Krieg in der Ukraine – «Die Ukraine ist aktuell auf sich allein gestellt»

Publiziert

Krieg in der Ukraine«Die Ukraine ist aktuell auf sich allein gestellt»

Russland greift die Ukraine an. Das Ziel Wladimir Putins ist es, nicht weniger als die ganze Ukraine einzunehmen, sagt der Sicherheitsforscher Niklas Masuhr.

von
Daniel Krähenbühl
20Min

Die Lage in der Ukraine eskaliert: Am frühen Donnerstagmorgen kündigte Putin eine Militäroperation in der Ukraine an, in den vergangenen Stunden wurden zahlreiche ukrainische Städte und Stellungen bombardiert. Doch was ist das Ziel Putins? Und: Wird der Krieg womöglich auf andere Länder Europas übergreifen? Niklas Masuhr, Sicherheitsforscher am Center for Security Studies der ETH Zürich, nimmt Stellung zu den wichtigsten Fragen.

Russland verneint seit Wochen, dass ein Angriff auf die Ukraine geplant ist. Wieso folgt die Invasion gerade jetzt? 

2019 kam mit Wolodimir Selenski in der Ukraine eine Regierung an die Macht, die sich als deutlich weniger russlandfreundlich erwies, als erwartet wurde. Der Aufmarsch in der Region hat bereits damals begonnen. Mittelfristig befürchtete Putin wohl, dass sich die Ukraine weiter in den Westen integrieren würde, auch ohne Nato-Mitgliedschaft. Jetzt hat man ein Zeitfenster gesehen, in dem eine solche militärische Operation, wie wir sie heute sehen, noch durchführbar ist. Inwieweit diese Kalkulationen Russlands zutreffen, ist noch offen. 

Wie beurteilen Sie das militärische Vorgehen der russischen Streitkräfte?

Der jetzige russische Angriff – mit gepanzerten Vorstössen im Osten und auch aus Belarus, Luftschlägen und Marschflugkörpern – das ist ein maximales Szenario, keine limitierte militärische Offensive. Man muss also davon ausgehen, dass es darum geht, die ganze Ukraine politisch-strategisch zu neutralisieren, nicht «nur» die Region Donbass oder die Region östlich der Dnepr.

Ich gehe davon aus, dass die russischen Streitkräfte den Krieg am liebsten als Manöverkrieg führen – also ein Krieg ausserhalb der Städte mit dem Ziel, die ukrainische Armee stark zu dezimieren. Wenn das nicht reicht, Kiew dazu zu bewegen, Russlands Forderungen zu erfüllen, sprechen wir von einer weiteren Eskalation: militärische Schläge auf zivile Ziele und Einrichtungen, ein Eindringen von Bodentruppen in Städte – auch in Kiew. 

«Unter Umständen wird der Widerstand der ukrainischen Bevölkerung in Russland noch unterschätzt.»

Niklas Masuhr.

Welches Ziel verfolgen die russischen Truppen in der Ukraine?

Es scheint das Ziel zu sein, die Verbindung der Ukraine zum Westen zu kappen. Ob eine Marionettenregierung installiert wird, das Land partiell besetzt wird oder andere Modelle in Frage kommen, ist noch unklar. Das hängt von den politischen Zielen Russlands ab und wie sich die militärische Lage in der Ukraine entwickelt. Was aber klar ist: Russland traut sich eine vollständige Invasion und Einnahme der Ukraine zu – und auch die Phase nach dem konventionellen Krieg. Dabei ist jedoch mit einem beträchtlichen Widerstand der ukrainischen Bevölkerung zu rechnen. Unter Umständen wird das in Russland noch unterschätzt.

Wie lange wird die russische Armee einen solchen Angriff aufrechterhalten können?

Die russischen Streitkräfte haben jetzt knapp ein Jahr lang mobilisiert, es ist also davon auszugehen, dass die Logistik im Hintergrund eine längerfristige militärische Offensive zulässt. Russland hat über der Ostukraine eine Warnung für die Zivilluftfahrt ausgesprochen, die bis auf den 18. Mai datiert ist. Das ist ein Indikator dafür, dass das russische Militär glaubt, die Invasion und den ersten Übergang in eine politische Lösung in dieser Zeit durchzuführen. Ob das realistisch ist, weiss ich nicht. Auf dem Papier ist Russland stark überlegen. Im Krieg läuft es aber oft nicht so, wie man es sich vorstellt.

Wird der Krieg nun auf andere Länder oder auf die Nato übergreifen? Kommt es gar zu einem Weltkrieg?

Das Risiko, dass es zu einer Eskalation mit der Nato kommt, schätze ich als sehr gering ein. Zwar befinden sich einige militärische Operationen der russischen Streitkräfte im Westen der Ukraine und damit nah der polnischen Grenze. Sowohl die Nato als auch Russland werden aber bemüht sein, Zusammenstösse und Unfälle zu verhindern. Ähnliches haben wir in den letzten Jahren in Syrien gesehen, wo es trotz unterschiedlichen Prioritäten zu keinen nennenswerten militärischen Zusammenstössen zwischen amerikanischen und russischen Streitkräften gekommen ist. Deshalb denke ich nicht, dass es sich zu einem Flächenbrand ausweitet – die Ukraine ist aktuell auf sich allein gestellt.

Haben die Sanktionen des Westens einen Einfluss auf das weitere russische Vorgehen?

Ich denke nicht, dass die Sanktionen einen massgeblichen Einfluss auf die Invasion in der Ukraine haben. Zumindest kurzfristig werden die Sanktionen der Ukraine nicht helfen. Moskau hat schliesslich gewusst, dass die Sanktionen kommen werden und sich darauf eingestellt. Was aber den Tag nach der russischen Militäroperation betrifft, ist noch offen. Das Bild im Westen von Putin und Russland hat sich in den letzten Wochen aber sicherlich gewandelt.

«Das Bild im Westen von Putin und Russland hat sich in den letzten Wochen sicherlich gewandelt.»

Niklas Masuhr.

Wie meinen Sie das?

Die Annahmen von Rationalität, die Putin zugeschrieben wurden – auch von politischen Beobachtern – werden nun revidiert. Russland hat mit seiner plumpen Invasion des Nachbarstaates bewiesen, dass es – motiviert von Grossmachtsfantasien und nationalistischer Geschichtsrevision – ein weniger rational kalkulierender Akteur ist als angenommen. Die Haltung Europas gegenüber Russland wird sich dementsprechend ändern. Es wird die Diskussionen zur erhöhten Verteidigungsbereitschaft und höheren Rüstungsbudgets beeinflussen, sowohl bei der Nato als auch bei vielen europäischen Staaten. 

Niklas Masuhr ist Sicherheitsforscher am Center for Security Studies der ETH Zürich. Seine Forschung bezieht sich auf gegenwärtige Konflikte, Verteidigungspolitik und Militärstrategien.

Niklas Masuhr ist Sicherheitsforscher am Center for Security Studies der ETH Zürich. Seine Forschung bezieht sich auf gegenwärtige Konflikte, Verteidigungspolitik und Militärstrategien.

20min/Marco Zangger

My 20 Minuten

Als Mitglied wirst du Teil der 20-Minuten-Community und profitierst täglich von tollen Benefits und exklusiven Wettbewerben!

Deine Meinung

43 Kommentare