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«Pimp my Hödi»Die Töffli-Buben sterben aus

Wer in den 1980er-Jahren in der Pubertät war und ein echter Kerl sein wollte, liess sein Sackgeld von einem Puch oder einem Belmondo verdunsten. Die Zeiten sind vorbei: Die Töffli-Buben sterben aus.

Vom Aussterben bedroht: Die Töffli-Buben.

Vom Aussterben bedroht: Die Töffli-Buben.

Keystone

Vor 30 Jahren war das Töffli das Fahrzeug der Schweizer Jugend schlechthin. Mit verlängerter Gabel, einer Sitzbank statt eines Sattels, mit einer verchromten Rückenlehne, mit Stollenpneus und einem Gitterchen vor der Lampe wurden die Schnäpperli und Hödis aufgemotzt - und mit allerlei verbotener Tricks schnell gemacht.

Mit einer Vokuhila-Frisur (vorne kurz, hinten lang) und ohne Helm war das Gefühl der Freiheit gross. Mit 14 wähnte sich manch ein Teenager «Easy Rider»-like auf der Route 66 in den USA, wenn er jeweils von der Agglomeration in die Stadt in den Ausgang fuhr - meist im Konvoi, oft einen Velofahrer an der Schulter «angehängt».

Helmobligatorium

Der Drang nach einem motorisierten Untersatz ist heute bei den 14- Jährigen nicht mehr so gross wie in den 1980er-Jahren. Das hat viele Gründe, wie der St. Galler Zweirad-Händler Bruno Pfiffner weiss. Er verkaufte letztes Jahr knapp zehn neue Motorfahrräder, vor gut 25 Jahren setzte er gleich viele ab - allerdings pro Woche.

Die Töffli-Baisse begann laut Bruno Pfiffner im Jahr 1990 mit der Einführung des Helmobligatoriums. Viele ältere Fahrer waren nicht bereit, einen Helm zu tragen. Früher standen vor den Landbeizen viele Töfflis - die meisten von ihnen hatten eine orange Pellerine auf dem Gepäckträger. Dieses Bild ist heutzutage quasi inexistent.

Heute viel teurer

Bei den Jungen sind die Schnäpperli nicht mehr en vogue, weil sie mit 16 einen Roller fahren dürfen. «Für zwei Jahre kauft sich ein Teenager kein Töffli», sagt Pfiffner. Der Zweirad-Händler erinnert sich: «In den 80er-Jahren kostete ein Puch Maxi automatic exakt 999 Franken.» Heute gebe es ein neues Töffli erst ab rund 2500 Franken.

Als vor Jahren der Mountain-Bike-Boom einsetzte und unlängst die E-Bikes auf den Markt kamen, setzte das dem Töffli noch mehr zu. Gemäss Bruno Pfiffner produzieren Firmen wie Puch und Sachs schon seit Jahren keine Motorfahrräder (offizielle Bezeichnung) mehr.

Frisiert wird kaum mehr

Viele Teenager verbrachten vor 30 Jahren einen beträchtlichen Teil ihrer Freizeit in einer zur Werkstatt umfunktionierten Autogarage. Dort wurde an den Puchs, Belmondos, Sachs', Ponys, Ciaos und Herkules' herumgebastelt und herumgetüftelt. Auch Buben mit zwei linken Händen avancierten zum Mechaniker eines Tempo-30-Boliden.

Ein kleines rausgefeiltes Fensterchen im Kolben wirkte Wunder, genau so wie ein grösserer Ritzel: Sofort lief das Statussymbol 40 bis 50 km/h - was nicht mehr mit der Leistung der Bremsen im Einklang stand und darum der Polizei ein Dorn im Auge war.

Hödi in Einzelteile zerlegt

War der Fahrer einmal in eine Kontrolle geraten, wurde der frisierte Puch Velux auf eine Rolle gestellt, die Geschwindigkeit nach Abzug einer Toleranz Schwarz auf Weiss festgehalten und der Tuning-Experte mit einer Busse belegt. Zu allem Elend wurde ihm das geliebte Töffli in seine Einzelteile zerlegt wieder zurückgegeben.

Hans-Peter Krüsi, Sprecher der St. Galler Kantonspolizei, sagte gegenüber der Nachrichtenagentur SDA, im vergangenen Jahr seien im Kanton St. Gallen weniger als zehn frisierte Töffli aus dem Verkehr genommen worden. Wie viele es vor 30 Jahren gewesen waren, kann nicht eruiert werden; es waren wohl gleich viel - in der Woche. (sda)

«Das Töffli ist Kult»

Adrian Müller (38) aus Buttisholz ist Betreiber der Internet-Site www.30ccm.ch. In seiner Datenbank befinden sich die Namen von rund 45 Töffli-Romantikern. Knapp die Hälfte von ihnen macht im Mai eine Ausfahrt ins Ausland. Für Müller ist klar: «Das Töffli ist Kult.»

Er will festgestellt haben, dass in den Gemeinden Buttisholz, Willisau und Wolhusen das Motorfahrrad gegenwärtig ein Revival erlebt und beliebter ist als die schnelleren und grösseren Roller.

Der 30ccm-Klub sei kein Verein, sondern eine Gruppierung ohne Statuten. Die in der Datenbank erfassten Mitglieder teilen die Faszination «Hödi». Einmal im Jahr wird eine zweitägige Ausfahrt unternommen; dieses Jahr führt sie nach Freiburg im Breisgau D.

Das Grösste am Töfflifahren seien die Jugenderinnerungen. «Da kann ich wieder ein bisschen Bub sein», sagt Müller. Die Männer, die gemeinsan nach Freiburg «hötterlen», sind im Alter von 25 bis 58.

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