Judenverfolgung: Die Trümmer der Pogromnacht
Aktualisiert

JudenverfolgungDie Trümmer der Pogromnacht

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 schlugen die Nazis zu: Jüdische Geschäfte wurden geplündert, Synagogen abgefackelt, Juden verprügelt, verhaftet, umgebracht. Ein Journalist hat jetzt einen der Orte entdeckt, wo die Nazis den Schutt der Gewaltorgie entsorgten.

Yaron Svoray, 54, ein israelischer Journalist, recherchierte für einen Artikel über die Jagdhütte von Hermann Göring nordöstlich von Berlin, als ihn der alte Förster des Orts, der 1938 ein kleiner Junge gewesen war, auf einen Schuttplatz hinwies.

Svoray, Sohn von Holocaust-Überlebenden und ehemaliger Privatdetektiv, begann zu graben und fand innerhalb von zwei Stunden Gegenstände wie mit einem Davidstern verzierte Flaschen, Mesusen (Kapseln am Türpfosten, die einen Thora-Text enthalten) oder Reste von Synagogenstühlen: Überreste der Pogromnacht vom November 1938 (siehe InfoBox).

Trümmer der Gewaltorgie

Bei dem Pogrom hatten die Nazis in grossem Stil jüdische Geschäfte, Einrichtungen und Privatwohnungen geplündert und zerstört. Die Trümmer der Gewaltorgie hatten sie per Güterzug zu dem Schuttplatz in Brandenburg transportiert und dort auf einer Fläche von vier Fussballfeldern entsorgt. «Ich begriff die historische Bedeutung des Funds erst, als ein Historiker mich darauf hinwies», erklärte Svoray der britischen Zeitung «The Guardian».

Die meisten Einrichtungsgegenstände in den etwa 1400 zerstörten Synagogen seien gestohlen worden, meint der britische Historiker Martin Gilbert («Kristallnacht: Prelude to Destruction»). Ebenso seien die meisten Gegenstände in den zerstörten Geschäften von den Plünderern oder Nachbarn entwendet worden. Vieles wurde ein Opfer der Flammen. Es werde interessant sein, in Erfahrung zu bringen, was genau hier abgeladen worden sei.

Kein eBay für Skinheads

Svoray hütete sich zunächst, seinen Fund publik zu machen. Er fürchtet, der Ort könnte rechtsextreme Schatzjäger anziehen. «Es gibt hier keinen Schatz, aber die Gefahr besteht dennoch, dass das hier zu einer Art Skinhead-eBay-Zirkus wird», meint er.

(dhr)

Die brennende Synagoge in der Fasanenstrasse in Berlin am 9. November 1938

(AP Photo)

Reichspogromnacht 1938

Das Pogrom war von langer Hand geplant und gut organisiert. Im Herbst 1938 zeigte das Nazi-Regime mit aller Deutlichkeit, welche Zukunft es für die jüdische Bevölkerung im NS-Staat vorgesehen hatte: keine.

Überall im «Grossdeutschen Reich» zerstörten SA-Trupps — meist in Zivil — jüdische Geschäfte, drangen in Privatwohnungen ein und schikanierten und misshandelten Juden. Die Synagogen, nahezu alle im gesamten Reichsgebiet, wurden systematisch in Brand gesteckt. Hunderte Juden kamen ums Leben, Tausende wurden verhaftet und in Konzentrationslager geführt, wo viele von ihnen später umkamen.

Das Pogrom, von den Nazis euphemistisch «Reichskristallnacht» genannt, markiert den Übergang von der Politik der Ausgrenzung der jüdischen Bevölkerung zur Verfolgung und schliesslich Vernichtung.

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