Nordsyrien: Bomben treffen Lager – «die Türkei hilft den IS-Terroristen» 

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NordsyrienBomben treffen Lager – «die Türkei hilft den IS-Terroristen» 

Ein Schweizer arbeitet im nordsyrischen Rojava. Er berichtet, wie er dort die angelaufene Offensive der Türkei erlebt und was ihn am meisten sorgt. 

von
Ann Guenter
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Beschuss beim Lager Al Hol, in dem 50’000 Menschen leben, darunter … 

Beschuss beim Lager Al Hol, in dem 50’000 Menschen leben, darunter … 

YPJ Information and Documentation
… Tausende IS-Anhängerinnen, die dort ein «Minikalifat» errichtet haben. Vor kurzen wurden dort zwei Mädchen (12, 15) geköpft, mutmasslich, weil sie sich nicht an die IS-Regeln hielten. 

… Tausende IS-Anhängerinnen, die dort ein «Minikalifat» errichtet haben. Vor kurzen wurden dort zwei Mädchen (12, 15) geköpft, mutmasslich, weil sie sich nicht an die IS-Regeln hielten. 

REUTERS
«Mit den Angriffen auf Camps und Gefängnisse beabsichtigt die Türkei, den IS wiederzubeleben und IS-Familien und -Mitgliedern zur Flucht zu verhelfen», sagt … 

«Mit den Angriffen auf Camps und Gefängnisse beabsichtigt die Türkei, den IS wiederzubeleben und IS-Familien und -Mitgliedern zur Flucht zu verhelfen», sagt … 

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Darum gehts

Die Türkei setzt ihre neuste Offensive mit Luftschlägen gegen kurdisch kontrollierte Gebiete in Nordsyrien fort. Thomas Zumbühl (24) aus Stans erlebt die türkische Offensive direkt mit. Er arbeitet als Freiwilliger bei den Behörden in der kurdischen Autonomen Administration von Nord- und Ostsyrien, Rojava. Mit Foto will er sich nicht zeigen.  

Er sei vor einem Jahr nach Syrien gekommen, weil er sich «immer fremder gefühlt habe in der Schweiz mit dem ununterbrochenen Konsum und dem Verlust unserer Kultur und Traditionen». Rojava sei inspirierend für viele, die «von einer menschlicheren Welt träumen und dafür arbeiten wollen», so Zumbühl. Jetzt aber dominieren hier Krieg und Gewalt.

«Die Menschen hier erwarten von Erdogan nichts anderes»

«In Derik ist ein älterer Mann getötet worden, der uns kurdische Tänze beigebracht hatte», berichtet der Schweizer. Das mache ihn traurig und wütend, stärke aber auch den Willen zum Widerstand. «Die Menschen hier erwarten von Erdogan nichts anderes – jedoch aber von den Menschen in den Staaten Europas, die mit der Türkei Deals machen und sogar Waffen liefern.» 

Seine eigene Sicherheit scheint für Zumbühl weniger im Vordergrund zu stehen. Angst aber hat er, dass jihadistische Gruppierungen von der türkischen Offensive profitieren könnten. So habe es auch in der Provinz Deir ez-Zor, in der der Islamische Staat (IS) weiterhin mit vielen Zellen aktiv ist, Luftschläge gegeben und seien kurdisch-arabische Sicherheitskräfte der Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) bombardiert worden. «Solche Angriffe fördern bewusst die Rückkehr des IS», sagt Zumbühl. 

Einschläge bei IS-Gefängnis und IS-Camp 

Seine Sorge scheint nicht unbegründet. Türkische Granaten schlugen in der Nähe eines Gefängnisses in Qamishlo ein, in dem Kämpfer der IS-Terrorgruppe sitzen. Auch Aussenbereiche des berüchtigten Flüchtlingslagers Al-Hol, in dem auch Tausende Anhängerinnen des IS leben, wurden von drei Luftschlägen getroffen, so die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte.

Einigen Frauen gelang es demnach, aus dem Camp zu entkommen. Sie konnten aber von den kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) wieder eingefangen werden. Die Türkei sieht die YPG genauso als Terrororganisation wie die kurdische Arbeiterorganisation PKK. Von den USA und anderen Staaten wird die YPG hingegen unterstützt.

«Türkei will IS wiederbeleben»

Die YPG sowie die dazugehörenden Frauenverteidigungseinheiten (YPJ) waren im Kampf gegen die IS-Terrororganisation in Syrien von entscheidender Bedeutung. Entsprechend gross ist der Frust angesichts der heiklen Beschüsse.

YPJ-Sprecherin Ruksen Mihemed sagt gegenüber 20 Minuten: «Mit den Angriffen auf Camps und Gefängnisse beabsichtigt die Türkei, den IS wiederzubeleben und IS-Familien und -Mitgliedern zur Flucht zu verhelfen.» Die türkischen Angriffe würden dem IS weiter den Weg ebnen, denn «die Lage in den Lagern und Gefängnissen gerät zunehmend ausser Kontrolle. Die Folge wird katastrophal und unser Kampf gegen den IS vergebens sein.» 

Ob die Türkei Ausbrüche von IS-Kämpfern und ihren Familien durch Beschüsse von  Gefängnissen und Camps tatsächlich bewusst lenkt oder auch nur in Kauf nimmt, lässt sich nicht mit Bestimmtheit sagen. Fakt ist, dass die Türkei den IS und andere jihadistische Gruppen lange unterstützte. Erst mit Anschlägen des IS auf türkischem Territorium änderte sich die Laissez-faire-Einstellung. 

«US-Soldaten durch türkische Angriffe gefährdet»

Auch der Amerikaner David Eubank von den Free Burma Rangers, einer humanitären Hilfsorganisation, erlebt den Beginn von Anakars Offensive vor Ort mit. «Wir sind auf einer Anhöhe gut 20 Kilometer von Kobane entfernt», berichtet der ehemalige US-Elitesoldat 20 Minuten.

Es gebe von Osten und Westen her Luftschläge, aber auch Angriffe mit Mörsern. «Einer traf auch die Schule eines kleinen Ortes namens Koran. Hier sind die meisten Leute bereits geflohen.» Er denke deswegen nicht, dass es Todesopfer oder Verletzte gab. 

«Aber überall haben die Menschen wirklich Angst, vor allem, weil Erdogan jetzt auch von Bodentruppen spricht. Dafür haben wir bislang jedoch noch keine Anzeichen gesehen, aber die drohende Bodenoffensive ist in aller Munde», sagt Eubank weiter. 

Neben Amuda nahe der türkischen Grenze sei auch Tel Tamr, gut 40 km nördlich der Stadt al-Hasaka, beschossen worden – «es gab einen Einschlag keine hundert Meter von einer US-Basis entfernt», so Eubank. Das bestätigte das Zentralkommando der US-Armee (Centcom): «US-Soldaten wurden durch türkische Angriffe in Syrien gefährdet», hiess es. 

Erhöht türkische Offensive die Terrorgefahr? 

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