Geheim-Geburt: «Die Trennung vom Baby ist äusserst schmerzlich»

Aktualisiert

Geheim-Geburt«Die Trennung vom Baby ist äusserst schmerzlich»

Die Gegner von Babyklappen werben für das Modell der vertraulichen Geburt. Sibil Tschudin, Expertin für gynäkologische Sozialmedizin, ist skeptisch.

von
jbu
Oft entscheidet sich die Mutter doch gegen die Adoption, wenn das Kind einmal da ist. (Symbolbild)

Oft entscheidet sich die Mutter doch gegen die Adoption, wenn das Kind einmal da ist. (Symbolbild)

Petro Feketa

Frau Tschudin, Gegner des Babyfensters propagieren die vertrauliche Geburt als Alternative. Mit wie vielen Frauen hatten Sie schon zu tun, die im Geheimen geboren haben?

Pro Jahr kann man die Fälle an einer Hand abzählen. Allerdings gibt es ganz verschiedene Gründe, warum eine Frau nicht will, dass ihr Name und die Geburt ihres Kindes publik werden. Nicht alle, die vertraulich gebären, geben ihr Kind anschliessend zur Adoption frei.

Warum wollen Frauen sonst geheim gebären?

Das kann sein, weil sich eine Frau in einer schwierigen Beziehung oder psychischen Situation befindet. Weil sie vielleicht eine Trennung hinter sich hat und vom Ex-Partner bedroht wird. Oft geht es darum, sich selber und das Kind zu schützen. Jeder Fall ist anders, man kann nicht generalisieren.

Wie läuft eine vertrauliche Geburt ab?

Wenn die Frau das wünscht, werden ihre persönlichen Daten zwar erfasst – ihr wird anschliessend aber ein Pseudonym zugeordnet, mit dem sie vom medizinischen Personal auch angesprochen wird. Im Fall einer Adoptionsfreigabe kommen nochmals ganz andere Mechanismen in Gang, die gesetzlich geregelt sind.

Wie sehen diese aus? Kann eine Frau, die ihr Kind zur Adoption freigeben will, nach der Geburt einfach wieder gehen?

Zunächst einmal: Viele Betroffenen «wollen» ihr Kind nicht zur Adoption freigeben, manche trennen sich unter äusserst schmerzlichen Umständen von ihrem Baby. Auch Mütter, die ihr Kind in die Babyklappe legen, tun dies möglicherweise, weil sie es einfach nicht behalten können. Zum Beispiel weil sie unverheiratet schwanger geworden sind und ihr Umfeld ein Kind in dieser Situation nicht akzeptieren würde. Nur wenige fällen diesen einschneidenden Entscheid, weil sie sich nicht bereit fühlen, Mutter zu werden. Natürlich kann eine Frau das Spital verlassen, wenn sie will. Rechtskräftige Schritte hin zu einer Adoption können aber frühestens sechs Wochen nach der Geburt eingeleitet werden.

So lange hat eine Frau also noch Zeit, zurückzukehren und ihr Kind abzuholen?

In den meisten Fällen findet eine Frau, die eine Freigabe zur Adoption in Betracht gezogen hat, heute so oder so eine andere Lösung, wie zum Beispiel die vorübergehende Betreuung des Kindes in einer Pflegefamilie. Wenn das Baby einmal da ist, merkt sie, dass die Bande zwischen ihr und dem Kind zu stark sind, um endgültig durchtrennt zu werden.

Ganz grundsätzlich: Ist die vertrauliche Geburt aus Ihrer Sicht eine Alternative zur Babyklappe?

Da stellt sich wohl erst die Frage, wozu Babyklappen dienen sollen. Es hat sich gezeigt, dass damit nicht verhindert werden kann, dass eine verzweifelte Frau ihr Kind umbringt. Frauen, die sich in einem solchen Ausnahmezustand befinden, schaffen es nämlich gar nicht, ihr Kind in eine Babyklappe zu legen. Ich glaube, vielen Leuten, die sich öffentlich zu diesem Thema äussern, ist das nicht bewusst. Sofern wir schwangere Frauen in Not rechtzeitig erreichen können, ist Mutter und Kind mit einer vertraulichen Geburt sicher viel mehr gedient.

Nun wird auch über das Modell der anonymen Geburt diskutiert, bei dem gar keine persönlichen Daten erfasst würden. Wie verhält es sich damit?

Das ist aus meiner Sicht keine gute Lösung und aus juristischen Gründen auch nicht zulässig, da die Rechte des Kindes nicht gewahrt werden. Ein Kind hat ein Recht darauf zu erfahren, wer seine Eltern sind .

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