei anderen Mannschaften keine tragende Rolle spielen. Darum gilt: Hüte dich vor einem Transfer von Spielern, die Chris McSorley nicht mehr wollte. Zwei Beispiele: Kevin Romy oder Philippe Rytz haben in Lugano bzw. Bern nie mehr das gleiche Niveau erreicht wie sie einst bei Servette hatten.

Das Spiel der Genfer ist perfekt organisiert und doch nie berechenbar. Mit ein paar taktischen Handgriffen passt es Chris McSorley den jeweiligen Gegnern oder Situationen an. An der Bande wird keine andere Mannschaft so gut dirigiert wie Servette. Deshalb ist es selbst mit dem besten Powerhockey fast unmöglich geworden, auch nur den vierten Block der Westschweizer auszuspielen.

Kommen die Genfer ohne Verletzungspech durch die Qualifikation, dann sind sie Favorit Nummer zwei hinter den ZSC Lions. Die Zürcher haben den besseren Torhüter, die kräftigeren Verteidiger und die noch grössere Ausgeglichenheit

Sollte Servette die Meisterschaft im Laufe der nächsten fünf Jahre gewinnen, dann wäre es ein logischer und verdienter Titel. Das Resultat einer beharrlichen Aufbauarbeit, einer Strategie, die jedes Jahr die Mannschaft ein bisschen konkurrenzfähiger gemacht hat.

Die Finalqualifikation von 2008 war ein Schritt in Richtung Meisterschaft. Gewinnt Servette nun den Titel, wäre dies die erste Meisterschaft eines hundertprozentig welschen Teams seit 1973, als Gaston Pelletier (mit Fribourgs Trainer Serge Pelletier nicht verwandt) mit dem HC La Chaux-de-Fonds den Titel holte.

Chris McSorley wie Gaston Pelletier?

Sichere Wetten: 1. Servette wird im Laufe der nächsten fünf Jahre eine Meisterschaft gewinnen - wenn Chris McSorley bleibt. 2. Chris McSorley wird im Laufe der Saison mehr als einmal wegen Schiri-Beschimpfung mit einer Bankstrafe belegt. 3. Kommt es zu einer Playoffserie gegen den SC Bern, dann gewinnt Servette.

Stärken: 1. Perfektes Spielkonzept. 2. Noch besser Ausländer als letzte Saison. 3. Die absolute Autorität von Chris McSorley. 3. Tempofestigkeit aller vier Blöcke.

Schwächen: 1. Torhüter Gian-Luca Mona ist ein guter, aber nach wie vor kein grosser Torhüter wie dies Ari Sulander ist. 2. Fünf Ausländer, aber nur vier dürfen spielen - und diesmal ist die Nummer fünf, anders als letzte Saison, nicht im voraus klar definiert. 3. Nach wie vor in der Verteidigung grosse Abhängigkeit von Goran Bezina.

SC Bern - Travis Roche wie Sylvain Lefebvre?

Wer um alles in der Welt ist denn Sylvain Lefebvre - werden Sie sich vielleicht nun fragen. Die Antwort: Er ist der Mann, der dem SC Bern im Frühjahr 2004 den bisher letzten Meistertitel beschert hat.

Ausländische Verteidigungsminister sind das Merkmal aller SCB-Meisterteams in den Zeiten der Playoffs: Der göttliche Reijo Ruotsalainen dirigierte die meisterlichen Berner von 1989, 1991 und 1992 an der blauen Linie wie Herbert von Karajan die Berliner Philharmoniker. Kesselpauken inklusive. Der böse Ville Siren rumpelte den SCB 1997 zur Meisterschaft. Und 2004 sorgte der NHL-Saurier Lefebvre, erst in der Schlussphase der Qualifikation verpflichtet, für eine meisterliche Defensivorganisation.

Wenn wir also wissen wollen, ob der SCB wieder einmal Meister wird, dann brauchen wir nur die Formkurve des neuen ausländischen Verteidigers Travis Roche zu überprüfen. Er kommt mit seinem Genie dem unvergesslichen Ruotsalainen am nächsten. Aber in seinem Spiel gibt es einen fliessenden Übergang vom Genie zum Wahnsinn.

Hängt das meisterliche Glück wirklich nur am ausländischen Verteidiger?

Natürlich nicht.

Der SCB könnte eine Hockeymaschine sein, die alle ihre Gegner überrollt und unangefochten den Titel einfährt.

Aber: Es geht den Bernern zu gut. Der francophone Kern der Mannschaft rund um die «Diva» Christian Dubé lebt schon zu lange in der Komfortzone. Zu viele haben zu viel Talent. Zu wenig Biss. Und zu viel Macht.

Darum ist Martin Plüss verpflichtet worden. Er hat den Auftrag, die Hierarchie aufzumischen, die welschen Frösche aus der Bequemlichkeitszone zu vertreiben und meisterliche Unruhe in die Kabine zu tragen.

Sagen Sie mir im Januar, ob Martin Plüss der neue Leitwolf beim SC Bern geworden ist und ich sage Ihnen, ob es im April in der nach Montreal schönsten Eishockeystadt der Welt einen Umzug für die meisterlichen Helden gibt.

Sichere Wetten: 1. Der SC Bern wird wieder den höchsten Zuschauerschnitt ausserhalb der NHL haben. 2. Patrik Bärtschis Name taucht noch vor dem Saisonende in den Transfergerüchten auf. 3. Christian Dubé und Martin Plüss werden im Sommer 2009 nicht gemeinsam in die Ferien reisen.

Stärken: 1. Sportchef Sven Leuenberger ist wild entschlossen, den grantigen Trainer John van Boxmeer durch alle Böden hindurch zu stützen. 3. Marco Bührer ist der beste Schweizer Torhüter ausserhalb der NHL. 3. Die stärkste, aufregendste und stimmungsvollste Eishockeykultur ausserhalb der NHL.

Schwächen: 1. Der francophone Einfluss («Dubé-Bande») ist nach wie vor zu gross. 2. Trainer John van Boxmeer unterschätzt den Einfluss der «Dubé-Bande». 3. Christian Dubé ist ein wunderbarer Eishockeyspieler, aber er ist (noch?) keine Leaderfigur wie Mark Messier.

Klaus Zaugg, 20 Minuten Online

Klaus Zaugg beurteilt im Vorfeld des Meisterschaftsstarts alle 12 NLA-Teams in einer vierteiligen Serie. Diese begann am Dienstag mit den «Miserablen» (siehe Kontext-Box) und endet heute Freitag mit den «Titanen».

Deine Meinung