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Krank vom Arbeiten«Die Tränen liefen mir nur noch runter»

Sie fühlen sich «ausgepresst wie Zitronen»: Der Job macht immer mehr Menschen krank. Betroffene erzählen.

von
J. Büchi
Miriam L.* (Bild) kam gegen Ende ihrer Elektroplaner-Lehre kaum mehr aus dem Bett.

Miriam L.* (Bild) kam gegen Ende ihrer Elektroplaner-Lehre kaum mehr aus dem Bett.

Kein Anbieter/ZVG

Die Zahl der kranken Arbeitnehmer hat einen Höchststand erreicht. Immer mehr Personen leiden unter psychischen Krankheiten, Rückenschmerzen oder Migräne, weil ihnen die Arbeit über den Kopf wächst. Der spezialisierte Arzt Christoph Bovet sagt zu 20 Minuten, der Grossteil der Betroffenen sei 20 bis 45 Jahre alt. «Viele fühlen sich wie ausgepresste Zitronen. Im Job müssen sie nur noch strampeln.» Zahlreiche Betroffene haben sich auf der Redaktion gemeldet. Wir haben mit drei von ihnen gesprochen.

Miriam L.* (21): «Das Bett hat mich wie gefesselt»

Es war ein paar Tage vor der Lehrabschlussprüfung, als Miriam L.* plötzlich schwarz vor Augen wurde. Der Lehrmeister hatte die angehende Elektroplanerin gerade mit neuen Aufgaben eingedeckt – um acht Uhr abends. «Ich sagte, ich könne nicht mehr, aber mein Chef meinte nur: Das schauen wir jetzt noch an.» Als L. aufstehen wollte, verschwamm der Bildschirm vor ihren Augen, sie taumelte. Ihr Freund holte sie schliesslich mit dem Auto ab.

«Am Morgen hat mich mein Bett wie gefesselt, ich schaffte es fast nicht mehr, aufzustehen», so die junge Frau. Und sobald sie abends nach Hause gekommen sei, seien «die Tränen nur noch runtergelaufen». Teilweise habe sie als Auszubildende sechs Projekte betreut. «Ich fühlte mich so klein im Büro und getraute mich nicht, mich zu wehren.»

Irgendwann überzeugte die Mutter sie, zum Arzt zu gehen. Dieser schlug Alarm: Sie weise alle Anzeichen eines Burn-out-Syndroms auf. Gegen die Migräne, die sie plagte, verschrieb er ihr starke Medikamente und wollte sie ein bis zwei Monate krankschreiben. «Aber ich wollte die Lehrabschlussprüfung noch durchziehen – und das schaffte ich schliesslich auch, wenn auch nur knapp.» Nachdem sie alle Ferien und Überzeit eingezogen hatte, die ihr noch zustanden, insgesamt sieben Wochen, fand sie einen neuen Job. «Hier geht es mir besser: Das Umfeld ist sehr familiär und jeder betreut nur ein Projekt.»

Markus S. (43): «Ich füllte mir, auf Deutsch gesagt, die Lampe»

Markus S. arbeitete in einem Boom-Geschäft: Auf einer kleinen Bank war er für die Hypotheken zuständig. «Als die Zinsen in den Keller rasselten, schnellten die Geschäfte in die Höhe und die Papierflut auf meinem Pult wuchs.» Jeden Abend stapelten sich mehr übrig gebliebene Dossiers. «Es war für eine Person schlicht zu viel», so S.

In der Folge litt er an Schlafstörungen. «Mit nur zwei bis drei Stunden Schlaf pro Nacht wurde es zunehmend schwieriger, die volle Leistung abzurufen.» Später seien Alkoholprobleme dazugekommen. «Ich füllte mir, auf Deutsch gesagt, die Lampe, um überhaupt noch einschlafen zu können.» Als der Chef bemerkte, dass S. morgens immer öfter mit einer Fahne zur Arbeit erschien, schickte er ihn in die Suchtberatung.

Nachdem er mehrmals unentschuldigt nicht zur Arbeit erschienen war, folgte die Kündigung. Während dreier Jahre liess sich S. therapieren, heute arbeitet er Teilzeit auf Stundenlohnbasis als Auslieferungs-Chauffeur. «Ich verdiene zwar nur noch einen Drittel von meinem früheren Lohn und lebe unter dem Existenzminimum – mental gehts mir aber wesentlich besser, und den Alkohol habe ich im Griff.»

Anna B.* (30): «Wir sind doch keine Maschinen!»

Anna B. erlitt vor eineinhalb Jahren einen heftigen Schub der chronischen Darmentzündung Morbus Crohn. Als die Krankheit ausbrach, arbeitete sie im Lebensmittelbereich in einem grossen Konzern. Es mangelte an allen Ecken und Enden an Personal. «Aber die Chefetage sagte, wir hätten zu wenig Umsatz gemacht, um zusätzliche Leute einzustellen.» So übernahm B. zusätzliche Aufgaben, arbeitete von sieben Uhr morgens bis sieben Uhr abends, bei je einer Stunde Arbeitsweg.

«Plötzlich bekam ich Durchfall, starke Krämpfe und Rückenschmerzen.» Laut dem Arzt ist die Krankheit typischerweise stressbedingt. Medikamente und Therapien schlugen nicht an. «Ich sitze täglich bis zu 20-mal auf dem Klo.» Bis heute ist B. komplett krankgeschrieben. «Falls ich jemals wieder normal arbeiten kann, dann sicher nicht mehr im Verkauf», so B. «Es ist verrückt, wie man immer mehr von den Menschen verlangt – wir sind doch keine Maschinen!»

*Namen von der Redaktion geändert

Gesundheit am Arbeitsplatz

Schweizer Arbeitnehmer wechseln immer häufi ger den Job. Umso mehr sind Firmen gefordert, als attraktive Arbeitgeber Angestellte längerfristig an sich zu binden. Dabei hilft das Label «Friendly Work Space» der Stiftung Gesundheitsförderung Schweiz. Es bescheinigt Firmen, dass ihr Arbeitsumfeld von Respekt und Wertschätzung gegenüber den Mitarbeitern geprägt ist. In einer Serie berichtet 20 Minuten über die Thematik Gesundheit am Arbeitsplatz. Es geht um Aspekte wie Burn-out, Grossraumbüros oder Vereinbarkeit von Familie und Karriere. friendlyworkspace.ch

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