Aktualisiert 26.10.2010 09:26

«Time-out»

Die Titanic versinkt im Froschteich

Luganos tapferer Trainer Philippe Bozon (44) gibt nicht auf: Er verbannt vorübergehend drei Spieler aus der Mannschaft. Der Anfang vom Ende seiner Amtszeit?

von
Klaus Zaugg
Timo Helbling (l.) wurde von Lugano-Trainer Philippe Bozon zum Sündenbock gemacht. (Bild: Keystone)

Timo Helbling (l.) wurde von Lugano-Trainer Philippe Bozon zum Sündenbock gemacht. (Bild: Keystone)

Haudegen Timo Helbling (29), der in der Sänfte eines Sechsjahresvertrages ruhende Raffaele Sannitz (27) und der Schillerfalter Oliver Kamber (31) sind die Sündenböcke für das schmähliche 1:9 in Langnau. Sie dürfen nicht zum Auswärtsspiel nach Fribourg reisen.

Was fällt uns auf? Es geht nicht darum, dass alle drei nicht so richtig in Form sind. Wichtiger ist eine andere Gemeinsamkeit: Die Muttersprache dieses Trios ist nicht Französisch.

Fehlende Form

Der zornige Bozon hätte beispielsweise genau so gut Sébastien Reuille (29) suspendieren können. Es hat die miserabelste Plus/Minus-Bilanz aller Stürmer (-7). Sannitz (-3) und Kamber (-5) sind weniger schwach. Aber Reuille kommt aus dem Welschland. Statistisch lässt sich hingegen die «Sündenbockisierung» von Helbling begründen: Mit -17 hat er die mit Abstand schlechtesten Werte des Teams und er hat in elf NHL-Partien mehr Skorerpunkte produziert als in den 17 Spielen dieser Saison - nämlich einen...

Aber Helbling ist auch deshalb ausser Form, weil er mit seinem beschränkten Talent (er ist ein uriger Abräumer) nach Auflösung der defensiven Ordnung alleine im Regen steht. Der leidenschaftliche Kämpfer ist wenigstens einer der Wenigen, die sich über die Krise aufregen.

«French frogs»: Weich und nicht krisenresistent

Ich mache mich hier der politischen Unkorrektheit schuldig: «French frogs» («welsche Frösche») ist zwar in Nordamerika eine gängige Bezeichnung für frankophone Spieler und ein Hockeywort wie Check und Coach. Aber es wird heute in Kanada als rassistisch taxiert. Die Bezeichnung kommt daher, weil frankophone Spieler als weich und nicht krisenresistent kritisiert werden.

Die welschen Spieler Julien und Tristan Vauclair, Flavien Conne, Kevin Romy, Sébastien Reuille und David Aebischer bilden beim HC Lugano eine frankophone Fraktion. Julien Vauclair (mit Unterbruch seit 1997), David Aebischer (seit 2007), Flavien Conne (seit 2000), Kevin Romy (seit 2005) und Rückkehrer Reuille bilden so etwas wie den weichen harten Kern des Teams.

Politik spielt bei Bozon keine Rolle

Trainer Philippe Bozon ist der beste französische Hockeyspieler aller Zeiten. Mit NHL-Erfahrung. Mit Kultstatus als Spieler in Lugano. Er hat natürlich Helbling, Sannitz und Kamber aus rein sportlichen Überlegungen suspendiert. Politik spielt keine Rolle.

Natürlich spielt Politik eine Rolle. Jeder Trainer hat seine «Leibgarde» in der Garderobe. Spielern, denen er vertraut. Bei Bozon sind es die welschen Kollegen. Lugano ist nach den Montreal Canadiens die teuerste welsch geprägte Mannschaft der Welt. Sozusagen die Titanic des welschen Hockeys. Nun versinkt sie in Bozons «Froschteich».

Team in zwei Gruppen gespalten

Lugano hätte genug nichtwelsche Spieler im Team um eine bessere Chemie in der Garderobe zu mischen. Aber Bozon setzt einseitig auf seine «welschen Frösche» und damit hat er die Mannschaft in zwei Fraktionen gespalten: In die Welschen und die mit den Deutschweizern verbündeten Ausländer. Der Finne Petteri Nummelin ist der wichtigste Einzelspieler. Aber der beste Verteidiger der letzten WM ist von Bozon wegen mangelnder Leistung zwischendurch auf die Tribune gesetzt worden - kurz nachdem er ein Aufgebot für die finnische Nationalmannschaft bekommen hatte. Die finnischen Coaches hatten ihn beobachtet und ihm eine gute Form attestiert. Oder einfacher ausgedrückt: Bozon und Nummelin sind hoffnungslos verkracht. Harmonie und Kommunikationskultur war beim Turmbau zu Babel besser als heute in der Kabine des HC Lugano.

Was bewirken die Suspendierungen von Kamber, Sannitz und Helbling? Nichts. Sie erhöhen bloss den Unterhaltungswert der Lugano-Krise und verderben den Zusammenhalt noch mehr. Eine Mannschaft gewinnt und verliert zusammen. Diese willkürliche «Sündenbockisierung» von drei Spielern mag nach Aussen nach tatkräftiger Führung aussehen. Ist aber in Tat und Wahrheit eine Verzweiflungstag. Kamber, Sannitz und Helbling können unter Bozon nicht mehr ins Team integriert werden.

Besserung nicht in Sicht

Natürlich ist eine so talentierte Mannschaft wie Lugano dazu in der Lage, in einer wilden Trotzreaktion ein paar Spiele zu gewinnen. Eine langfristige Besserung und eine Rückkehr in die Spitzengruppe ist unter Bozon hingegen nicht mehr möglich. Er ist zwar im besten Sinne des Wortes ein «Guerrier» - so nennen die Francokanadier eine Kämpfernatur. Für Bozon kommt Nachgeben nicht in Frage. Das ehrt ihn. Aber es hilft ihm nicht.

Del Curto, eine Million und alle Vollmachten

Sportdirektor Roland Habisreutinger sieht das alles halb so dramatisch. Gemäss Habisreutinger leistet Bozon hervorragende Arbeit und die Mannschaft funktioniert. Da will auch ich positiv sein. Eine boshafte Analyse ist ja einfach. Deshalb ein Vorschlag, wie es in Lugano wieder aufwärts gehen könnte. Eigentlich ist es recht einfach: Offeriert Arno Del Curto eine Million pro Jahr und gebt ihm alle Vollmachten - dann löst er nächste Saison eine Revolution aus wie einst in den 1980er Jahren der Schwede John Slettvoll.

Kurzfristig hilft bereits das Engagement eines nicht französisch sprechenden Nothelfers bis Saisonende und ein Wechsel auf der Torhüterposition. Warum nicht mal David Aebischer auf die Tribune setzen und einen Ausländer ins Tor stellen? Mein Vorschlag: Warum nicht Ander Alcaine (19) aus der Hockeyabteilung des FC Barcelona? Das Lohn-Leistungsverhältnis würde bei Spaniens Antwort auf Benjamin Conz stimmen. Er stoppte an der letzten D-WM in Sofia für Spanien (Weltrangliste Nr. 30) exakt 90,15 Prozent der Schüsse. Aebischers aktuelle Abwehrquote liegt bei 88,58 Prozent.

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