Ostschweiz : «Die typische Hexe ist keine Warzenfrau mehr»
Aktualisiert

Ostschweiz «Die typische Hexe ist keine Warzenfrau mehr»

Dörfler, die ein angebliches Spuk-Haus meiden, ein Bauer, der gemobbt wird, weil sein Grossvater ein Hexer war: In der Ostschweiz ist der Glaube an Geister und Hexen noch sehr präsent.

von
nab

Wer glaubt, schwarze Magie sei in der heutigen Zeit kein Thema mehr, täuscht sich. In Wuppenau TG tobt seit hundert Jahren ein Nachbarschaftsstreit. Ein Bauer soll vor Jahren die Tiere der anderen Landwirte verhext haben – sein Enkel fühlt sich heute noch von den Nachbarn gemobbt. Und auch in Speicher AR glauben viele an die magischen Kräfte von Verstorbenen: Ein Ehepaar soll dort vor 100 Jahren Nachbarn mit Flüchen belegt haben, bis es 1916 ermordet wurde. Noch heute gibt es Dorfbewohner, die die Gegend meiden, wo das Haus des Paares stand.

«Die Magie ist allgegenwärtig, und zwar nicht nur in Dörfern», sagt Sektenexperte Georg Otto Schmid. Auch Menschen aus der Stadt würden daran glauben. Magie und Okkultismus seien in der heutigen Zeit genauso präsent wie vor hundert Jahren, so Schmid. Man gehe einfach anders damit um. «Früher verbrannte man die Hexen, heute mobbt man sie.»

Es gebe nach wie vor viele Menschen, die an schwarze Magie glauben, sagt er weiter. «Auch ein sehr rationaler Mensch kann sich plötzlich mit der Thematik befassen und Gefallen daran finden – beispielsweise nach einem Schicksalsschlag.» Es liege in der Natur des Menschen, einen Schuldigen für seine missliche Lage zu finden. Und es sei halt immer einfacher, andere dafür verantwortlich zu machen, wenn es im eigenen Leben mal nicht so läuft.

Anderssein als Verdachtsmoment

«Die typische Hexe wird schon lange nicht mehr durch die Warzenfrau verkörpert», sagt Schmid. Es müsse nur jemand ein bisschen anders sein – besonders hübsch oder hässlich, extrem intelligent oder dumm. «Kein Durchschnittsmensch wird je der Hexerei verdächtigt», bilanziert er.

Soziologe und Sektenexperte Christian Ruch ist ähnlicher Meinung: «Jemand, der sich anders verhält als erwartet, ist prädestiniert dazu, Hexe oder Magier genannt zu werden. Es reicht auch schon, wenn die Menschen nur das Gefühl haben, er sei anders.» Das sei schon früher so gewesen, sagt Ruch. «So wurden in der Zeit der Hexenverfolgung auch Frauen, die unverheiratet Sex hatten, verurteilt und verbrannt. Das gehörte einfach nicht zum Verhalten einer Frau.»

Für manche Menschen sei diese Bezeichnung allerdings ein Kompliment, sagt Schmid. Sie nennen sich selbst Hexe oder Magier, natürlich nur im guten Sinne. «Denn wer würde schon zugeben, mit schwarzer Magie zu experimentieren? Niemand. Auch wenn er es könnte.»

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