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GSG 9Die Über-Antiterror-Einheit wird 40

Am Anfang stand ein Desaster: Die Geiselbefreiung 1972 in München endete in einem Blutbad. Das Fiasko war die Geburtsstunde der legendären deutschen Spezialeinheit GSG 9.

von
Daniel Huber

In der Nacht vom 5. auf den 6. September 1972 verloren die Olympischen Sommerspiele von München endgültig ihre Unschuld. Der Versuch der deutschen Polizei, acht palästinensische Terroristen auszuschalten und ihre israelischen Geiseln zu befreien, endete in einem Blutbad. 15 Menschen starben bei der wilden Schiesserei auf dem Fliegerhorst Fürstenfeldbruck bei München, darunter alle neun Geiseln.

Im Tower in Fürstenfeldbruck beobachtete ein Mann das blutige Desaster, der später als «Held von Mogadischu» gefeiert werden sollte: Ulrich Wegener, damals Verbindungsoffizier des Bundesgrenzschutzs im Bundesinnenministerium. «Es waren die schrecklichsten Stunden meiner Laufbahn», erinnerte er sich später, «die deutsche Polizei war hilflos, das war für mich unfassbar.» Dagegen musste etwas unternommen werden.

Geburt eines Mythos: «Operation Feuerzauber»

Das Fiasko von Fürstenfeldbruck wurde zur Geburtsstunde einer Spezialeinheit, die Geschichte schrieb: die GSG 9. Am 26. September 1972 beauftragte der damalige Innenminister Hans-Dietrich Genscher den BGS-Oberstleutnant Wegener mit der Aufstellung der Antiterror-Einheit. Im April 1973 waren die ersten zwei Trupps einsatzbereit. Bei der Fussball-Weltmeisterschaft 1974 in Deutschland kam die neu geschaffene Truppe zu ihren ersten Einsätzen.

Die wahre Feuerprobe der GSG 9 erfolgte indes erst fünf Jahre nach ihrer Gründung: Die «Operation Feuerzauber», die Erstürmung der entführten Lufthansa-Maschine «Landshut» in der somalischen Hauptstadt Mogadischu in der Nacht auf den 18. Oktober 1977, wurde ihr bisher grösster Erfolg. Bei der höchst professionell ausgeführten Aktion, die nur sieben Minuten dauerte, wurden drei der vier palästinensischen Geiselnehmer getötet und alle 86 Geiseln lebend befreit. Die Nacht von Mogadischu machte die GSG 9 weltweit bekannt und begründete einen Mythos, von dem die Truppe heute noch zehrt.

Tod in Bad Kleinen

Seit ihrer Gründung hat die GSG 9 rund 1700 Einsätze absolviert. Die Öffentlichkeit bekam davon allerdings kaum etwas mit; die Elitetruppe bewahrt über die meisten Einsätze Stillschweigen, um Taktiken nicht aufzudecken und das Überraschungsmoment zu wahren. Nur wenige Aktionen machten Schlagzeilen, und beileibe nicht alle davon waren positiv. So gab es kritische Stimmen nach dem Zugriff auf dem Bahnhof von Bad Kleinen im Juni 1993, als 37 GSG-9-Beamte und 60 Polizisten die RAF-Terroristen Birgit Hogefeld und Wolfgang Grams festnehmen wollten. Dabei kam es zu einem Schusswechsel; Grams und der GSG-9-Beamte Michael Newrzella starben – der erste im Dienst getötete GSG-9-Mann.

Der GSG 9 wurde unterstellt, sie habe Grams exekutiert, doch die offizielle Untersuchung unter Beteiligung des Wissenschaftlichen Dienstes der Stadtpolizei Zürich stellte Suizid fest. Der im Ruhestand lebende Gründer und langjährige Kommandant der GSG 9, Ulrich Wegener, schob erst kürzlich die Schuld für die missglückte Aktion dem BKA zu, das damals die Führung übernommen hatte.

Aktionen abgeblasen

In den letzten Jahren erregte die Elitetruppe vor allem mit drei Aktionen Aufsehen, wobei nur eine davon wirklich ausgeführt wurde. Im September 2007 war ein Kommando der GSG 9 an der Festnahme der sogenannten Sauerland-Gruppe beteiligt, einer islamistischen Terrorgruppe. Die geplante Befreiung von entführten Touristen im Grenzgebiet von Ägypten, Sudan und Tschad im September 2008 – die Operation «Desert Fox» – wurde dagegen abgeblasen, ebenso die geplante Erstürmung des im April 2009 von somalischen Piraten entführten deutschen Frachters «Hansa Stavanger».

Im Rahmen von «Desert Fox» waren 150 Mann ins Einsatzgebiet geflogen, doch die Entführer liessen die Geiseln frei, bevor der Zugriff erfolgte. Beim Fall des entführten Containerschiffs wurden 200 Mann nach Kenia verlegt, aber Berlin gab aufgrund des hohen Risikos kein grünes Licht. Der Frachter wurde später nach einer Lösegeldzahlung wieder freigegeben. Auch hier äusserte Wegener Kritik: Die Politik habe aus Angst vor Verlusten einen Rückzieher gemacht, was er «für einen grossen Fehler gehalten» habe.

Trotz einiger Rückschläge erfreut sich die legendäre Eliteeinheit im In- und Ausland einer «hohen Wertschätzung», wie der deutsche Innenminister Hans-Peter Friedrich am offiziellen Festakt in Bonn festhielt, der bereits am 17. September stattfand. Während GSG-9-Chef Lindner bei diesem Anlass auf Nachwuchsprobleme hinwies, lobte Friedrich die GSG 9 als «eine der leistungsstärksten Spezialeinheiten der Welt».

Video: «GSG 9 – Dokumentation»

(Quelle: Youtube/LGStudio100)

Die offizielle Bezeichnung der deutschen Antiterror-Einheit lautet «GSG 9 der Bundespolizei» (kurz GSG 9 BPOL). Vor dem 1. Juli 2005, als die Bundespolizei noch Bundesgrenzschutz hiess, lautete ihr Name «Grenzschutzgruppe 9». Da der Bundesgrenzschutz beim Zeitpunkt der Gründung dieser Einheit acht Truppeneinheiten aufwies, erhielt die neue Truppe die Zahl 9.

Die GSG 9 ist dem Bundesministerium des Inneren unterstellt und hat ihren Hauptsitz im nordrhein-westfälischen Sankt Augustin. Sie wird seit 2005 von Olaf Lindner geführt. Ihre genaue Truppenstärke ist geheim; sie lag am Anfang bei 180 Mann und dürfte heute zwischen 270 und 450 Mann betragen. In der Elitetruppe dienen spezialisierte Einsatzkräfte, unter anderem Taucher, Präzisionsschützen und Fallschirmspringer. Sie kommen bei Fällen von Luft- und Seepiraterie, Attentaten auf ausländische Staatsgäste oder organisierter Kriminalität zum Einsatz.

Seit ihrer Gründung hat die Einheit, der aufgrund der physisch sehr harten Aufnahmeprüfungen keine Frauen angehören, zwischen 1600 und 1700 Einsätze absolviert. Für den Einsatz der Truppe ausserhalb Deutschlands ist kein Bundestagsmandat notwendig. Da ihr 1995 der Kombattantenstatus entzogen wurde, darf sie aber keine Kriegseinsätze führen.

(Wikipedia.org / sondereinheiten.de)

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