Aktualisiert 19.06.2012 13:59

Gastgeber unter Druck

Die Tücken des Heimvorteils

Mit nur zwei Punkten geht Polen als zweitschlechtester EM-Gastgeber in die Geschichte ein. Ob die Ukraine weiterkommt, wird sich heute zeigen. Stellt sich die Frage: Beflügelt oder lähmt ein Heim-Turnier?

von
Eva Tedesco

Die Erwartungen an Gastgebernationen sind an Europa- und Weltmeisterschaften bekanntlich immer hoch. Das war respektive ist 2012 in Polen und der Ukraine nicht anders. Aber Polen ist nach dem 0:1 gegen Tschechien schon nach der Vorrunde ausgeschieden und befindet sich in kollektiver Schockstarre. «Der so leicht vergebenen Chance werden wir noch Jahre nachtrauern», schrieb die Boulevardzeitung «Fakt«. Aber noch viel länger wird den Polen die Scham anhaften, als zweitschlechtester Gastgeber in der EM-Geschichte dazustehen. Die Mannschaft von Trainer Smuda spielte in drei Vorrunden-Partien lediglich zweimal Remis und schied mit zwei Punkten aus. Schlechter waren nur die Österreicher 2008: Der Co-Organisator der Schweiz holte ein mageres Pünktchen in der Vorrunde.

Das aktuelle Turnier ist erst das dritte, das von zwei Nationen gemeinsam organisiert wird. Zuvor waren es die Schweiz und Österreich 2008 und im Jahre 2000 Belgien und die Niederlande, die gemeinsam eine Europameisterschaft ausgetragen haben. Auffällig ist, dass für (bislang) vier dieser sechs «Tandem-Gastgeber» - das Schicksal der Ukraine ist noch offen – das Turnier nach den Gruppenspielen zu Ende war: für Belgien, Österreich, die Schweiz und Polen. Die Holländer kamen vor 12 Jahren bis in den Halbfinal, wo sie an den Deutschen (5:6 im Penaltyschiessen) scheiterten.

Das Problem mit dem Heimvorteil

Dabei spricht man in Fussballerkreisen doch so gern vom Heimvorteil. Ein tolles Heimpublikum kann sehr wohl Einfluss auf Gegner und Schiedsrichter haben und kann beim Heimteam ungeahnte Kräfte freilegen. Sportwissenschafter haben in diversen Statistiken bewiesen, dass es den berühmt-berüchtigten Heimvorteil tatsächlich gibt. «Der Druck wird riesig sein», wusste Polens Captain Jakub «Kuba« Blaszczykowski vor Kickoff zur Heim-EM. «Er kann lähmen, aber auch einen Schub verleihen». Für die Polen war er lähmend.

Dass das Spiel vor heimischer Kulisse Mannschaften über sich hinaus wachsen lassen kann, zeigt auch die EM-Statistik bis zum Jahr 2000: Denn bis zu der EM in Belgien und der Niederlande haben es alle Gastgeber zumindest bis in die Halbfinals geschafft. Portugal (2004) verlor erst den Final überraschend 0:1 gegen Griechenland. Spanien (1964), Italien (1968) und Frankreich (1994) wurden im eigenen Land Europameister.

Fehlende fussballerische Qualität

Dieses Phänomen ist auch an Weltmeisterschaften zu erkennen, wo der Gastgeber das Turnier meist unter den besten vier Teams beendete oder zumindest bis in die Halbfinals einzog (sechs WM-Ausrichter wurden auch Weltmeister). Bis 2010: Südafrika beendete die Gruppenspiele hinter Uruguay und Mexiko auf dem dritten Platz und war der erste WM-Gastgeber in der Geschichte, für den schon nach der Vorrunde Schluss war.

Im letzten Jahrzehnt sind aber zunehmend fussballerisch schwächere Nationen von der Uefa und Fifa als Gastgeberländer ausgewählt worden. Heimvorteil hin oder her: Bei fehlender Klasse und spielerischer Qualität hilft auch die beste Fan-Unterstützung nichts.

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